Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Sport

Unglaubliche Auferstehung - die besondere Geschichte von Dresdens bester Schwimmerin

Unglaubliche Auferstehung - die besondere Geschichte von Dresdens bester Schwimmerin
Maya Tobehn, einst ein begnadetes Schwimmtalent, ist in Dresden nun schneller als je zuvor. Foto: Alexander Hiller
Von: Alexander Hiller
Maya Tobehn hatte ihre hoffnungsvolle Karriere schon beendet, bevor sie nach Dresden umzog. Nach Lebenskrise, Burnout und erheblich Übergewicht startet sie ihre zweite Karriere - und verpasst nun um lediglich 0,01 Sekunden ihre erste EM-Medaille in Paris.

Man könnte jetzt dramatisch werden. Riesen-Talent, Olympiahoffnung, körperlicher und mentaler Zusammenbruch nach sportlicher Enttäuschung, völliger Rückzug aus dem sozialen Leben, Burnout, Karriere-Ende, 30 Kilogramm mehr Gewicht, privater Neubeginn, sportlich beeindruckendes Comeback. Das alles vereint Maya Tobehn auf sich.

Dabei ist sie gerade mal 24 Jahre jung. Maya Tobehn hat mit Drama jedoch ziemlich wenig am Hut. Dass andere über ihre sportliche Auferstehung staunen und entsprechend nachfragen, kann die gebürtige Berlinerin noch immer nicht so ganz nachvollziehen. 

Dabei ist sie jetzt auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer zweiten Karriere. Das einstige Supertalent aus Berlin, das 27 deutsche Nachwuchstitel in nur drei Jahren und zehn Medaillen bei Jugendeuropameisterschaften gewann, steht als einzige Schwimmerin des Dresdner SC im Aufgebot des Deutschen Schwimmverbandes bei der  Europameisterschaft in Paris. Und das als schnellste Deutsche auf ihrer Spezialstrecke über 200 Meter Freistil.

Mehr aus dieser Kategorie

Mit nunmehr 1:57,25 Minuten ist Tobehn nur noch 1,5 Sekunden vom deutschen Rekord entfernt, den Annika Lurz seit 2007 mit 1:55,68 Minuten hält. Am Montagabend führte die 1,78 Meter große Athletin die 4x200-Freistilstaffel der Deutschen in Paris auf den vierten Platz. Den deutschen Rekord verbesserte das Quartett um Tobehn um 1,7 Sekunden auf 7:49,14 Minuten. 

Dass damit nur 0,01 Sekunden zum Bronzerang fehlten, nahm Startschwimmerin Tobehn natürlich gleich auf ihre Kappe. So selbstkritisch tickt sie eben. Maya gilt mit ihren 24 Jahren als routiniert, ist es aber eigentlich ganz und gar nicht. Das Championat in Paris ist ihre erste internationale Meisterschaft im Aktivenbereich. Denn seit ihrem Umzug von Berlin nach Dresden und ihrem Comeback im Wasser, das sie mit 26 Kilogramm mehr auf den Rippen startete, sind gerade mal 20 Monate vergangen. 

Andere geraten darüber ins Staunen. Für Maya Tobehn ist das ein Entwicklungsprozess, ein Experiment mit dem eigenen Körper. "Das ist wie im Chemie- oder Physikunterricht, entweder geht der Versuch gut - oder nicht", sagt sie und erklärt gleich die Folgen: "Wenn nicht, wäre es das halt nicht gewesen, dann hätte ich sagen können: Ich habe es noch mal probiert. Dann hätte ich zumindest mental damit abschließen können." 

Blindes Vertrauen: Einfacher geht der Job nicht

Aber wenn Paris nur die Zwischenstation in dieser phänomenal anmutenden Entwicklung ist, hat der Dresdner SC mit Maya Tobehn sogar eine Olympiahoffnung für 2028 in Los Angeles in seinen Reihen. "Alles, was wir erreichen, da freuen wir uns drüber. Wir wissen nicht, wo der Deckel ist", sagt die gebürtige Berlinerin und schließt in dieses Wir ihren Trainer Martin Dautz immer mit ein. 

Auch wegen ihm ist sie damals nach Dresden gegangen und hat für sich entschieden: "Das ist der letzte Trainer in meiner Karriere." Seit ihrer ersten Karriere als international erfolgreiche Nachwuchsschwimmerin verbindet das Duo eine extrem vertrauensvolle Athleten-Trainer-Beziehung. "Er macht die Pläne, ich muss seine Plan nur umsetzen, einfacher geht ein Job nicht", bringt es Tobehn auf den Punkt. 

