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Die 100 Tage beim Henker

Foto: Ein älterer Mann, eine Frau in Schürzen und ein jüngerer Mann mit Hose und T-Shirt stehen lächelnd in die Kamera vor einer Theke einer Fleischerei.
Familie Henker v.l.: Henry, Anja und Hans. Foto: Elisa-Marie Lehmann
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Keine Angst, keine Folter. Auch kein Mittelalter. Keine grausigen Erlebnisse dieser Berufsgruppe. Unser Ziel ist der kleine Ort Diera bei Meißen.

Ein Bericht von Steffen Skeide

Es ist jetzt über 100 Tage her, dass die Firmenübergabe der Wild- & Landfleischerei Henker in die fünfte Generation stattgefunden hat. 1911 von Hugo als Schlachter und Viehaufkäufer gegründet, 1946 an Rudi übergeben, 1970 von Horst fortgeführt, 2000 von Henry übernommen und 2026 von Hans weitergeführt. 

„Ich bin sehr froh und stolz, dass Hans das Geschäft übernommen hat,“ sagt Henry. „Die Probleme werden ja nicht weniger, Vorschriften, neue Regelungen, der gesamte formelle Kram der einen nicht unerheblichen Zeitaufwand in Anspruch nimmt. Und dann hat man ja mit 60 Jahren auch noch eigene Träume. Die Firmenübergabe wurde von unserer Familie seit etwa zehn Jahren vorbereitet. Hans hat alle Prozesse im Betrieb durchlaufen. Veränderungen wurden besprochen und umgesetzt.“ -  

„Das ging nicht immer ruhig und reibungslos von statten,“ fügt Mutter Anja ein. „Aber als Familie haben wir das hinbekommen. Das wichtigste: ehrlich miteinander reden.“

                     

Die Fleischermeister der Familie Henker in Dieara:

1911 - 1949 Hugo

1949 - 1970 Rudi

1970 - 2000 Horst

2000 - 2026 Henry

     seit 2026 Hans

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Die Mannschaft der Henker's.
Foto: Elisa-Marie Lehmann                                                 

Wir sind aktuell ein Team von zehn Personen, darunter ein Lehrling. Mit unserem Verkaufsmobil fahren wir jeden Tag auf regionale Wochenmärkte, ansonsten vertreiben wir unsere mehr als 300 Wurst- und Fleischvariationen hier vor Ort. Frische und Qualität unserer Produkte stehen seit Generationen im Mittelpunkt, das wird sich auch nicht ändern. 

Dazu gehört natürlich ein gutes Umfeld und ein motiviertes und zufriedenes Team. Zwei Krankentage pro Jahr über alle Mitarbeiter sprechen eine deutliche Sprache. Beim Übergabeprozess wurden alle Mitarbeiter mit eingebunden. Das schaffte Vertrauen, Ruhe und Sicherheit für die gemeinsamen Ziele. Mit unseren Öffnungszeiten, Dienstag bis Freitag wurden zusätzliche Bedürfnisse unserer Mitarbeiter, wie auch unserer Firmenphilosophie, gut in Einklang gebracht. Ein 24 Stunden geöffneter Fleischautomat rundet den Verkauf ab.“ 
„Wir sind leidenschaftliche Jäger.“
Hans Henker, Fleischermeister in fünfter Generation
Hans Henker weiter: „Um auf die Qualität nochmal zurück zu kommen, wir sind eine von wenigen Fleischereien, die noch selber schlachten. Die Tiere werden regional mit kurzen Transportwegen direkt vom Erzeuger bezogen. Wild macht je nach Saison zehn bis 20 Prozent des Gesamtanteils unserer Produktion aus. Dieses schießen wir als leidenschaftliche Jäger selber oder kaufen es bei gleich gesinnten Freunden zu. Dabei spielen die eigenen Erfahrungen und das Wissen eine sehr große Rolle. Das Wild wird bei uns nicht einfach nur verkauft, es wird veredelt.“
„Wann haben Sie das letzte Mal Gulasch gekocht?“
Henry Henker, Fleischermeister in vierter Generation
Hasen sind in der Gegend Mangelware, deshalb geht Henry seit über 25 Jahren auf eine der größten Hasenjagden nach Bayern. Die dort je nach Jagdglück erlegten 100 bis 200 Tiere erfüllen so manchen Traum eines außergewöhnlichen Essens. 

„Wann haben Sie das letzte Mal Tafelspitz, Rouladen, Gulasch oder Sauerbraten gekocht?“ Mit dieser Frage konfrontiert Henry gern die Kundschaft. Und sagt: „Die Antwort ist immer die Gleiche. Die Familienstruktur hat sich geändert, jeder macht sein eigenes Ding, es nimmt sich in dieser hektischen Welt keiner mehr die nötige Zeit dafür, andere Sachen sind wichtiger. Wir verkaufen diese Gerichte. Als Konserven haben sie sich als richtiger Renner entwickelt, natürlich mit Liebe und Hingabe nach alten Rezepten gekocht.“


Ist nicht leicht, so eine Fleischereiübergabe.
Foto: Elisa-Marie Lehmann                                           


Fazit nach 100 Tagen: Alles in Ordnung, Hans? „Leider nicht“ sagt Hans. „Trotz aller Vorbereitung haben wir immer noch mit Problemen zu kämpfen. Das mit der Steuernummer kann schon mal passieren, jeder macht mal einen Fehler. Bei Enso und Telekom fehlt mir jedes Verständnis, warum trotz mehrmaliger Anfragen die Umschreibung noch nicht erfolgt ist. Das uns unsere Hausbank sitzen gelassen hat, schmerzt heute immer noch. Danke an die Handwerkskammer, so stellt man sich eine Zusammenarbeit vor. Wenn wir in fünf Jahren noch so dastehen wie heute, kann ich von einer gelungenen Übergabe sprechen. 

Die nächsten Herausforderungen bezüglich Investitionen: Wie weiter mit dem Kühlmittel? Die hohen Energiepreise können einen schon skeptisch machen. Aber Jammern und Aufgeben waren noch nie Stärken in unserer Familie.“


Diera verlassend, eine SMS: Bringe aus dem Supermarkt etwas zu essen mit. Beim Abendbrot, leicht verzückt und genüsslich kauend sieht mich meine Frau an: Wo zum Henker hast Du diese Wurst gekauft…

Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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