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Die Stromsteuer muss weg – aber seien wir ehrlich: Das ist nur die halbe Wahrheit

Die Stromsteuer muss weg – aber seien wir ehrlich: Das ist nur die halbe Wahrheit
Symbolbild Strompreis / pixabay JamesQube
Von: Eberhard Grün
Die Grünen wollen die Stromsteuer abschaffen – und das wäre auch richtig so. Nur: Für eine Familie mit 3.500 kWh Jahresverbrauch sind das gerade mal 85 Euro im Jahr. Gleichzeitig plant das Wirtschaftsministerium eine neue Umlage für Gaskraftwerke. Wer verstehen will, warum Deutschland den teuersten Strom in ganz Europa hat – und was wirklich helfen würde – sollte sich das Merit-Order-Prinzip anschauen. Oder einfach lesen, was letzten Sonntag in der Tibber-App zu sehen war.

Gut, dass die Grünen es endlich fordern. Schlecht, dass es wohl trotzdem nichts wird. Und eigentlich egal – denn selbst wenn die Stromsteuer morgen abgeschafft würde, dreht Berlin die wirklich große Schraube gerade lieber in die falsche Richtung.

Aber der Reihe nach.

Was steckt eigentlich in deinem Strompreis?

Bevor wir über Streichungen und Kürzungen reden, lohnt ein kurzer Blick auf das, was dir dein Stromanbieter monatlich in Rechnung stellt. Denn der Strompreis ist kein Preis – er ist ein Bündel aus mindestens sieben verschiedenen Posten, die alle ihren eigenen Logiken folgen.

~33 %

Energie

Stromeinkauf, Vertrieb und Marge deines Anbieters. Der einzige Teil, bei dem Wettbewerb stattfindet.

~30 %

Netzkosten

Leitungen, Transformatoren, Zähler und Konzessionsabgabe. Festgelegt von der Bundesnetzagentur, nicht vom Anbieter.

~37 %

Steuern & Abgaben

Stromsteuer, Umlagen (KWKG, Offshore, §19) und 19 % MwSt. auf alles zusammen.

Wer also sagt, er wolle Strom „entlasten", muss erklären, an welchem dieser Posten er drehen will – und ob das Gedrehte auch wirklich bei dir ankommen wird.

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Was die Bundesregierung tatsächlich getan hat

Seit Januar 2026 gibt es tatsächlich eine Entlastung: Der Bund schießt 6,5 Milliarden Euro jährlich zu den Übertragungsnetzentgelten zu – also zu jenem Teil der Netzkosten, der die großen Stromautobahnen quer durch Deutschland finanziert. Das senkt die Netzentgelte für alle Verbraucher um rund 1 bis 2 Cent pro Kilowattstunde.

Klingt gut. Ist es auch – aber mit einem wichtigen Haken.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband hat im April 2026 nachgemessen: Im Durchschnitt sparen Haushalte dadurch 56 Euro pro Jahr. Die Regierung hatte 100 Euro versprochen. Nur bei einem von 25 untersuchten Netzbetreibern landet die Ersparnis überhaupt im dreistelligen Bereich.

Verbraucherzentrale Bundesverband, Marktcheck April 2026

Und warum kommt so wenig an?

Weil zwischen der politischen Maßnahme und deiner Stromrechnung noch dein Anbieter steht. Bei dynamischen Tarifen wie Tibber passiert das automatisch – der Netzentgeltpreis wird 1:1 weitergegeben, ohne Marge, ohne Ermessensspielraum. Bei klassischen Tarifen liegt es schlicht im Ermessen des Anbieters, ob er die Ersparnis weitergibt oder einbehält.

Die Stromsteuer: Das kleine Versprechen, das nicht kommt

Im Bundestag brachten die Grünen Mitte April 2026 einen Antrag ein, die Stromsteuer für alle Verbraucher auf das europäische Mindestniveau zu senken. Derzeit beträgt sie 2,05 Cent netto pro Kilowattstunde – mit Mehrwertsteuer sind das gut 2,44 Cent brutto auf deiner Rechnung.

Was würde das für eine Familie mit 3.500 kWh Jahresverbrauch bedeuten?

Szenario Preis ct/kWh Jahreskosten
bei 3.500 kWh
Ersparnis ggü. heute
DREWAG Strom Fix Stand April 2026 33,32 ct 1.289 €
+ Stromsteuer abgeschafft Grünen-Antrag, noch nicht beschlossen ~30,88 ct ~1.204 € ~85 €/Jahr
DREWAG Grundversorgung zum Vergleich ohne Wechsel 39,22 ct 1.373 € −84 € mehr

Gut, nicht nichts. Aber auch kein anderes Leben.

Der Gesetzentwurf wurde an den Finanzausschuss überwiesen – Berliner Deutsch für: vorerst begraben. Finanzminister Lars Klingbeil verwies auf fehlende Haushaltsmittel. Die Stromsteuer für die Industrie hingegen wurde bereits gesenkt. Für Privatverbraucher war leider kein Platz mehr im Haushalt.

