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Warum Dresdens beste Schwimmerin eine Sonderrolle spielt

Warum Dresdens beste Schwimmerin eine Sonderrolle spielt
Maya Tobehn ist nach einem sensationellen Karriere-Comeback für die Schwimm-EM in Paris nominiert. Foto: Alexander Hiller
Von: Alexander Hiller
Maya Tobehn galt als Riesen-Talent im deutschen Schwimmsport. Doch die durch Corona verschobenen Olympischen Spiele von Tokio stürzten die Berlinerin in eine tiefe Lebenskrise. In Dresden startete sie nun einen vielbeachteten Neuanfang - mit einem wohl einzigartigen Erfolgsmodell.

Viel mag sie gar nicht erzählen, das ist einfach nicht ihre Art. Dabei war ihr bisheriges Leben eine wahre Achterbahnfahrt - und Maya Tobehn düst in diesem Gefährt aus einer tiefen Talsohle wieder auf dem Weg nach oben. Die 24-Jährige schwimmt seit knapp anderthalb Jahren für den Dresdner SC. Und steht als einzige Dresdnerin im Aufgebot des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) für die Europameisterschaft Anfang August in Paris.

Über ihre Spezialstrecke 200 Meter Freistil darf sie im Einzel und in der Staffel starten. Und das ist ein kleines Wunder, eine Sensation. Denn die gebürtige Berlinerin hatte ihre Karriere eigentlich schon beendet. In Berlin wurde sie zunächst als das Top-Talent und mögliche Nachfolgerin von Olympiasiegerin Britta Steffen gefeiert. 26 Titel bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften und zehn Plaketten bei Jugend-Europameisterschaften häufte die heute 1,86 Meter große Athletin innerhalb von drei Jahren an.

Ein Olympiaticket für 2020 in Tokio galt für sie als sicher. Corona stoppte diesen Traum. Die Spiele in Japan wurden auf 2021 verschoben. Und Maya Tobehn, tief enttäuscht, machte einfach weiter. Im Nachhinein ein folgenschwerer Fehler. Die aufstrebende Schwimmerin arbeitete sich in einen mentalen Strudel, der sie immer weiter nach unten zog. Bis zum Burnout. Für sechs Wochen tauchte sie völlig ab. "Ich hatte null Zeitgefühl, habe nur noch für meinen Hund Donnie existiert. Ohne ihn hätte ich nie die Wohnung verlassen", sagt sie heute.

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"Wir alle haben die massiven Folgen völlig unterschätzt. Maya hätte sofort sportpsychologisch betreut werden müssen", erklärt Martin Dautz, damals wie heute ihr Trainer. Und auch sein Schützling betont heute einsichtig: "Ich habe Hilfe angeboten bekommen, aber ich habe sie nicht angenommen." Die Ratschläge von Olympiasiegerin Britta Steffen, der ehemaligen Nachwuchs-Bundestrainerin Beate Ludewig und auch von Martin Dautz wischte sie beiseite.

Umzug nach Dresden der erste Lichtblick

Nicht ihre klügste Entscheidung, wie Maya Tobehn heute weiß. "Ich habe weiter- und mich damit selbst kaputtgemacht. Ich habe nicht verstanden, warum ich eine Pause machen sollte, wenn ich gerade etwas nicht geschafft habe. In die Scheiße", erklärt sie mit drastischen Worten, "habe ich mich selber reingeritten."

Psychisch überlastet und körperlich deutlich verändert zog sie für sich den Stecker, beendete ihre noch junge Karriere, ging anderthalb Jahre nicht trainieren, die Wettkampfpause wurde mit drei Jahren noch länger.

Erst als der gebürtige Dresdner Martin Dautz aus privaten Gründen wieder in seine Heimatstadt zurückzog, ergriff sie die Chance für einen persönlichen Neuanfang. Tobehn folgte ihm an die Elbe, startete ein Studium für Foto- und Mediendesign. "Der Umzug nach Dresden war mein erster Lichtblick nach langer Zeit", sagt sie. Und der weckte auch wieder ihre Lust auf das Becken. Das Problem: Als Tobehn ihr Comeback-Projekt im November 2024 startete, wog sie 30 Kilogramm mehr als jetzt. Was sie auch mit der sogenannten zweiten Pubertät erklärt, bei der manche Frauen mit Anfang 20 noch einen Entwicklungsschub erleben.

