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Macher am Keulenberg: Ein Besuch im Barockschloss Oberlichtenau

Ein gelbes, zweietagiges Barockschloss mit Baugerüst, im Vordergrund halb verdeckt durch einen Rosenstrauch
Schloss / Vorderansicht mit Baugerüst im Juni 2026. Foto: Daniel Hammer
Von: Bürger machen Journalismus
Der Designer Christian Zöllner verwandelt das Schloss in der Westlausitz in einen Zukunftsort.

Eine Reportage von Daniel Hammer

Der Keulenberg, zwischen den Städten Pulsnitz, Kamenz und Königsbrück gelegen, prägt das Landschaftsbild der westlichen Oberlausitz. Rund um seinen Gipfel befinden sich jedoch auch kleinere Orte, in denen Menschen, Vereine und Institutionen Bemerkenswertes leisten.

Wo einst Graf von Brühl residierte, werden bald 3D-Drucker summen. Der Designer Christian Zöllner und sein Kollege Sebastian Piatza aus Dresden richten in den jahrhundertealten Mauern die „Akademie für angewandte Zukunft“ ein und entwickeln das Barockschloss Oberlichtenau zu einem neuen Begegnungsort für die Region. Das Schloss, einst Wohnsitz des Grafen Heinrich von Brühl und später Kinderheim, soll künftig Kultur, Digitalisierung und Zukunftsthemen miteinander verbinden.

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Kinoabend im Schlosspark

Am Abend des 19. Juni 2026 verwandelte sich der barocke Schlosspark Oberlichtenau in eine Kinokulisse. Im rückwärtigen Teil des Parks schließt sich der Boskettgarten an, dessen hügeliges Gelände bereits Einflüsse englischer Landschaftsgestaltung erkennen lässt. Vor der terrassenförmig angelegten Treppenanlage war eine große Leinwand aufgebaut. Halbkreisförmig hatte das Schlossteam Stühle aufgestellt, dazwischen blieb Platz für Picknickdecken. Gezeigt wurde die deutsche Kinokomödie Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße.


Zahlreiche Menschen aller Alter sitzen auf Decken und Stühlen auf einer Wiese und interagieren miteinander, im Hintergrund eine Leinwand zur Filmprojektion.

Christian Zöllner beim Verteilen von Eis.
Foto: Daniel Hammer


Ein kurzes Gewitter mit kräftigem Regenschauer hatte am frühen Abend für angenehme Abkühlung gesorgt. An einer kleinen Bar wurden die rund 70 Gäste mit liebevoll zubereiteten Getränken und Snacks wie Popcorn versorgt. Christian Zöllner begrüßte die Besucher persönlich und zeigte sich erfreut über die gute Resonanz. Anschließend verteilte er gemeinsam mit seinem Team Eis, bevor der Film begann. Die Akustik im Park war gut, die Stimmung gelöst.

Wer früher eintraf, wurde zunächst von einem anderen Konzert empfangen. Aus den Bäumen erklangen die Stimmen von Gartenbaumläufer, Amsel, Rotkehlchen, Buchfink und Ringeltaube. Dieser leise Auftakt passte zu einem Ort, der sich gerade neu erfindet, ohne seine Geschichte zu verleugnen.

Rundherum bestimmten Baugerüste, Container, Bauzäune und mobile Toiletten für die Handwerker das Bild. Ganze Bereiche waren abgesperrt, der Zugang zum Schloss stellenweise versperrt. Und doch lag über allem das warme Licht eines Sommerabends. Mich faszinierte gerade dieser Kontrast: Hier traf eine ehrliche Baustelle auf die besondere Atmosphäre eines historischen Parks – mit versteckten Details, barocken Skulpturen und stillen Winkeln.

Wer ist Christian Zöllner?

Christian Zöllner, Jahrgang 1981, ist Designer. Seit dem Sommersemester 2018 ist er Professor für Designmethoden und Experiment an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Sein Studium der Produktgestaltung schloss er 2007 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden mit Diplom ab. Seit 2012 leitet er gemeinsam mit Sebastian Piatza das Design- und Forschungsstudio The Constitute. Gemeinsam sind beide die neuen Eigentümer des Barockschlosses Oberlichtenau.

