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„Trachten sind weder Lagerfeld noch H&M, sondern Heimat“

Eine Frau schaut in die Kamera und hält auf einem Bügel vor sich eine sorbische Tracht mit Blumenmotiven und Blaudruck.
Wendy Mrosk zeigt im Tachtenhaus Jatzwauk Elemente einer typischen Tracht aus Hoyerswerda. Foto: Gabriele Mark
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Über Jahrhunderte war die sorbische Tracht in Hoyerswerda Alltagskleidung. Aber wie ist das heute? Drei Ortsbesuche bei Menschen, die wissen könnten, welche Rolle die Tracht als Kulturerbe der Lausitz noch spielt – oder spielen sollte.

Ein Bericht von Gabriele Mark

Beim Maibaumwerfen in Seidewinkel

Kurz nach 17 Uhr trifft die Seidewinkler Jugend – die Damen in ihren sorbischen Trachten, die jungen Männer mit schwarzer Hose und weißem Hemd – begleitet vom Orchester, auf der Festwiese ein. Nach dem Umrunden des Maibaumes und den traditionellen drei Tänzen Walzer, Polka und „Annemarie“ wird der Maibaum umgeworfen. Wer der schnellste ist, holt sich die Birkenspitze vom Maibaum. Unter tosendem Applaus wählt der Maikönig seine Maikönigin. Das Fest kann beginnen.

Maibaumwerfen ist gelebte sorbische Tradition, ein Höhepunkt im Jahreskalender des Dorfes. Dafür sind viele Einwohner der Gemeinde Elsterheide und Gäste aus nah und fern vor Ort da. Unter ihnen ist auch Familie Speisekorn aus Seidewinkel. Sie pflegt nicht nur das Tragen der Tracht, sondern tanzt aktiv in der sorbischen Tanzgruppe. „Wir geben die Tradition weiter an unsere Kinder, die mit der Tradition aufwachsen und sie pflegen. Es ist wichtig, eine Beziehung zur Tracht aufzubauen“, sagt Familie Speisekorn.

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Bei der Domowina, dem Dachverband der Sorben in der Lausitz

Traditionen zu pflegen, ist kein Selbstläufer und bedarf einer aufwendigen Vorbereitung. Zu den Akteuren gehört auch Gabriela Linakowa, Vorsitzende des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda, Zupa „Handrij Zeijler“ Wojerecy. Sie ist sorbische Muttersprachlerin und steht für das Sorbische in Hoyerswerda, insbesondere für den Erhalt der sorbischen Sprache und die Schaffung von sorbischen Sprachräumen. Sie ist Mitbegründerin der sorbischen Volkstanzgruppe Zeißig, einer Tanzgruppe bei der die Volkstänze aus der Region um Hoyerswerda, die seit Generationen weitergegeben werden, im Mittelpunkt stehen.


Der Auftritt der Trachtentanzgruppe in Zeißig.
Foto: Gabriele Mark

„Während ihrer Auftritte tragen die Tänzer und Tänzerinnen ausschließlich die Tracht der evangelischen Sorben um Hoyerswerda in den verschiedenen Varianten“, erklärt Gabriela Linakowa. „Dabei legen wir großen Wert auf korrektes Anlegen, denn es ist lebendiges Kulturerbe, und wir haben eine Verpflichtung zum Kulturerhalt.“ Gabriela Linakowa sieht es als Aufgabe des Vereins, die Trachten zu erhalten, zu pflegen und an die nächste Generation weiterzugeben (siehe Infokasten).

„Die Hoyerswerdaer Tracht war ursprünglich die Bekleidung der sorbischen Bauern und Handwerker in den Dörfern“, erklärt die Expertin. „Die Menschen, die in den Dörfern lebten und einer höheren sozialen Schicht angehörten, wie beispielsweise Pfarrer und Lehrer, kleideten sich nach der Mode.“ In Hoyerswerda selbst waren viele Ackerbürger Sorben. „Diese Gruppe zeigte ihr Zusammengehörigkeitsgefühl nicht nur durch die sorbische Sprache, sondern auch durch das Tragen der Tracht.“

Infokasten

Das Wort „Tracht“ kommt von Althochdeutschen „drahta“ und vom Mittelniederdeutschen „dracht“ und bedeutet: das, was getragen wird oder die Art, wie es getragen wird. Die Hoyerswerdaer Tracht war ursprünglich die Bekleidung der sorbischen Bauern und Handwerker. Heute wird die Tracht ausschließlich zu Festtagen wie Maibauwerfen, Ostereiermarkt, Trachtenball, Erntedankfest oder Kartoffelball getragen.


Grundsätzlich gibt jede Tracht Auskunft darüber, aus welcher Region jemand kommt, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse und die soziale Stellung sind. Auch, ob jemand ledig, verheiratet oder verwitwet ist, kann man anhand der Tracht sehen. „Tracht folgt keinem Kleidungsstil, oder um es modern zu sagen: Sie ist kein Lagerfeld, kein Klum-Produkt und auch nicht H&M. Tracht bedeutet Heimat und wir tragen sie spürbar auf der Haut“, fasst Gabriela Linakowa zusammen.

