Verblasste Warnung im Pflaster: Warum Dresdens Rad-Politik Fragen aufwirft
Dresden. Seit Ende Juni zählt am Sachsenplatz ein neues digitales „Fahrradbarometer" jeden vorbeirollenden Radfahrer - die zweite Anlage dieser Art in Dresden nach der an der St. Petersburger Straße. Für Team Zastrow ist das ein Ärgernis mit Ansage. Die Fraktion um Holger Zastrow nennt die Zähler „Verkehrs-Schnickschnack" und erinnert daran, dass es die Barometer ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler geschafft haben.
Rund 110.000 Euro - und ein Stopp per Stadtratsbeschluss
Schon die erste Anlage an der St. Petersburger Straße hatte für Aufsehen gesorgt: Knapp 90.000 Euro kosteten die beiden dortigen Geräte. Am Sachsenplatz wurde es mit rund 110.000 Euro sogar noch teurer - den Aufschlag begründet die Stadt mit höheren Tiefbaukosten. Am 13. November zog der Stadtrat die Reißleine und stoppte mit den Stimmen von CDU, AfD, Team Zastrow und FDP/Freie Bürger sämtliche weiteren geplanten Standorte. Nur der Sachsenplatz durfte kommen: Das Barometer war da längst bestellt, produziert und unterwegs.
Zastrows Vorwurf - und die Antwort der Stadt
Was Zastrow besonders aufstößt: Während am Sachsenplatz nun öffentlichkeitswirksam Räder gezählt werden, warte die Hauptstraße noch immer auf belastbare Zahlen. Dabei habe Verkehrsbürgermeister Stephan Kühn (Grüne) dort ausdrücklich zugesagt, die Auswirkungen auf Fuß- und Radverkehr zu untersuchen. „Wer ernsthaft die Sicherheit der Fußgänger und Radfahrer verbessern will, muss dort etwas tun, wo die Probleme auftreten - und nicht dort, wo sich schöne Zahlen präsentieren lassen", so der Fraktionschef.

Die Stadt hält dagegen: Gezählt wurde sehr wohl. Am 3. und 6. September 2025 erfasste das Straßen- und Tiefbauamt an den Knoten Neustädter Markt und Dreikönigskirche/Hauptstraße den Auto-, Rad- und Fußverkehr. Die Auswertung soll allerdings erst mit der nächsten Beschlusskontrolle veröffentlicht werden - bis dahin bleiben die Ergebnisse unter Verschluss.
Konflikte zwischen Rad- und Fußverkehr auf der Flaniermeile
Und Konfliktstoff gibt es auf der Flaniermeile zwischen Albertplatz und Goldenem Reiter genug. Seit dem Einsturz der Carolabrücke rollt hier spürbar mehr Radverkehr, immer wieder prallen Tempo und fehlende Rücksicht auf den Fußgängerstrom. Der ADFC hat dafür eigene Vorschläge vorgelegt - von Ausweichrouten über Albert- und Königstraße bis zu einer klareren Bündelung des Radverkehrs.
Verblasste Piktogramme statt großer Lösung
Die Stadt selbst sieht die Lage gelassener. Einen Unfallschwerpunkt gebe es nicht - die Polizei habe für die Hauptstraße keine Unfallhäufungsstellen gemeldet. Statt eines separaten Radwegs setzt das Rathaus auf kleine Schritte: aufgemalte Piktogramme mit dem Schriftzug „Bitte Langsam", ein Zusatzschild „Radverkehr frei" und gemeinsame Aktionen mit der Polizei. Ausgerechnet vom sanften Appell ist jedoch nicht mehr viel übrig: Vor allem auf der der Königstraße zugewandten Seite sind einige der Markierungen längst verblichen und abgefahren.
Einen Radweg quer über die Mittelachse hat der Denkmalschutz bereits im März 2025 abgelehnt - die Promenade mit ihren Brunnen und Sitzplätzen solle ein Ort zum Verweilen bleiben, keine Radpiste werden. Ein technisches Tempolimit lässt sich ohnehin nicht durchsetzen: Fahrräder tragen kein Kennzeichen.
Teure Stelen, stille Sensoren
Die auffälligen Anzeige-Stelen sind damit Geschichte - der Datenhunger der Stadt aber nicht. Im Boden verbaut, kaum sichtbar und deutlich günstiger, wächst ein Netz optoelektronischer Zählstellen weiter: elf sind geplant, fünf gebaut, sechs beauftragt, rund 12.190 Euro Eigenanteil je Standort. Solche Zähler, betont der Fachbereich, seien bundesweit üblich und lieferten wertvolle Daten für die Verkehrsplanung.
Dass es die Radler dabei nicht immer leicht haben, zeigt sich zur Weihnachtszeit: Dann wird die Hauptstraße, eine wichtige Nord-Süd-Achse, regelmäßig für sie gesperrt - was der ADFC scharf kritisiert.
Ein Widerspruch, der bleibt
Und selbst der eingesparte Betrag hilft der Hauptstraße kaum weiter. Zwar soll das Geld laut Ratsbeschluss in ein Verkehrskonzept für die Flaniermeile fließen. Doch der Löwenanteil des rund 940.000 Euro schweren Förderprojekts stammt aus Bundesmitteln - 65 Prozent, zweckgebunden für die „Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme", nicht für einen Radweg. Frei würde damit allenfalls der kleine städtische Eigenanteil.
So bleibt ein kurioses Bild: Am Sachsenplatz zählt eine teure Anlage Räder, die dort kaum jemanden stören - während wenige hundert Meter weiter die Warnhinweise verblassen, Fußgänger und Radfahrer aneinander vorbeischrammen und die längst erhobenen Zahlen zur Hauptstraße weiter in der Schublade liegen.