Ihre Leitidee beschreibt Zöllner so: „Das Schloss soll sich zu einem offenen Ort entwickeln.“ Entstehen soll ein „Schloss mit Twist“. Geplant ist mindestens eine öffentliche Veranstaltung pro Monat – offen für alle Generationen. Gleichzeitig können Räume wie der Barocksaal für standesamtliche Trauungen, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten gemietet werden.

Wer Zöllner erlebt, spürt schnell, wie sehr er für dieses Projekt brennt. Als er die Gäste begrüßte, war ihm die Freude über den großen Zuspruch deutlich anzusehen. Es war keine routinierte Ansprache, sondern ehrliche Begeisterung darüber, dass so viele Menschen den Weg nach Oberlichtenau gefunden hatten.

Sein Bild vom „Schloss mit Twist“ ist für mich weit mehr als ein griffiger Werbespruch. Es beschreibt eine Haltung: offen statt abweisend, nahbar statt verstaubt. Ihm geht es nicht um ein Museum hinter Samtkordeln, sondern um einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen.

Vom FABMOBIL zur Akademie

Die Arbeit am Schloss knüpft unmittelbar an das Projekt FABMOBIL an. Dabei handelt es sich um einen umgebauten Bus, der seit 2017 als rollende Kreativ- und Digitalwerkstatt durch den ländlichen Raum Sachsens fährt. An Bord befinden sich moderne Technologien wie 3D-Drucker, Virtual-Reality-Anwendungen und Robotik. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche niedrigschwellig an digitale Technologien heranzuführen und kreatives Arbeiten dorthin zu bringen, wo entsprechende Angebote bislang fehlen. Träger des Projekts ist der Dresdner Verein FABMOBIL e. V.

Im Schloss entsteht nun ein dauerhafter Standort für diese Idee: die „Akademie für angewandte Zukunft“ mit einem digitalen Innovationszentrum. Im Kavaliershaus links neben dem Hauptgebäude sollen unter anderem Lasercutter und 3D-Drucker einziehen. Was bislang mobil durch Sachsen reist, erhält damit einen festen Ort für Workshops, Ferienangebote und Sommercamps. Innovationen sollen hier nicht nur vermittelt, sondern unmittelbar erlebbar werden.

Zukunftsziele: ein Ort zum Bleiben

Über Werkstätten und Veranstaltungen hinaus planen die Eigentümer, im Schloss Übernachtungsmöglichkeiten einzurichten. Sie sollen Künstlerinnen und Künstlern, Kreativen sowie Teilnehmenden von Workshops offenstehen, die für Residenzen oder mehrtägige Programme nach Oberlichtenau kommen. So kann aus einem Tagesangebot ein längerer Aufenthalt werden – mit Raum zum Arbeiten, Lernen und Verweilen.

Dachsanierung und Förderung

Das derzeit wichtigste Bauprojekt ist die Sanierung des historischen Schlossdachs. Sie verläuft planmäßig, der Abschluss ist für Ende 2026 vorgesehen. Die Kosten belaufen sich auf rund eine Million Euro. Den Großteil finanzieren Fördermittel: 80 Prozent stammen aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm von Bund und Land. Damit bildet die Dachsanierung einen entscheidenden Baustein für die weitere Entwicklung des Schlosses.

Eine Dachkante mit Schornstein in der linken Bildhälfte, rechts ein Baum oder Strauch, dazwischen ein Gebäude mit Baugerüst.

Baugerüst der oberen Etagen des Schlosses.
Foto: Daniel Hammer


Darüber hinaus steht das Vorhaben beispielhaft für neue Entwicklungsansätze im ländlichen Raum, die durch regionale Förderprogramme und engagierte Akteure ermöglicht werden.

Projekte mit den Menschen vor Ort

Wer sich einbringen möchte, ist willkommen. Wie eine Mitarbeit aussehen kann, wird jeweils gemeinsam besprochen.

Ein Beispiel ist die Aktion „Park Subotnik“. Am 25. April belebten rund 40 Helfer den alten Bolzplatz auf dem Schlossgelände wieder. Unterstützt wurde der Arbeitseinsatz vom Ortschaftsrat Oberlichtenau. Gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr wurde außerdem eine Notfallrettung geprobt.