Was wirklich geplant ist: Eine neue Umlage

Hier wird es interessant. Und ein bisschen absurd.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant die Einführung eines sogenannten Kapazitätsmarktes. Das klingt technisch – aber die Kurzversion lautet: Der Bau neuer Gaskraftwerke soll über eine neue Umlage auf den Strompreis finanziert werden. Also über dich.

Die CDU hat jahrelang die EEG-Umlage als Symbol staatlicher Überförderung geißelt. Die EEG-Umlage finanzierte erneuerbare Energien über einen Strompreisaufschlag. Die neue Kapazitätsumlage würde Gaskraftwerke über einen Strompreisaufschlag finanzieren. Der strukturelle Unterschied ist: keiner.

Und die Ausgangslage ist bereits belastet:

  • Die bestehenden Umlagen (KWKG, Offshore, §19) betragen 2026 bereits 2,946 ct/kWh – ein Plus von über 11 % gegenüber dem Vorjahr
  • Die KWK-Umlage allein stieg um über 60 %
  • Gleichzeitig plant das Wirtschaftsministerium massive Einschnitte bei der Solarförderung – aus der Branche kursiert bereits der Begriff der „Reiche-Schlucht"

Eine weitere Umlage käme also nicht auf eine leere Rechnung.

Der wirkliche Hebel: Was steckt im Börsenpreis?

Wer wirklich verstehen will, wo der größte Hebel liegt, muss das Merit-Order-Prinzip kennen. An der Strombörse werden alle Kraftwerke nach ihren Erzeugungskosten aufgereiht – von günstig nach teuer. Der teuerste Erzeuger, der in einer bestimmten Stunde noch gebraucht wird, setzt den Preis für alle.

Kraftwerk Grenzkosten (ca.) Preis-Einfluss
☀️ Solar & 💨 Wind ~0 €/MWh sehr günstig
🟤 Braunkohle (Lignit) 15–25 €/MWh günstig
⬛ Steinkohle 40–60 €/MWh mittel
🔥 Gas (GuD & Peaker) 60–120+ €/MWh teuer – setzt den Börsenpreis

Das bedeutet: Läuft ein Gaskraftwerk für 15 Cent pro Kilowattstunde gerade mit, dann kostet auch der Windstrom an der Börse 15 Cent – obwohl ihn der Wind umsonst geliefert hat. Wer Gas aus dem Mix drängt, drückt den Börsenstrompreis strukturell nach unten. Das hilft viel mehr als 2,44 Cent Stromsteuer.

Der Sonntag mit minus 36 Cent

Wie drastisch dieser Effekt ist, lässt sich am Wochenende direkt beobachten. Letzten Sonntag, bei sehr viel Wind und Sonne im Netz, wurden zeitweise negative Börsenpreise erreicht. Wer einen dynamischen Tarif hat, bei dem der Börsenstrompreis stündlich weitergegeben wird, der sah in der App etwas Bemerkenswertes:

−36 ct/kWh

Gesamtpreis inkl. aller Netzkosten, Steuern und Abgaben

8 kWh an diesem Tag: weniger als 1 Euro Gesamtrechnung

Das ist kein Tippfehler. In diesen Stunden zahlte nicht der Verbraucher für den Strom – der Strom zahlte sich beim Verbraucher aus.

Und doch: Eine verpasste Chance

Dieser Sonntag war auch ein Lehrstück in Sachen verschenktem Potenzial. Denn all diese Energie, die so günstig war, dass man dafür bezahlt wurde sie abzunehmen – sie hätte gespeichert werden können. In Batteriespeichern, Pumpspeicherkraftwerken, Heimspeichern. Stattdessen lief ein Großteil einfach durch.

Am Abend dann, wenn die Sonne weg ist, wenig Wind weht und die Nachfrage steigt, mussten wieder Gaskraftwerke ans Netz. Der Preis kletterte zurück in die gewohnten Höhen. Wer über Energiewende redet, muss also auch über Speicher reden – nicht als Luxusthema, sondern als zentrales Werkzeug: günstigen Sonntagsstrom in die teure Abendbörse retten.

Was wäre wirklich hilfreich?

Statt einer neuen Gasumlage braucht es drei Dinge, die sich gegenseitig verstärken:

Konsequenter Ausbau erneuerbarer Energien

Mehr Wind und Solar bedeuten mehr Stunden, in denen Gas nicht gebraucht wird. Das drückt den Börsenstrompreis nach unten – nicht um 2 Cent, sondern strukturell und dauerhaft.

🔋
Ernsthafter Aufbau von Speicherkapazitäten

Stunden mit negativen Preisen sind keine Kuriosität – sie sind ein Signal, dass mehr Energie da ist als gebraucht wird. Wer speichert statt verschenkt, verringert die Abhängigkeit vom abendlichen Gaskraftwerk.

