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Sperma für Honig: Das passiert beim Bienen-Besamungslehrgang

Sperma für Honig: Das passiert beim Bienen-Besamungslehrgang
Kursleiter und Geschäftsführer Ali Ataeian (m) demonstriert den Kursteilnehmern die Methode. / Foto: Martin Schutt/dpa
Von: DieSachsen News
Wie in einer kleinen Thüringer Gemeinde mit Millimeterarbeit und unzähligen Orgasmen die Zukunft der Honigbiene mitgestaltet wird.

Kräftiges Summen ist das akustische Grundrauschen in dem professionell eingerichteten Labor. Denn in dem Gebäude im kleinen thüringischen Elgersburg (Ilm-Kreis) werden Grundsteine für Qualitätshonigbienen gelegt. 

Wie genau das geht, lernen an diesem warmen Julitag fünf Teilnehmer eines speziellen Lehrgangs. Sie sitzen an Labortischen, auf denen große Kästen mit Glasscheiben stehen. Darin erzeugen Bienendrohnen das laute tiefe Summen. Mit einer winzigen Pipette in der einen und einer Bienendrohne in der anderen Hand verfolgen sie alle dasselbe Ziel: die Drohnen zum Orgasmus zu bringen. 

Dafür drücken sie gegen die Brust der Insekten und rollen vorsichtig den Unterleib zwischen den Fingern hin und her, bis das – im Verhältnis zum restlichen Körper bemerkenswert große – Geschlechtsorgan der Tiere geradezu herausschießt und sich an dessen Ende ein großer weißer Tropfen bildet. Dann kommt die Pipette zum Einsatz: Höchst behutsam und präzise muss diese angesetzt werden, um das Sperma aus dem Tropfen aufzunehmen.

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«Spermagewinnung ist eine mühsame Arbeit»

«Die Lehrlinge sind schon den ganzen Vormittag mit Spermasammeln beschäftigt – die Spermagewinnung ist eine mühsame Arbeit», erklärt Ali Ataeian. Als Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich auf die instrumentelle Besamung von Bienenköniginnen spezialisiert hat, weiß der Diplomingenieur mit Schwerpunkt auf Selektion von Honigbienen, wovon er spricht. 

Rund 670 Menschen aus verschiedensten Ecken der Welt hat er schon ausgebildet, damit diese mittels eines von ihm selbst entwickelten Geräts Bienenköniginnen instrumentell besamen können. 

Die Drohnen dafür stammen von Ataeians eigenen Völkern. Im großen Garten hinter dem Labor stehen zig Stöcke mit einer sanftmütigen Bienenart. Ohne Schutzkleidung nähert sich Ataeian einer Baute und zieht vorsichtig eine Königin heraus. 

Währenddessen sammeln seine Lehrlinge ein paar Meter entfernt die stachellosen Drohnen. Mit der bloßen Hand pflücken sie besonders vital wirkende Exemplare aus dem Stock, um sie in ein Holzkästchen mit Luftlöchern zu stecken. Dann geht es zurück ins Labor.

«Das Frustrationslevel muss hoch sein»

Dass die Spermagewinnung bei den Drohnen gelernt sein will, zeigt sich auch, als plötzlich ein lautes Fluchen durch den Raum schallt. «Alles ist rausgekommen! Der ganze Vormittag umsonst!», jammert ein Teilnehmer. Eine ungeschickte Bewegung mit der Pipette hat ihn das über den Tag mühevoll gesammelte Sperma gekostet. 

«Das Frustrationslevel muss hoch sein, vor allem am Anfang, es braucht Übung», sagt Teilnehmerin Maria Corpataux. Gemeinsam mit zwei anderen Züchtern ist sie für den Lehrgang extra aus der Schweiz angereist und hat schon etwas mehr Erfahrung. Das ist auch an dem mit toten Drohnen gut gefüllten Mülleimer an ihrem Labortisch zu erkennen. Denn wie in der Natur sterben die Drohnen, nachdem sie mit dem Samenerguss den Höhepunkt ihres Lebens erreicht haben.

Schließlich demonstriert Ataeian wiederum den Schlusspunkt des Lehrgangs: Zunächst wird die zuvor ausgesuchte Bienenkönigin in einem digital justierbaren Gerät mit CO2 betäubt. «Auch das habe ich entwickelt», sagt Ataeian und fixiert die narkotisierte Königin in dem filigran wirkenden Besamungsgerät. 