Ein Job ist Schwimmen für die Wahl-Dresdnerin allerdings nicht. Die 24-Jährige studiert Foto- und Mediendesign, arbeitet als Fotografin für den regionalen Speise-Service La Ola und betreut auf Minijob-Basis bei den DSC-Schwimmern eine fünfte Klasse - mindestens zehn Stunden pro Woche. Aufgrund ihrer Leistungs-Explosion ist Tobehn allerdings vorübergehend bis zum 31. August in den Perspektivkader des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) gerutscht, Trainingslager des Verbandes waren für die DSC-Schwimmerin also kostenfrei. 

Tobehn wird künftig als Perspektiv-Kader gefördert

Und ab 1. November rutscht die EM-Vierte fest für zumindest ein Jahr in diesen DSV-Perspektivkader, bekommt dann also auch eine monatliche Unterstützung der Sporthilfe im mittleren dreistelligen Bereich. 

Maya Tobehn fand in Dresden auch abseits der zentralisierten Olympia-Stützpunkte offenbar ihren geeigneten Mittelpunkt für einen neuen wichtigen Lebensabschnitt. Ein Umfeld, in dem sie sich bewusst entwickeln, sich wieder selbst spüren und tatsächlich auch austesten kann. "In Dresden, als ich noch deutlich mehr gewogen habe, hat niemand gesagt: Lass das mal sein. Sondern man hat mich hier von Anfang mich unterstützt. Das habe ich in Berlin auch anders erlebt", sagt sie. 

"Ich habe gelernt, auf wen ich wirklich zählen kann, worauf ich nicht viel geben muss und was ich zwingend in meinem Umfeld brauche - und vor allem, was nicht. Damals", sagt sie und meine ihrer frühere Karriere, "wusste ich natürlich nicht. Ich war neu in dem Business - und das ist ein Business." Ihr neues Umfeld in Dresden betrachtet die Rückkehrerin als Komfortzone. Doch der Begriff ist zum Teil auch negativ belegt. "Das wird übersetzt mit Sofa. Niemand lebt dauerhaft außerhalb seiner Komfortzone, niemand, in keinem Job. Wenn du Leistung bringen willst, muss dein Umfeld zu 100 Prozent stimmen", sagt Martin Dautz. 

"Die EM war nie geplant"

Auch dank ihrer teilweise erschütternden Erfahrungen vertraut Maya Tobehn nur ganz wenigen Leuten. "Ich habe gesehen, wer gekommen und gegangen ist, je nachdem, wie meine Karriere verlief. Es kommen immer ganz, ganz viele und ganz schnell, wenn man gut ist. Und noch schneller gehen sie, wenn du wegen irgendetwas keine Leistung bringt, egal ob temporär oder generell. Die paar Leute, die einen immer unterstützt haben, kann man an einer Hand abzählen." Dazu gehört neben ihrem Trainer u.a. die ehemalige Nachwuchs-Bundestrainerin Beate Ludewig aus Berlin. 

Für Tobehn ist der weitere Verlauf der EM in Paris - sie startet noch über 200 Freistil im Einzel - kein Knackpunkt. Die EM war nie geplant, wir wollten diese Saison erstmal nutzen, um wieder richtig reinzukommen in den Leistungssport. Das hat besser funktioniert, als ich gedacht habe. Dadurch, dass ich schon so viel gesehen habe, konnte ich viele Athleten und Trainer beobachten und weiß sehr genau, dass ich noch viele Reize habe im Sport, die wir noch gar nicht ausgeschöpft haben." 

Es ist sehr wahrscheinlich, das Maya Tobehn aus Paris ohne Plakette zurückkommt. Dann könnte sie sich einen Spruch zu Herzen nehmen, mit dem sie ihrer Fünftklässler-Trainingsgruppe beim Dresdner SC immer motiviert: "Ihr gewinnt eure Medaillen nicht beim Wettkampf. Die gewinnt ihr Monate vorher mit jeder einzelnen Trainingseinheit." Insofern hat die erneut zur Top-Athletin gereifte junge Frau schon ganz viel gewonnen. 

Alexander Hiller
Artikel von

Alexander Hiller

Alexander Hiller ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media

METIS