📋
Transparente Weitergabe von Entlastungen

Staatliche Subventionen, die im Gewinn von Grundversorgern versickern, entlasten niemanden. Wer weiterhin einen alten Festpreisvertrag hat, sollte aktiv prüfen, ob sein Anbieter die gesunkenen Netzentgelte seit Januar 2026 weitergegeben hat. Wenn nicht, lohnt der Wechsel.

Die Stromsteuer gehört weg, ja. Aber sie ist das kleine Versprechen. Das große liegt im Strommix – und im Mut, ihn konsequent umzubauen.

Ein Blick über den Tellerrand: Was zahlen unsere EU-Nachbarn?

Wer glaubt, hohe Strompreise seien ein europäisches Naturgesetz, wird beim Blick in die Nachbarschaft schnell eines Besseren belehrt. Deutschland ist 2025 das teuerste Stromland Europas – mit 38,35 Cent pro Kilowattstunde liegen wir rund 34 % über dem EU-Durchschnitt von 28,7 Cent. Und das, obwohl wir uns seit Jahren als Vorreiter der Energiewende verstehen.

Land ct/kWh (2025) Dominanter Strommix Kostentreiber
🇩🇪 Deutschland ~38 ct Wind, Solar, Gas, Kohle Hohe Netzentgelte, Steuern & Abgaben, gasabhängige Merit Order
🇧🇪 Belgien ~35 ct Kernkraft, Gas Hohe Steuerlast, alternde Kernkraftwerke
🇩🇰 Dänemark ~33 ct Wind (~55 %), Gas Sehr hohe Steuern – Energiepreis selbst ist günstig
🇦🇹 Österreich ~33 ct Wasserkraft, Wind Hohe Netzentgelte, aber sinkend
🇫🇷 Frankreich ~26 ct Kernkraft (~70 %) Regulierter Tarif (tarif bleu), abgeschirmt vom Spotmarkt
🇪🇸 Spanien ~22 ct Solar, Wind, Wasserkraft Iberische Ausnahme: Massiver EE-Ausbau drückt Großhandelspreis
🇳🇴 Norwegen ~18 ct Wasserkraft (>90 %) Nahezu kein fossiler Einfluss auf die Merit Order

Quellen: Eurostat, HEPI, BDEW; Werte 2025, Haushaltskunden

Die Muster sind eindeutig, wenn man genau hinschaut.

Dänemark: Teuer trotz viel Wind – warum?

Dänemark ist lehrreich: Das Land erzeugt über die Hälfte seines Stroms aus Windkraft – und zahlt trotzdem fast so viel wie Deutschland. Der Grund: Steuern und Abgaben machen in Dänemark einen noch größeren Anteil des Endpreises aus als hierzulande. Der eigentliche Energiepreis ist günstig; der Staat schöpft ihn ab. Ein mahnendes Beispiel dafür, dass ein guter Strommix allein nicht reicht – wenn der Staat ihn gleichzeitig wegbesteuert.

Frankreich: Günstig dank Kernkraft und Regulierung

Frankreich zahlt rund ein Drittel weniger als Deutschland – und das nicht, weil der Markt so effizient wäre, sondern weil der Staat eingreift. Der sogenannte tarif bleu ist ein regulierter Grundtarif, der Haushalte vom volatilen Spotmarkt abschirmt. Dazu kommt ein Kernkraftanteil von rund 70 %, der die Merit Order konsequent nach unten drückt: Gas wird schlicht kaum gebraucht, um die Nachfrage zu decken. Man muss kein Kernkraft-Fan sein, um anzuerkennen: Wer wenig Gas braucht, zahlt weniger Strom.

Spanien: Die iberische Ausnahme als Blaupause

Das spannendste Beispiel ist Spanien. Dank massiver Wind- und Solarkapazitäten liegen die Großhandelspreise auf dem iberischen Strommarkt oft nur bei rund 78 €/MWh – verglichen mit über 100 €/MWh in Deutschland und Mitteleuropa. Spanien und Portugal haben so viel erneuerbare Kapazität aufgebaut, dass Gas in vielen Stunden schlicht nicht mehr ans Netz muss. Die Merit Order verschiebt sich strukturell nach links – und der Preis fällt. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen der letzten zehn Jahre.

Das Rezept der günstigen Länder ist überraschend einfach: entweder den fossilen Einfluss auf den Strompreis durch massiven EE-Ausbau verdrängen – oder ihn durch staatliche Regulierung abfedern. Beides funktioniert. Was nicht funktioniert: hohe Steuern auf Strom, teure Netzentgelte und gleichzeitig Gas als dominanten Preissetzer im Netz lassen.

Deutschland schafft gerade das Kunststück, alle drei Kostentreiber gleichzeitig zu bedienen. Und plant, mit der neuen Kapazitätsumlage für Gaskraftwerke, einen vierten hinzuzufügen.

Eberhard Grün
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Eberhard Grün

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