Projekte mit den Menschen vor Ort besitzen für Christian Zöllner einen hohen Stellenwert. Besonders berührt hat mich, wie er davon erzählte. Als er von den vielen freiwilligen Helfern sprach, geriet seine sonst eher sachliche Art für einen Moment ins Wanken – im besten Sinne. Da sprach jemand, der verstanden hat, dass ein Schloss nicht allein aus Steinen besteht, sondern vor allem von den Menschen lebt, die ihm neues Leben einhauchen.

Für den Herbst ist ein weiterer Arbeitseinsatz geplant. Dann soll unter anderem das Problem der Spitzahorne im Park angegangen werden. Zöllner hofft auf mehr als 60 Teilnehmer. „Dann lässt sich richtig etwas bewegen“, sagte er sinngemäß. Gerade im öffentlich zugänglichen Park wird auch künftig immer wieder tatkräftige Unterstützung benötigt.

Im Sommer kommt ein weiteres Projekt hinzu. Die Künstlerin Rosalie Schmuck arbeitet im Rahmen einer Artist Residence im Schloss. Gemeinsam mit dem Imkerverein Oberlichtenau entwickelt sie ein Projekt über Biodiversität im Spannungsfeld von Technologie, Design und Bienenhaltung.

Ein Park mit Geschichte

Der Schlosspark Oberlichtenau ist weit mehr als die grüne Kulisse des Herrenhauses. Er gehört zum ursprünglichen Gesamtkonzept der Anlage und verbindet französisch geprägte Gartenkunst mit späteren Einflüssen englischer Landschaftsgestaltung. So entstanden der streng angelegte Parterregarten und der landschaftlich gestaltete Boskettgarten.

Besondere kunsthistorische Bedeutung erhält der Park durch rund 40 Sandsteinplastiken aus dem Umfeld des bedeutenden Barockbildhauers Balthasar Permoser. Sie verwandelten die Anlage einst in eine Art Freilufttheater des Barock und prägen ihren Charakter bis heute.

Kopf- und Schulterbereich einer Plastik aus Stein, die eine Dame oder Mädchen darstellt, umgegeben von (von der Kamera nicht fokussierter und damit unscharfer) grüner Natur.


Plastik aus Sandstein im Schlosspark.
Foto: Daniel Hammer



Kino als Mangelware in der Region

Im Gespräch mit anderen Gästen wurde die Idee, den Schlosspark als Open-Air-Kino zu nutzen, besonders gelobt – auch wenn es sich nicht um einen regelmäßigen Kinobetrieb handelt. Denn das Kinoangebot in der Region ist in den vergangenen Jahrzehnten nahezu verschwunden.

In Oberlichtenau gab es früher ein Wanderkino, das seine Vorstellungen im Saal eines Gasthofs zeigte – wie in vielen Dörfern jener Zeit. Nach der Wende verschwand dieses Angebot. Später konnte man noch nach Pulsnitz oder Großröhrsdorf ins Kino fahren. Inzwischen haben auch diese Häuser geschlossen. Heute führt der Weg für einen Kinobesuch meist bis nach Dresden.

So kam der Kinoabend im Barockschloss für viele genau zur richtigen Zeit.

An diesem Abend begegnete ich einem älteren Ehepaar. Der Mann saß im Rollstuhl und erzählte, dass die beiden nur noch selten die Möglichkeit hätten, ein Kino zu besuchen. Hier konnten sie einen unbeschwerten Sommerabend erleben – einfach, weil jemand diesen besonderen Ort geöffnet hatte.

Für mich ist Christian Zöllner deshalb ein „Macher am Keulenberg“ im besten Sinne: jemand, der nicht nur ein historisches Dach saniert, sondern Menschen zusammenbringt und neue Möglichkeiten schafft.

Die nächsten Gelegenheiten, das Schloss selbst zu erleben, lassen nicht lange auf sich warten. Am 7. August 2026 wird im Schlosspark der Film „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ gezeigt. Einlass ist ab 20 Uhr, Filmbeginn gegen 20.30 Uhr.

Ein weiterer Höhepunkt folgt am 29. August 2026 mit dem Kultur- und Mitmachfest „Honigglanz im Schloss“, bei dem sich alles um das Thema Honig drehen wird.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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