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Warum Systembrüche im E-Commerce langfristig teuer werden können

Warum Systembrüche im E-Commerce langfristig teuer werden können
Autor Eric Wittig
Von: Manfred Schulz
Ein durchschnittliches Handelsunternehmen mit eigenem Onlineshop, einem ERP-System und Anbindungen an mehrere Marktplätze schiebt Produktdaten täglich durch drei oder vier Stationen.

Die Lizenzkosten dafür stehen ordentlich im Budget. Was dort allerdings selten auftaucht: der Preis für alles dazwischen. Händische Übertragungen, widersprüchliche Artikelinformationen, Sortimentsupdates, die Wochen statt Tage brauchen. Diese Reibungsverluste laufen im Hintergrund mit und bleiben regelmäßig unter dem Radar.

Wo Systembrüche konkret Geld verbrennen

Drei Szenarien tauchen in der Praxis immer wieder auf:

Erstens: Im ERP werden Produktdaten aktualisiert, im Shop kommen sie verspätet oder fehlerhaft an. Kunden stoßen dann auf veraltete Beschreibungen, falsche Maße oder Preise, die je nach Kanal unterschiedlich ausfallen. Wie kritisch das ist, zeigte beispielsweise bereits eine Konsumentenbefragung von ECC Köln und atrify aus dem Jahr 2021: Vollständige und einheitliche Produktinformationen gehören für Onlinekäufer zu den entscheidenden Faktoren bei der Kaufentscheidung.

Zweitens: Lagerbestände laufen zwischen Shop, ERP und Marktplätzen auseinander und Überverkäufe folgen. Das zieht die Bewertungen herunter und verschlechtert die Sichtbarkeit in den Suchergebnissen großer Plattformen. Wer regelmäßig manuell nachjustieren muss, weil zwei Systeme unterschiedliche Bestände melden, kennt das Problem.

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Drittens: Neue Produkte benötigen Wochen statt Tage bis zur Veröffentlichung, weil Arbeiten wie die Datenpflege und Übertragung manuell laufen. In Bereichen wie dem Modehandel mit kurzlebigen Capsule Collections oder im Elektronikhandel mit ständig neuen Artikelnummern wird Geschwindigkeit damit zum harten Wettbewerbsfaktor. Wer hier zwei Wochen verliert, verliert ein Saisonfenster.

Schnittstellenarchitektur statt Bauchgefühl

Welche Verbindungen besonders fehleranfällig sind, zeigt sich häufig erst beim genauen Blick auf die Schnittstellenlandschaft. Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen jedem System wirken im ersten Moment pragmatisch, werden aber mit jedem neuen Kanal teurer und fragiler.

Eine zentrale Integrationsschicht, also Middleware oder iPaaS, reduziert die Zahl der Verbindungen und macht Datenflüsse beobachtbar. Einen guten Überblick über gängige Integrationsmuster zwischen PIM, ERP und Vertriebskanälen bietet eine Analyse typischer Schnittstellenansätze. Wer Stammdaten zusätzlich an etablierten Branchenstandards wie GS1/GDSN oder BMEcat ausrichtet, erspart sich später viele bilaterale Abstimmungen mit Lieferanten und Marktplätzen.

Fehlerkosten, die kein Dashboard zeigt

Falsche Produktangaben treiben Retouren in die Höhe und Retouren sind teuer: Laut der EHI-Studie Versand- und Retourenmanagement im E-Commerce 2024 (Onlinebefragung von 81 Onlinehändlern in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Sommer 2024) kalkulieren 30 Prozent der befragten Händler mit fünf bis zehn Euro Bearbeitungskosten pro retourniertem Artikel, weitere 26 Prozent mit zehn bis zwanzig Euro. 27 Prozent können ihre Retourenkosten nicht einmal beziffern. Das sagt für sich genommen schon viel über die Datenlage in den betroffenen Häusern.

Dazu kommt das Volumen. Für 2025 schätzt der Retourenforscher Björn Asdecker von der Universität Bamberg die Zahl der Rücksendungen in Deutschland auf rund 550 Millionen Pakete, ein Rekordwert. Wer in dieser Größenordnung mit unscharfen Produktdaten arbeitet, zahlt doppelt: einmal in der Logistik, einmal beim Kundenservice.

Warum ein „Big Bang" selten funktioniert

Viele Händler schieben Integrationsprojekte vor sich her. Verständlich, niemand reißt gern alles auf einmal auf. Trotzdem ist der Komplettumbau der falsche Maßstab. Wer zunächst Produktdaten in einer einzigen führenden Quelle bündelt, im Sinne eines Single-Source-of-Truth-Prinzips, schafft eine Grundlage, auf der sich weitere Kanäle nach und nach anbinden lassen. Das senkt Projektrisiken und liefert messbare Zwischenergebnisse. Intern macht es Entscheidungen erheblich einfacher. Das klingt weniger spektakulär als ein Rundumschlag, funktioniert dafür aber viel häufiger.

Grenzen gibt es trotzdem. Nicht jede Integrationsschicht kann eingezogen werden, ohne bestehende Abläufe anzupassen. Für kleinere Händler unterhalb eines mittleren zweistelligen Millionenumsatzes lohnt sich der Aufbau eines vollwertigen PIM-Systems oft erst, wenn das Sortiment eine gewisse Tiefe erreicht hat. In dieser Größenklasse genügen in der Regel eine konsequente Datenpflege im Shopsystem und ein paar saubere Marktplatz-Konnektoren. Wir haben bereits vor einiger Zeit beschrieben, unter welchen Voraussetzungen sich Datenintegration im Handel auszahlt und wann dafür die Datenbasis stimmen muss. Die Antwort fällt ernüchternd klar aus: immer.

Drei Fragen, die sich Händler jetzt stellen sollten

Statt auf das nächste Budgetjahr zu warten, hilft ein nüchterner Blick auf drei Punkte:

  • Welches System ist für welche Daten tatsächlich führend und wissen das alle Beteiligten? 
  • Wo entstehen die meisten händischen Übertragungsschritte und wer trägt dafür die Verantwortung?
  • Welche einzelne Integration hätte den größten Hebel auf die Fehlerquote oder Time-to-Market?

Aus meiner Sicht liegt der größte Hebel selten bei neuer Software, sondern bei klar geregelten Datenzuständigkeiten. Konkret heißt das: Pro Datendomäne braucht es eine Person, die für deren Qualität den Hut aufhat und ein verbindliches Verständnis darüber besitzt, welches System für welches Attribut die Wahrheit liefert. Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet, weiß meistens auch, wo der sinnvolle erste Schritt liegt.

Über den Autor

Eric Wittig ist Unternehmer und Experte für E-Commerce, Content und skalierbare Prozesse. Er verbindet wirtschaftliches Fachwissen mit klarer Sprache und sorgt so dafür, dass komplexe Themen für jede Zielgruppe verständlich und ansprechend aufbereitet werden.

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/eric-wittig-7b2a98151/

Website: https://veebis.com/

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