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Kennen Sie den?

Ein Grafitto auf einer Betonwand in einer Unterführung. Abgebildet ist der Kopf eines Mannes im Anzug sowie eine Straßenansicht mit einer Baumreihe und Villen.
Tunnel der Freiheit in Großenhain. Foto: Mareen Sander-Demian
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Bei bestem Sonntags-Sonnenschein schlendere ich in Großenhain durch die Fußgängerunterführung der B101 in Höhe Parkstraße. Dabei bleibt mein Blick an einem der riesigen, gesprayten Herren-Köpfe an der Wand hängen. Das Graffiti ist mit dem Namen „Carlo Mierendorff“ beschriftet.

Ein Feature von Mareen Sander-Demian

Den Namen kenne ich doch irgendwoher!? Nach kurzer Recherche im Internet weiß ich, dass ich mich im Tunnel der Freiheit befinde und den Widerstandskämpfer und Sozialdemokraten Carlo Mierendorff betrachte. Ich suche weiter; von dieser spannenden Persönlichkeit möchte ich noch mehr erfahren. Was verbindet ihn mit Großenhain?

Er wird am 24. März 1897 in Großenhain geboren. Schon während seiner Kindheit zieht die Familie mehrfach um, zuletzt nach Darmstadt. Direkt nach Schulabschluss meldet er sich zur Front im Ersten Weltkrieg. Danach Studium, Eintritt in die SPD, Reichstagsmitglied und Kampf für die Republik und gegen das Erstarken der NSDAP. Von 1933 bis 1938 wird er deswegen inhaftiert. Dieser Lebenslauf verfolgt ein Ziel, scheint es mir. Ich bin beeindruckt. Trotz mehr als vierjähriger Folter und KZ-Inhaftierung bleibt er seiner Überzeugung treu.

Schwarz-weißes Foto eines Mannes im Halbporträt mit Mantel und Hut auf der Straße stehend, mit Blick in die Kamera

Carlo Mierendorff nach seiner Entlassung aus dem KZ in Berlin.
Foto: Archiv der sozialen Demokratie/Friedrich-Ebert-Stiftung, 6/FOTA020541


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Nach seiner Freilassung schließt er sich dem Kreisauer Kreis an und setzt also erneut sein Leben aufs Spiel. Den Attentatsversuch auf Hitler durch Claus Stauffenberg wird er allerdings nicht mehr erleben. Er wird 1943 bei einem alliierten Bombenangriff in Leipzig getötet. Ich begebe mich auf Spurensuche in Großenhain. Was bleibt den Großenhainern von Carlo Mierendorff außer dem Graffiti im Tunnel und dem zugehörigen Schüler-Video? Was wollen die Großenhainer, das ihnen bleibt?

Im örtlichen Museum Alte Lateinschule finden die Museumsleitung und ich Schautafeln einer Carlo-Mierendorff-Ausstellung aus dem Jahre 1997 anlässlich seines 100. Geburtstages. Sorgfältig verpackt und auf dem Speicher verstaut. Einige wenige Informationen zu den Kindheitsjahren in Großenhain kann ich ausmachen: Die Familie lebt in einer Villa auf der Johannesallee, der heutigen Mozartallee 127 an der Kreuzung Bahnhofsstraße in gut bürgerlichen Verhältnissen.

Eine historische, kolorierte Postkarte mit der Beschriftung "Grossenhain - Johannesallee". Zu sehen ist eine breite Straße mit einer Baumreihe, großen Villen, ein Pferdefuhrwerk und wenige Passanten.

Johannesallee um 1910, Postkarte.
Quelle: Museum Alte Lateinschule Großenhain


Familie Mierendorff musiziert gern zusammen. Beim Blick auf die Postkarte mit dem ansehnlichen Straßenpanorama kann ich sie schon fast aufspielen hören, im Hintergrund das Hufgeklapper der Pferdekutschen. Vor fast 30 Jahren hat man sich in Großenhain also doch schon einmal an diesen bekannten Sohn der Stadt erinnert. Außer den Schautafeln auf dem Speicher des örtlichen Museums und dem Graffiti-Portrait habe ich nichts gefunden, was im Stadtbild an Carlo erinnert.

Wider Erwarten finde ich auch keine Carlo-Mierendorff-Straße in seinem Geburtstort Großenhain. Auf den Schautafeln des Museums gab es jede Menge Bilder von Straßen- oder Schulnamenschildern, die nach ihm benannt wurden, zum Beispiel in Leipzig oder Frankfurt. In Berlin gibt es sogar eine „Mierendorff-Insel“. In der Großenhainer Stadtverwaltung bevorzugt man allerdings Bezüge zu geografischen Gegebenheiten für die Vergabe von Straßennamen.

Glücklicherweise sind Namen von Straßen oder Einrichtungen nicht die einzige Möglichkeit Erinnerungskultur aktiv zu leben. Da geht doch noch was, oder?





Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
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