Die erfolgreiche Nachwuchs-Athletin ließ sich davon und ersten ernüchternden Ergebnissen nicht ausbremsen. Mit Flossen brauchte sie beim Neustart über 50 Meter Freistil 28,3 Sekunden, jetzt ist sie ohne diese Hilfsmittel zweieinhalb Sekunden schneller.

Modell Tobehn in Deutschlands Schwimmsport einzigartig

Denn nicht nur die Pfunde schmolzen aufgrund einer radikalen Ernährungsumstellung dahin, bei der sie komplett auf Zucker verzichtet. Sondern Tobehns Ehrgeiz kehrte schnell wieder zurück. Der ist so groß, dass Martin Dautz sie manchmal lautstark auffordern muss, aus dem Becken zu kommen oder mal auf eine Einheit zu verzichten.

Denn Tobehn trainiert mit 20 Stunden pro Woche nicht nur wie eine Leistungssportlerin, sondern verdient ihren Lebensunterhalt als angestellte Fotografin für den regionalen Speise-Service La Ola und betreut auf Minijob-Basis bei den DSC-Schwimmern eine fünfte Klasse - mindestens zehn Stunden pro Woche. Da ihr ein Kaderstatus fehlt, muss die derzeit beste Dresdner Schwimmerin ohne öffentliche Fördergelder auskommen, für die Teilnahme an Trainingslagern des Verbandes muss die 24-Jährige beispielsweise selbst aufkommen.

"Das Modell, wie es Maya hat, da würde mir nicht einfallen, wen das noch betrifft. Das sind deutlich mehr als 40 Wochenstunden", sagt Trainer Martin Dautz. Im 40-köpfigen deutschen EM-Aufgebot trainieren außer Tobehn nur noch zwei Chemnitzer Athletinnen nicht an einem der sechs Bundesstützpunkte oder an einem US-College.

Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen: "Ich traue Maya viel zu."

Offenbar ist dieses außergewöhnliche Modell aber ein erfolgreiches. Maya Tobehn ist so schnell wie noch nie, ihre bisherige Bestzeit von 2019 über 200 Meter Freistil verbesserte sie im April auf 1:58,69 Minuten. Damit steht sie unter den Top 25 in Europa. Diese Entwicklung verblüfft die Neu-Starterin nicht. "Überrascht? Nee, das ist schwer zu beschreiben. Ich habe mir das halt vorgenommen, als Projekt und Experiment. Ich habe mir gesagt: Ich gucke, was der Körper noch kann. Und schauen wir mal, was für ein Resultat rauskommt. Das ist ja immer noch ein Experiment. Ich bin gespannt, bis wohin es geht", sagt Maya Tobehn.

"Das ist wie eine neue Karriere für mich, eine brandneue. Es ist so ein bisschen die zweite, aber mit neuen Zielen. Die EM ist ein guter Anfang", sagt die Athletin. Und ihr erfolgreiches Comeback beruht auf einem extrem engen Vertrauensverhältnis zu ihrem Coach. Als die Schwimmerin 15 Jahre alt war und im Nachwuchs schon einige beachtliche Erfolge feiern konnte, "kam er zu mir und hat gesagt: Wenn du so weiterschwimmst, dann wird das nüscht. Du schwimmst scheiße, du musst alles ändern von Grund auf", zitiert die Berlinerin ihren Trainer.

Statt sich zu empören, ließ sich Tobehn auf Dautz und dessen neue Ideen, Impulse ein. "Dann hast du als Sportler die Wahl, um zu sagen: Alles klar, machen wir. Aber dann musst du dein ganzes Vertrauen reinsetzen. Schon nach einem Jahr habe ich beschlossen: Das wird mein letzter Trainer sein." Ein Konzept, dass auch Freundin und Mentorin Britta Steffen aufmerksam verfolgt: "Wenn due erfolgreich sein möchtest, muss alles passen. Für Maya hat es in Berlin nicht mehr gepasst, dafür in Dresden umso besser. Ich traue Maya viel zu", sagt die Doppel-Olympiasiegerin von 2008 auf Nachfrage des Autors. 

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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