Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist der »Markt der Kulturen« im kulturellen Leben der Stadt Pirna fest verankert und zieht alljährlich bis zu 10.000 Besucherinnen und Besucher an. Das Fest auf dem historischen Pflaster des Pirnaer Marktplatzes steht für: Vielfalt, Begegnung und Austausch interkultureller Art. Damit soll nun Schluss sein. Eine knappe Mehrheit von AfD und Freien Wählern kündigte in der Stadtratssitzung vom 3. Februar 2026 die langjährige logistische wie finanzielle Unterstützung der Stadt für das Fest auf.
Die Beendigung der langjährigen Zusammenarbeit ist jedoch nicht in organisatorischen Unzulänglichkeiten oder gähnender Leere im Stadtsäckel begründet. Es war eine politische Entscheidung, dem veranstaltenden Verein, der Aktion Zivilcourage, das Misstrauen auszusprechen. Das wird von Seiten der AfD auch gar nicht bestritten.
So begründete die AfD-Fraktion ihr Abstimmungsverhalten mit einer grundsätzlichen Ablehnung des ausrichtenden Vereins, den sie als politisch linksgerichtet einstuft. Die Freien Wähler erklärten: Der Fokus der Veranstaltung habe auf sie „unscharf und politisch einseitig“ gewirkt. All das erscheint wie ein abgekartetes Pokerspiel, um einem vermeintlichen politischen Gegner eins auszuwischen.
Der parteilose Tim Lochner ließ sich für die Stadtratswahl im Juni 2024 von der AfD aufstellen. Anschließend wurde er zum Pirnaer Oberbürgermeister gewählt. Er hat sich bei der Abstimmung im Februar 2026 im Stadtrat der Stimme enthalten. Im Nachhinein legte er pflichtgemäß Widerspruch ein und lud zu einer Sondersitzung des Stadtrates. Diese platzte, weil die Abgeordneten der AfD und Freien Wähler der Sitzung fernblieben und der Stadtrat damit nicht beschlussfähig war. In der nächsten Sitzung dann wurde der Beschluss des Stadtrats bestätigt.
Neben der Absage an ein multikulturelles Event, auf dem sich zahlreiche Vereine, Institutionen und Initiativen bis hin zu Parteien mit ihren Angeboten präsentieren konnten, wurde dem Verein Aktion Zivilcourage die Förderzusage für zwei kleinere Projekte entzogen: Die »Gläserne Stadt« sollte Kindern und Jugendlichen städtische Institutionen wie Rathaus, Feuerwehr und Polizei näherbringen. Das zweite Projekt bietet Workshops zum Abbau gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit an. Eine nachvollziehbare inhaltliche Begründung für die Ablehnung wurde nicht mitgeliefert.
Bei der Aktion Zivilcourage ist man ob der Entscheidung des Stadtrates enttäuscht, aber nicht wirklich überrascht. Laut Sebastian Reißig, dem Geschäftsführer des im Landkreis und darüber hinaus tätigen und vielfach für sein bildungspolitisches Engagement für die Demokratie ausgezeichneten Vereins, kam die endgültige Absage des Marktes der Kulturen zu kurzfristig, um noch umplanen zu können. „Ohne die logistische Unterstützung der Stadt lässt sich solch ein großes Straßenfest auch nicht auf die Schnelle organisieren“. Selbst dann nicht, wenn ein Großteil der Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ stammt und der städtische Eigenanteil nur 10.000 Euro beträgt.
Eine Initiative von Engagierten im Landkreis
Aus der für viele Engagierte im Landkreis enttäuschenden Absage des Marktes der Kulturen entwickelt sich bald eine Initiative von Vereinen und Engagierten: Die Idee zum Mitmach-Picknick am 6. Juni auf dem Marktplatz Pirna wird geboren. Und so schließen sich mehr als 15 Vereine aus Pirna und der Region zur Initiative „Pirna is(s)t zusammen“ kurz. Darunter finden sich die Diakonie, die Caritas, der Verein „Sonnige Aussichten“, der sich für eine lebenswerte Nachbarschaft auf dem Sonnenstein in Pirna einsetzt, die AG Asylsuchende, der Jugendring Pirna. Federführend als Veranstalter ist hierbei der im Landkreis bestens vernetzte Aktion Zivilcourage e. V.
Die Idee dahinter ist so simpel wie einleuchtend: Ein Fest der Begegnung im Herzen der Stadt soll es werden. An langen, festlich gedeckten Tischen sollen die Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Unterdessen geht das Stänkern und Sticheln weiter. An Gehässigkeit kaum zu überbieten ist hierbei die Facebook-Seite „Pirna kommentiert“, die laut André Liebscher, der als unabhängiger Bewerber in den Stadtrat einzog, hauptsächlich von AfD-Mitarbeiter Oliver Lang betrieben wird. „Wer hinter einer Veranstaltung wie ‚Pirna is(s)t zusammen‛ den Zusammenbruch der Gesellschaft erkennt, hat offensichtlich nicht den Sinn hinter dieser Veranstaltung verstanden, sondern ein Problem mit gesellschaftlichem Zusammenleben an sich.“, kommentiert André Liebscher den Kommentar.
Aber wie geht man um mit einer Situation, in der einem eine neue Stadtratsmehrheit Steine in den Weg legt? „Die Politiker sind ja gewählt worden und es spiegelt im Ergebnis wider, was in den Wahlversprechen kommuniziert wurde, dass es politisch nicht mehr gewollt ist.“, teilte eine Organisatorin des Mitmach-Picknicks auf Nachfrage mit. André Liebscher jedenfalls wünscht sich für diesen Nachmittag „gute Gespräche und entspannte Begegnungen. Und vor allem die Gelassenheit, sich von den dauerempörten Kulturkämpfern am digitalen Spielfeldrand nicht die Stimmung verderben zu lassen.“