Auf einem Bildschirm lässt sich dann verfolgen, wie der Fachmann unter einem Mikroskop mit Hilfe einer winzigen Schlinge die Öffnung am Hinterteil der Königin aufzieht und dann in Millimeterarbeit eine abgemessene Menge des zuvor gesammelten Drohnen-Spermas einspritzt. Dann klebt er eine Markierung auf die Königin und holt sie aus der Fixierung. Wenige Minuten später bewegt sich das Insekt wieder.

Und warum die ganze Frickelei?

Ataeian ist nicht der einzige Anbieter von Geräten und Lehrgängen für Bienen-Besamung. Grundsätzlich ist die Technik auch älter als der 1972 geborene Fachmann: «Die künstliche Besamung ist seit Jahrzehnten etabliert und erprobt und eine sehr gute Methode, um bestimmte Zuchterfolge zu erzielen», ordnet die Direktorin des Länderinstituts für Bienenkunde Hohen Neuendorf, Elke Genersch, ein. Getragen wird die Forschungseinrichtung von den Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Berlin.

So gehe es etwa darum, eine Toleranz der Honigbienen gegen die von der Varroa-Milbe übertragene Krankheit zu erreichen. «Bei uns am Institut wurde in den letzten Jahrzehnten eine Varroa-tolerante Selektionslinie herangezüchtet, bei der der Milbendruck nicht so groß wird. Ein weiteres Ziel ist die Zucht auf eine verbesserte Immunantwort in den Bienen, damit die Bienen toleranter gegen verschiedene Krankheitserreger werden», erklärt Genersch.

Die Expertin fasst zusammen, warum die Zucht bei Bienen besonders herausfordernd ist: «Anders als Rinder oder Pferde sind Bienen frei fliegende Insekten. Ihre natürliche Verpaarung findet an Drohnensammelplätzen in der Luft statt. Die Tiere wissen, wo diese sind, und fliegen sie an. Woher sie das wissen, das wissen wir wiederum nicht.» 

Die Bienenköniginnen fliegen nach der Paarung zu ihrem Volk zurück und ihre spezielle Spermavorratstasche muss dann so gut gefüllt sein, dass dies für den Rest ihres Lebens - also durchaus drei bis vier Jahre - ausreicht, wie Genersch erläutert. 

Spezialorte fürs Bienen-Stelldichein

Alternativen zur instrumentellen Besamung sind sogenannte Belegstellen. Das sind spezielle, oft abgelegene Paarungsplätze, an denen nur ausgewählte Drohnenvölker unterwegs sind. Imker können ihre Bienenköniginnen gezielt dorthin bringen in der Hoffnung, dass sie sich mit den dortigen Männchen paaren. Diese Variante bedeutet aber auch zeitlichen und logistischen Aufwand für die Züchter, wie auch die Teilnehmer bei Ataeians Besamungslehrgang berichten. 

Königinnen lassen sich zudem von mehreren Drohnen besamen und Bienen können mitunter etliche Kilometer weit fliegen, um sich zu paaren. «Belegstellen bieten eine gewisse Sicherheit, mit welchem genetischen Material sich die Königin verpaart. Aber wenn Sie hundertprozentig sicher sein wollen, dass Ihre Königin nur Sperma der gewünschten genetischen Herkunft erhält, ist die künstliche Besamung die einzige Möglichkeit», so Genersch.

Sie räumt ein: «Die künstliche Besamung ist aber eine Spezialität für Züchter und eine künstlich besamte Königin ist teuer.» Das Engagement von Züchtern könne aber nicht überschätzt werden. Denn die Drohnen-Nachkommen der Königinnen verteilten das Zuchtziel dann in der Breite.

«Bestäubung ist das Wichtigste»

Ataeian sieht den nutzen der Zucht auch darin, dass weniger Chemie in der Schädlingsbekämpfung im Bienenstock eingesetzt werden muss: Vitale Völker, denen ein bestimmtes Putzverhalten angezüchtet wurde, könnten eher sich selbst überlassen werden, so seine These.

Der Fachmann sagt auch, dass die Honigproduktion nicht die entscheidende Aufgabe der Honigbiene sei. «Das erste und wichtigste Produkt der Biene ist die Bestäubung.» Und gerade für diese Arbeit müssten die Tiere gestärkt sein.

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