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Radeln nach Zahlen

Radweg Schild
Radtour durch das Erholungsgebiet Het Twiske nördlich von Amsterdam. Viel Landschaft – und die Twiskemolen. (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Radeln nach Zahlen im niederländischen Het Twiske: ein gut ausgeschildertes Knotenpunktenetz führt stressfrei durch Natur, Wasserlandschaften und zur historischen Poldermühle.

Malen nach Zahlen klingt irgendwie langweilig – aber: es ist gelingsicher. Radeln nach Zahlen ist ebenfalls gelingsicher – und gleichermaßen spannend wie entspannt. Dank der grandiosen Idee des belgischen Bergbauingenieurs Hugo Bollen gibt es mittlerweile ein länderübergreifendes Radwegenetz, in dem man von Kreuzungspunkt zu Kreuzungspunkt radelt und so stressfrei vorankommt.

Entwickelt hat Bollen das Projekt zum Aufbau eines Rad- und Fußwegenetzes im belgischen Limburg, wo Ende des vorigen Jahrhunderts Bergwerke geschlossen wurden. Tourismus sollte folgen – und zwar naturnaher. Bollen entwickelte ein benutzerfreundliches Beschilderungssystem, die Knooppunten (Knotenpunkte). So entstand ein Netz, in dem sich jede(r) eine eigene Tour zusammenstellen kann. Das gesamte Netz ist in beide Richtungen deutlich ausgeschildert, Übersichtskarten an den Knotenpunkten erleichtern die Orientieren – und mittlerweile gibt es natürlich auch Apps, mit denen man planen kann, um dann die Tour abzufahren und/oder aufzuzeichnen (ich nutze fietsknoop.nl am Computer zur Planung und als App zum Tracken). Und obwohl es allein in den Niederlanden um die 10.000 solcher Knotenpunkte gibt, kommen sie mit zweistelligen Zahlen (00 bis 99) aus – viele kleine Netze fügen sich so zum großen, und eine Tour kann durchaus 34 km lang von der 30 (in Purmerend) zur 30 (bei Egmond aan Zee) führen – mit 15 Zwischenzielen im Abstand von einem bis vier Kilometern.

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Eine Tourbeschreibung von Purmerend zum und durchs Erholungsgebiet Het Twiske liest sich dann so: 29-24-23-22-21-15-16-20-19-16-17-12-13-14-60-35-31-30. Während der Fahrt muss man sich immer nur die nächste Zahl merken und den Schildern folgen. Und sollte einmal ein Abschnitt nicht befahrbar sein, weil zum Beispiel eine Brücke dicht ist: auch kein Problem, denn in den Niederlanden werden Radfahrer ernst genommen. Ein großes Schild verrät rechtzeitig, dass der Abschnitt gesperrt ist und die Ersatzroute mit großem Umleitungsschild leicht zu finden ist. Obendrein stand am Anfang der Umleitung ein Auto mit einem freundlichen Menschen, der uns was von "Brug dicht" und so erzählte, aber schnell merkte, dass unsere Kenntnisse des Niederländischen sehr eingeschränkt sind und sofort in astreines Englisch umschaltete. Vorbildlich (und sehr praktisch, denn es wehte ein heftiger Wind – wie üblich beim Radfahren: von vorne, egal in welche Richtung man fährt).

Het Twiske ist als Naherholungsgebiet noch gar nicht so alt, es entstand mit dem Bau der Autobahn A8 und des Coentunnels Anfang der 1960er-Jahre. Für den Bau wurde eine große Menge Sand aus dem Torfgebiet abgetragen und es entstand dabei die bis zu 40 Meter tiefe Kiesgrube Stootersplas. Früher war das Gebiet durch Torfwiesen geprägt, nass ist es da immer noch: ein Drittel der 650 ha sind Wasser. Die Entwürfe für die heutige Gestaltung von Het Twiske entstanden ab 1972 durch die Landschaftsarchitektin Mariske Pemmelaar-Groot, deren Ziel ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen nach Sport und Erholung im Westen und Süden, dem höheren Naturwert im Norden und dem Erhalt des Feuchtgebietscharakters im gesamten Gebiet war. Für die Tagesausflügler, von denen etliche mit dem Auto kommen (und durch die Parkgebühren zum Erhalt und zur Pflege des Gebiets beitragen), gibt es Strände, einen Abenteuer- und Wasserspielplatz, einen Sprungturm, einen Jachthafen, ein Besucherzentrum, einen Ferienbauernhof, Tagescampingplätze, Restaurants und die Poldermühle Twiskemolen.

Die Mühle ist alt, 1572 ist im Balken eingraviert. Dort steht aber auch eine zweite Zahl: 1974 – aus Gründen, denn ursprünglich stand die Mühle nicht da, wo man sie heute sieht: sie stand in Barsingerhorn. Die Mühle wurde zur Entwässerung des Oostzaan-Polders erworben und steht grenzübergreifend genau auf der Grenze der beiden Dörfer Landsmeer und Oostzaan. Die Flügelspannweite beträgt 24 Meter. Die Mühle entwässert den Twiskepolder als Unterentwässerungssystem des Oostzaan-Polders. Seit 2011 bewirtschaften der Müller Marcel Koop und Marijke Brouwer die Mühle – und nutzen, so weit es geht, dabei die Windkraft. Manchmal drehen sich die Flügel aber auch nur "zu unserem und Ihrem Vergnügen", die große archimedische Schraube ist entkoppelt. Andersherum kann auch ohne Windkraft das Wasser um anderthalb Meter auf die andere Seite des Deichs befördert werden, die Schraube hat auch einen elektrischen Antrieb. Wind ist aber energetisch deutlich günstiger! Das verdrängte Wasser gelangt dann übrigens über den Nordseekanal ins Meer.

Ulrich van Stipriaan
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Ulrich van Stipriaan

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