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Sozial-Spaziergang: Wo Dresden-Pieschen an seine Grenzen stößt

Drei Frauen stehen lächelnd nebeneinander in einem Raum. Links steht Bürgermeisterin Kaufmann mit verschränkten Händen, daneben zwei Mitarbeiterinnen im gestreiften und schwarzen T-Shirt. Links ist ein Holzregal mit Flyern und einer Stereoanlage.
Eng vernetzt in Pieschen: Sozialbürgermeisterin Kaufmann (links) besucht Anja Fiedler (Mitte) und Céline Nawrat von der DRK-Beratungsstelle „Auftrieb“. Trotz steigender Bedarfe und Ängste drohen den sozialen Angeboten im neuen Haushalt finanzielle Kürzungen. Foto: J. Frintert
Von: Dresden News
Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann (Die Linke) hat sich vor Ort ein Bild von den sozialen Beratungsangeboten in Pieschen gemacht. Dabei zeigte sich: Der Stadtteil ist sozial stabil aufgestellt, steht aber zunehmend unter Druck. Mehr Zuzüge, steigende Mietschulden und ein wachsender Beratungsbedarf treffen auf begrenzte Kapazitäten.

Dresden. Pieschen wächst stetig. Inzwischen leben knapp 55.000 Menschen im Stadtteil. Die Bevölkerung wird jünger, und es entstehen neue Wohnungen. Mit dieser Entwicklung zeigt sich Torsten König, stellvertretender Leiter des Sozialamts, beim Stadtteilrundgang der Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann (Die Linke) Mitte Juli zufrieden.

Laut Kaufmann liegt die Arbeitslosenquote in Pieschen mit rund sieben Prozent etwa im Dresdner Durchschnitt. Weder Arbeitslosigkeit noch soziale Segregation prägen demnnach den Stadtteil. Vielmehr sei Pieschen „sozial stabil durchmischt“. Knapp 60 Prozent der Haushalte sind Singlehaushalte, der Seniorenanteil liegt unter 21 Prozent, und der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte unter zehn Prozent. Das Durchschnittsalter liegt bei 41,3 Jahren.

Wo die Herausforderungen liegen, verdeutlichen die Zahlen des Sozialamts: Rund 5.000 Menschen beziehen Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, 740 erhalten Hilfe zum Lebensunterhalt. Hinzu kommen Hilfen zur Pflege sowie rund 40 Menschen, die nach dem Sozialgesetzbuch untergebracht sind. Robin Beitz von der Wohnungsfürsorge betont, wie eng die verschiedenen Hilfsangebote ineinandergreifen. Ohne Wohnung sei eine Stabilisierung kaum möglich - ohne Beratung wiederum oft keine Wohnung.

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Beim Wohnungsbau nennt Markus Müller, Referent für Wohnungspolitik, rund 230 neue Wohnungen der städtischen Wohnungsgesellschaft WiD, unter anderem in der Rosa-Steinhardt-Straße. Weitere Wohnungen entstehen derzeit in Mickten. Dazu kommen mehrere private Bauprojekte wie Marina Garden und die Hafencity. Dennoch bleibt der Wohnungsmarkt in Pieschen angespannt.

Schuldnerberatung: Warteliste wird länger

Welche Folgen das für die Menschen hat, zeigt die AWO-Schuldnerberatung an der Leipziger Straße. Zwar gehe die Zahl der Neuklienten leicht zurück, wie Leiter Sebastian Lelanz berichtet, doch die einzelnen Beratungen würden deutlich aufwendiger. „Es kommen mehr Menschen, die nur schlecht Deutsch können, und vermehrt ältere Bürger“, sagt Lelanz. In beiden Fällen brauche die Beratung mehr Zeit.

Eine Frau mit Brille und dunkelblauem T-Shirt sitzt mit einem offenen Notizbuch an einem Tisch und spricht mit einem Mann, der im Vordergrund von hinten zu sehen ist. Im Hintergrund stehen Zimmerpflanzen auf einer Fensterbank vor einem Fenster.
Hilfe in der Finanzkrise: Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann im Gespräch mit Sebastian Lelanz, dem Leiter der AWO-Schuldnerberatung in Pieschen. Foto: J. Frintert

Die Schuldnerberatung zählt zu den freiwilligen Leistungen der Stadt Dresden, und ist stark gefragt. Laut Lelanz werden „besonders viele Menschen mit existenziell bedrohlichen Schulden, vor allem Mietschulden beraten. Die Beratungsstelle arbeite an ihrer Kapazitätsgrenze, die Warteliste wachse. Momentan müssten Hilfesuchende eine Wartezeit von zwei bis drei Wochen in Kauf nehmen.

