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„So soll das bitte auch bleiben“: Edeltraut (90) bangt um ihr Lingnerschloss

Lingnerschloss von oben
Edeltraut Großer (90) möchte, dass das Lingnerschloss für alles zugänglich bleibt. (Bild: Montage: Pixabay (Toni2001) und privates Bild)
Von: Thomas Wolf
Auf der Terrasse saß Edeltraut Großer mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Roland und blickte über Dresden. Mit ihrer Freundin kam sie zum Essen, mit ehemaligen Klassenkameraden zum Wiedersehen. Noch im Frühjahr war die heute 90-Jährige wieder dort. Jetzt macht ihr die ungewisse Zukunft des Lingnerschlosses Sorgen.

Dresden. Wenn Edeltraut Großer vom Lingnerschloss erzählt, sieht sie nicht zuerst ein Denkmal an den Dresdner Elbhängen. Sie sieht Roland. „Roland und ich haben sehr oft und sehr lange auf der Terrasse gesessen und über Dresden geschaut und gesprochen“, sagt sie. Ihr Mann ist inzwischen verstorben. Die Erinnerungen an die gemeinsamen Stunden über dem Elbtal sind geblieben.

Edeltraut wurde 1936 in Dresden geboren. Roland lernte sie als junge Frau bei einem Tanzabend im Kurhaus Bühlau kennen. Er konnte sehr gut tanzen. Sie erinnert sich an ihn als belesen, aufmerksam, freundlich, lieb und arbeitsam. Aus der Begegnung wurde eine Ehe und ein gemeinsames Leben in Dresden.

Das Lingnerschloss wurde irgendwann Teil dieses Lebens. Deshalb trifft die Diskussion über die Zukunft des Schlosses die 90-Jährige persönlich: „Ich möchte nicht, dass es geschlossen wird.“

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Selbst die Freundin aus Stuttgart wollte immer hierher

Es sind viele kleine Geschichten, die Edeltraut mit dem Schloss verbindet. Nicht die großen Empfänge oder prominenten Gäste. Ein Essen. Ein Gespräch. Ein Blick von der Terrasse.

Eine Freundin zog aus Dresden weg und lebt in Stuttgart. Wenn sie zurück in ihre alte Heimat kam, gehörte ein Ort offenbar fest zum Besuchsprogramm. „Wenn meine Freundin aus Stuttgart kam, wollte sie als ehemalige Dresdnerin immer zum Lingnerschloss. Wir haben die tolle Bewirtung im Restaurant immer sehr genossen.“

Auch ihre früheren Mitschüler traf Edeltraut dort. „Ich erinnere mich auch gern an unsere Klassentreffen, die wir auf dem Lingnerschloss hatten. Auch wenn wir altersbedingt nur noch zu dritt sind, waren wir im Frühjahr wieder da“, sagt sie. 

Dieser Satz erzählt fast nebenbei, wie viel Zeit vergangen ist. Edeltraut ist inzwischen 90 Jahre alt. Als Achtjährige erlebte sie im Februar 1945 die Bombardierung Dresdens. Sie saß mit ihrer Familie im Luftschutzkeller und ging später mit ihrer Mutter durch die brennende Stadt. Nach dem Krieg folgten Hungerjahre. Später arbeitete sie bei der Deutschen Investitionsbank und bei der Energieversorgung Dresden.

Sie hat erlebt, wie sich Dresden immer wieder verändert hat. Manche Orte aber begleiten einen Menschen über Jahrzehnte.

Das Lingnerschloss ist für Edeltraut so ein Ort.

Die Friedensburg lässt sie an den neuen Betreibern zweifeln

Gerade deshalb beobachtet Edeltraut aufmerksam, was derzeit um das Schloss passiert.

Die Unternehmer Thomas Bohn und Oliver Kreider haben einen Vertrag zur Übernahme des noch 44 Jahre laufenden Erbbaurechts geschlossen. Der Kaufpreis liegt nach Angaben der Investoren bei 1,65 Millionen Euro. Voraussetzung ist die Zustimmung des Dresdner Stadtrates, der nach bisherigem Stand am 3. September darüber entscheiden soll. Eigentümerin des Schlosses bleibt die Stadt Dresden.

Bohn und Kreider versprechen, dass das Lingnerschloss öffentlich bleiben soll. Geplant sind unter anderem Café, Gastronomie, Biergarten und Kulturveranstaltungen. Auch die Terrasse mit dem Blick über Dresden soll für Besucher zugänglich bleiben.

Edeltraut ist trotzdem skeptisch.

"Die Neuen haben ja in Radebeul schon einmal etwas geschlossen, die Friedensburg."

Ihre Aussage bezieht sich auf die Geschichte der Friedensburg und insbesondere auf Oliver Kreider. Um das Radebeuler Gebäude gab es über Jahre Auseinandersetzungen um Nutzung und öffentlichen Zugang. Auch in der Dresdner Politik wird dieser Fall inzwischen als Argument gegen Kreider angeführt. Die Grünen werfen ihm vor, die Friedensburg der Öffentlichkeit entzogen zu haben.

Dabei muss unterschieden werden: Die Geschichte der Friedensburg reicht weit vor Kreiders Engagement zurück. Die frühere Gaststätte war bereits 1993 geschlossen worden. Später folgten jahrelange Auseinandersetzungen um die Nutzung des Gebäudes.

Ob sich daraus ableiten lässt, wie Bohn und Kreider mit dem Lingnerschloss umgehen würden, ist offen. Ihre öffentlich vorgestellten Pläne sehen ausdrücklich eine weitere Nutzung durch Besucher vor.

Ein Schloss, das den Dresdnern gehören soll

Genau dieser öffentliche Charakter ist keine Nebensache.

Karl August Lingner vermachte das Anwesen der Stadt Dresden und verband dies mit Bedingungen. Die Bevölkerung sollte Zugang zum Park und zum Schloss erhalten. Auch eine Gaststätte gehörte zu seinen Vorstellungen. Sie sollte sich breite Bevölkerungsschichten leisten können.

Mehr als hundert Jahre später wird genau darüber wieder diskutiert: Wie lässt sich das Schloss finanzieren und betreiben, ohne dass aus dem Bürgerschloss ein Ort für wenige wird?

Für Edeltraut Großer ist die Antwort weniger kompliziert.

Sie möchte weiterhin auf diese Terrasse gehen können. Sie möchte, dass andere Dresdner dort sitzen können. Dass ehemalige Dresdner bei einem Heimatbesuch einkehren. Dass sich Freunde treffen. Und vielleicht sogar drei verbliebene Klassenkameraden noch einmal gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Ihr Leben und das ihres Mannes Roland haben sich fast vollständig in Dresden abgespielt. Beide kamen aus Familien ohne großes Vermögen. Sie arbeiteten, sparten für ihre Wohnung und bauten sich ihr gemeinsames Leben auf. Edeltrauts Familiengeschichte fasst ihre Haltung mit vier Worten zusammen: „Alles selbst geschafft.“

Das Lingnerschloss gehört zu den schönen Erinnerungen dieses Lebens.

Und deshalb hat Edeltraut für dessen Zukunft am Ende nur einen Wunsch:

„So soll das bitte auch bleiben.“
Thomas Wolf
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Thomas Wolf

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