Für jede Gelegenheit gab es eine verbindliche Kleiderordnung. „Auch die Arbeitstracht, etwa für Heu‑, Getreide- oder Kartoffelernte war streng geregelt“, erklärt Linakowa. Im Gegensatz zu anderen Gegenden konnte man anhand der Hoyerswerda Tracht keine sozialen Unterschiede zwischen den Trägerinnen erkennen. „Soziale Unterschiede wurden lediglich insofern deutlich, dass sich reichere Bäuerinnen mehr Trachtenstücke leisten konnten und oft die aufwendige Festtracht besaßen“, erläutert die Vorsitzende des Domowina-Regionalverbandes.

Was man an der Hoyerswerdaer Tracht aber gut ablesen konnte, sind die Region und die wirtschaftlichen Verhältnisse: „Für die Tracht wurden viele Dinge aus eigener Wirtschaft verwendet, etwa Leinen, Wolle und Blaudruck. Samt und Seide waren seltener“, erklärt Gabriela Linakowa. Die sandigen Böden der Lausitzer Heide waren wenig ertragreich. Entsprechend einfach war auch der Schmuck, der meist aus Glasperlen und Flitter bestand. Edelmetalle fehlten gänzlich.

Im Trachtenhaus Jatzwauk am Hoyerswerdaer Markt

In der Hoyerswerdaer Altstadt, schräg hinter dem Rathaus, befindet sich die älteste Trachtenschneiderei der Hoyerswerdaer Region. Vor 100 Jahren wurde der Handwerksbetrieb von Schneidermeister Johann Jatzwauk gegründet. Heute pflegen seine Nachkommen das Handwerk und leiten ehrenamtlich einen Verein zur Pflege der Regionalkultur. „In den letzten Jahren wurden hier nicht nur sorbische Trachten für Tanz- und Brauchtumsgruppen geschneidert, sondern auch modische Kollektionen mit Elementen von Stoffen und mit Details sorbischer Trachten gefertigt“, ist auf der Homepage des Trachtenhauses zu lesen.

Tradition und Moderne verbinden sich in diesem alltagstauglichen Blaudruckkleid. Foto: Gabriele Mark

Tradition und Moderne verbinden sich in diesem alltagstauglichen Blaudruckkleid. Foto: Gabriele Mark

Moderne Kleidungsstücke mit Blaudruckelementen sind im Trachtenhaus Jatzwauk in Hoyerswerda sehr gefragt. Foto: Gabriele Mark

Moderne Kleidungsstücke mit Blaudruckelementen sind im Trachtenhaus Jatzwauk in Hoyerswerda sehr gefragt. Foto: Gabriele Mark

Eine sorbische Festtagstracht im Trachtenhaus Jatzwauk. Foto: Gabriele Mark

Eine sorbische Festtagstracht im Trachtenhaus Jatzwauk. Foto: Gabriele Mark

„In Hoyerswerda wird die einheitliche Tracht getragen. In den Dörfern gibt es in den Ausführungen leichte Abweichungen. Die Identität mit der Tracht ist den Trägern ganz wichtig“, erklärt Wendy Mrosk, Mitarbeiterin des Trachtenhauses. „Trachten aus Blaudruck und Trachten mit Blaudruckelementen sind im Kommen. Das Schneidern oder Ändern von Trachten ist sehr gefragt.“

Dass die Hoyerswerdaer Tracht über die Jahre Veränderungen erlebt hat und mit modernen und alltagstauglichen Varianten stilvoll erweitert wurde, ist auch auf den Kleiderständern in dem kleinen Geschäft in der Senftenberger Straße 19 zu sehen. Neben der klassischen Tracht sind auch moderne Kleidung mit Blaudruck-Elementen und Accessoires gefragt. Man kann viele Einzelteile erwerben. Besonders beliebt seien Blusen, Jacken, Schals, T‑Shirts und Fliegen mit Blaudruck.

Wer eine sorbische Veranstaltung besuchen möchte und keine eigene Tracht hat, kann sich im Trachtenhaus Jatzwauk eine Tracht ausleihen – oder schneidern lassen. Das Anfertigen einer Tracht dauert mehrere Tage; das Schneidern einer Festtagstracht mit allem Zubehör sogar eine Woche. Eine vollständige maßgeschneiderte Tracht kostet etwa 3.000 Euro.

Familie Speisekorn wünscht sich mehr Sichtbarkeit des Sorbischen und der Tracht im Alltag. „Vielleicht findet sich die Tracht mit Blaudruckelementen in Zukunft auch häufiger im Alltag wieder. Wir wünschen uns mehr Zuspruch von den Medien, die erheblich zum Bekanntheitsgrad beitragen können.“ Beim Maibaumwerfen in Seidewinkel war – bis auf die hier schreibende Bürgerjournalistin – allerdings keine Presse dabei.



Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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