Drei Beratungsfachkräfte bewältigen bis zu 100 Termine im Monat. Rund ein Drittel davon fällt jedoch aus, weil Klienten nicht auftauchen - eine Quote, die zuletzt gestiegen ist. Die Ratsuchenden kämen aus allen Altersgruppen und reichte von Menschen ohne Einkommen bis zu gut verdienenden Berufstätigen.

Sucht: Crystal und Cannabis auf dem Vormarsch

Auch die Suchtberatung an der Leipziger Straße berichtet von Veränderungen. Cannabis- und Crystal-Konsum sowie Mehrfachabhängigkeiten (Polytoxikomanie) nähmen zu. Da Pieschen aufgrund seiner vergleichsweise jungen Bevölkerung stärker vom Drogenkonsum betroffen sei als viele andere Stadtteile, arbeite die Beratungsstelle eng mit den städtischen Suchtbeauftragten zusammen.

Tagestreff „Schorsch“: Ankerpunkt für Wohnungslose

An der Mohnstraße gibt es den von der Diakonie betriebenen Tagestreff „Schorsch“, eine zentrale Anlaufstelle für wohnungslose Menschen aus ganz Dresden. Dreimal pro Woche können Besucher dort duschen und ihre Wäsche waschen. Sozialpädagogin Lisa Mazanec berichtete von rund 4.000 Besuchen im Jahr. Etwa jeder dritte Besucher ist wohnungslos.

Eine junge Frau mit langen Haaren im weißen Top gestikuliert im Gespräch mit Sozialbürgermeisterin Kristin Klaudia Kaufmann, die im dunkelblauen Shirt aufmerksam zuhört und Unterlagen hält. Im Hintergrund steht ein helles Holzregal mit Büchern.
Austausch im Tagestreff: Kristin Klaudia Kaufmann im Gespräch mit Sozialpädagogin Lisa Mazanec im Obdachlosentreff „Schorsch“ der Diakonie in Pieschen. Die Einrichtung verzeichnet rund 4.000 Besuche jährlich und dient als wichtiger Ankerpunkt im Stadtteil. Foto: J. Frintert

Zusätzlich begleitet die Diakonie jährlich rund 100 Menschen im ambulant betreuten Wohnen. Ziel ist es, Betroffene dauerhaft zu stabilisieren und ihnen den Weg zurück in ein eigenständiges Wohnen zu ermöglichen.

Kontakt- und Beratungsstelle „Auftrieb“: Mehr Ängste, weniger Zeit

Für ganz Dresden aktiv ist auch die Kontakt- und Beratungsstelle „Auftrieb“ des DRK. Anja Fiedler, Céline Nawrat und Maxi Luise Kabella helfen Menschen bei der Kommunikation mit Behörden, bei der finanziellen Absicherung sowie bei Schulden, Stromsperren und Inkassoverfahren. Denn häufig scheiterten Betroffene an unverständlichen Bescheiden oder Sprachbarrieren. Auch bei Bewerbungen hilft die Beratungsstelle; dafür stehen Computerarbeitsplätze zur Verfügung.

Monatlich würden zwischen 70 bis 100 Beratungen durchgeführt. Die räumlichen Kapazitäten seien begrenzt, die Wartezeit liege derzeit bei etwa zwei Wochen. Die drei Sozialpädagoginnen teilen sich insgesamt 74 Wochenstunden.

Auffällig sei, berichtet Fiedler, dass viele Ratsuchende heute mit deutlich größeren Ängsten in die Beratung kämen. Die meisten stammten aus Pieschen selbst. Als großen Vorteil bezeichnet Fiedler die räumliche Nähe der vier sozialen Einrichtungen, die sowohl in der Stadtteilrunde als auch im persönlichen Austausch eng miteinander zusammenarbeiteten.

Kürzungen im Raum, Bedarf steigt

Obwohl der Sozialetat insgesamt gewachsen ist, drohen in den bevorstehenden Haushaltsverhandlungen Kürzungen - unter anderem in den Bereichen Psychiatrie und Sucht. Gleichzeitig sind sowohl die Bedarfe als auch die Kosten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Sozialbürgermeisterin Kaufmann warnte deshalb davor, ausgerechnet bei den Beratungsangeboten zu sparen. Der Rundgang habe gezeigt, dass sie für viele Menschen im Stadtteil unverzichtbar sind.

Mit freundlicher Unterstützung von Pieschen-Aktuell.

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