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Leipzigs OB Jung: «Amokfahrt hat mich kalt erwischt»

Leipzigs OB Jung: «Amokfahrt hat mich kalt erwischt»
Leipzigs OB Jung: «Amokfahrt hat mich kalt erwischt». (Archivbild) / Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Von: DieSachsen News
Nach der Amokfahrt in Leipzig spricht Oberbürgermeister Jung über persönliche Belastungen, Abschiedspläne und seine Erfahrungen mit gesellschaftlichen Herausforderungen.

Nach 21 Jahren tritt Burkhard Jung als Oberbürgermeister von Leipzig im kommenden Jahr nicht wieder an. Kurz vor Ende seiner Amtszeit durchlebte er mit der Amokfahrt in der Messestadt mit zwei Toten und vielen Verletzten eine besonders schwere Zeit. «Das hat mich kalt erwischt. Man kann auf so etwas auch nicht vorbereitet sein», sagt der 68 Jahre alte SPD-Politiker. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über seine Amtszeit und Zukunftspläne.

Frage: Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von der Amokfahrt in Leipzig hörten?

Das hat mich kalt erwischt. Man kann auf so etwas auch nicht vorbereitet sein. Ich hatte zuvor mit Amtskolleginnen und Amtskollegen anderer betroffener Städte wie Trier oder Magdeburg gesprochen. Man kann viel vorbereiten: dass der Katastrophenstab funktioniert, dass die Feuerwehr gut aufgestellt ist. Aber was die Situation mit dir macht, darauf ist man nicht vorbereitet.

Frage: Gehen Sie seitdem sorgenvoller durch die Innenstadt?

Antwort: Ich möchte Ihnen ehrlich antworten. Meine Naivität im öffentlichen Raum ist seit der großen Flüchtlingslage 2015 nicht mehr gegeben. Ich war damals sehr klar in meiner Haltung: Offenheit, Vielfalt, Gastfreundschaft. Wir haben eine humanitäre Verantwortung. Und es gab sehr schnell Gegenwind. Es gab Morddrohungen, das Bild eines Galgens auf einem Container für eine Flüchtlingsunterkunft mit der eindeutigen Botschaft: Der Jung muss weg. Dann hatte ich kurzzeitig Personenschutz und das hat viel für mich verändert. Seitdem habe ich eine Art 360-Grad-Empfinden. Ich gehe nicht mehr völlig unbefangen mit meinem Kind am Schaufenster vorbei, sondern ich schau auch, wer noch alles da ist.

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Frage: Wie sicher können unsere Innenstädte sein?

Antwort: Unsere Städte sind sicher. Aber wir werden unsere Städte nicht so sicher machen können, dass gar nichts mehr passieren kann. Wenn du die Innenstadt zum Schutz vor Amokfahrern zur Festung ausbaust, dann kann so etwas an der Bushaltestelle, an einem Freisitz oder einer belebten Straße passieren. Es wird keine hundertprozentige Sicherheit im öffentlichen Raum geben. Das dünne gesellschaftliche Eis, auf dem wir uns alle bewegen, wird durch solch ein Ereignis bewusst. Dennoch sollte uns das nicht davon abhalten, mit einem Urvertrauen einander zu begegnen.

Frage: Was sind die schönsten Erinnerungen an Ihre Amtszeit?

Antwort: Da gab es ganz viele schöne Momente. Ein wunderschöner Moment war für mich das erste große Lichtfest am 9. Oktober 2009. Der Versuch war, Menschen wieder auf dem Augustusplatz zusammenzuführen und dann über den Ring spazieren gehen zu lassen, mit Kerzen in der Hand. Und ich weiß noch, wie ich in der Oper im ersten Stock stand und überwältigt war, wie der Augustusplatz nicht nur halb, sondern komplett voll war. Und dann diese Ruhe auf dem Platz, diese Konzentriertheit und die fast andächtige Stimmung.

Es war ein besonderer Moment. Was hält eine Stadt zusammen? Was ist ihre DNA? Tief in der Erinnerung an die Friedliche Revolution 1989, diese unglaubliche Macht der Straße. Dass es noch so lebendig ist, dass die Alten und die Jungen zusammenkommen, man sich Geschichten erzählt, man in die Nacht hineingeht. In so einem Moment liegt eine unglaubliche Kraft, die Leipzig ganz besonders macht.

Frage: Was war problematisch in Ihrer Amtszeit?

Antwort: Eine gute Lehre für mich war 2008 die verlorene Volksabstimmung. Ich wollte damals 49 Prozent der Stadtwerke veräußern und mit dem Geld einen großen Investitionsschub auslösen. Mit 500 Millionen Euro, die auf dem Tisch lagen, hätte man sehr viel bewegen können. Das war das große Ziel, das ich hatte. Und dann zu erleben, wie doch eine große Mehrheit in der Bevölkerung gesagt hat: nein, die Stadtwerke sollen nicht verkauft werden, die bleiben in städtischer Hand. 

Heute, im Nachhinein, sage ich: gut, dass es so gekommen ist. Aber damals war ich sehr enttäuscht. Ich habe aber gemerkt, wie die Leipziger zu ihren städtischen Unternehmen stehen. Das war Bürgerstolz, eine Verbundenheit zu Stadtwerken, Krankenhaus, Kultureinrichtungen, eine hohe Identifikation. Und wie sich zeigte, war das gut.

Frage: Welche Tipps haben Sie für ihre Nachfolger?

Antwort: Man sollte keine Ratschläge an seine Nachfolger geben. Aber die Situation einer gespaltenen Stadt, die wir auch in Leipzig seit Jahren erleben, die muss ich schon sehr, sehr ernst nehmen. Und immer wieder versuchen, Brücken zu bauen. Menschen wünschen sich, dass jemand versucht, die Stadt zusammenzuhalten. Ja, vielleicht ist das das Wichtigste in einer Zeit der Entwurzelung, der Anonymität, der globalen Bedrohung. 

Frage: Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer Amtszeit?

Antwort: Ich habe noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe mich viel zu wenig damit befasst. Fest steht nur: endlich mal Zeit für Familie haben. Meine Frau sagt zu Recht: Jetzt ist die Familie mal dran. Viele sagen mir, ich soll im ersten halben Jahr gar nichts machen. Und auch alles ablehnen, was angeboten wird. Mal schauen. 

ZUR PERSON: Burkhard Jung (68) wurde in Siegen in Nordrhein-Westfalen geboren und ist seit 2006 Oberbürgermeister von Leipzig. Zur nächsten Wahl im Februar 2027 tritt er nicht mehr an. Von 2019 bis 2021 war der SPD-Politiker Präsident des Deutschen Städtetags und ist dies seit 2025 erneut.

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