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Dresden bekämpft giftiges Chemie-Erbe mit Mikroorganismen

Blick über eine staubige Baustelle mit Betonbrocken und verbogenem, rostigen Bewehrungsstahl im Vordergrund. Im Hintergrund sieht man ein flaches, freies Areal, Container, Strommasten und Fabrikschornsteine unter bewölktem Himmel.
Historisches Erbe bremst Abriss: An der Rosenstraße stießen Arbeiter auf massive Betonreste im Boden. Bis Ende 2027 soll das belastete Areal komplett saniert sein. Foto: Thomas Wolf
Von: Cornelius de Haas
Auf dem Areal an der Rosenstraße 77 lagern tonnenweise Giftstoffe im Boden. Statt die halbe Innenstadt aufzubaggern, schickt das Umweltamt ab dem Spätsommer 2026 eine biologische Geheimwaffe in 15 Meter Tiefe.

Dresden. Ein tiefer Blick in die Stadtgeschichte bremst derzeit die Bauarbeiten in der Wilsdruffer Vorstadt aus. Beim Abriss des ehemaligen Chemiehandels sind Arbeiter auf massive historische Betonreste gestoßen, die in keinem modernen Plan verzeichnet waren. Trotz des aktuellen Zeitverzugs bereitet die Stadtverwaltung für den Spätsommer 2026 den Einsatz einer innovativen biologischen Reinigungstechnologie vor, um das giftige Erbe im Grundwasser zu bekämpfen.

Seit Oktober 2025 laufen die großflächigen Rückbauarbeiten auf dem rund 15.000 Quadratmeter großen Areal an der Rosenstraße 77. Das Ziel der Landeshauptstadt ist klar gesteckt: Bis Ende 2027 sollen sämtliche Gebäude verschwunden und die tiefen Schadstoffbelastungen beseitigt sein, um das Grundstück zu einer sicheren und zukunftsfähigen Fläche zu entwickeln.

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Vorkriegs-Relikte fordern besondere Vorsicht

Nachdem die Entkernung der alten Lager- und Bürogebäude abgeschlossen wurde, konzentrieren sich die Arbeiten derzeit auf das Entfernen der Fundamente und Bauschuttreste unter dem ehemaligen Lagergebäude. Dabei stießen die Fachleute im Erdreich auf unerwartete Hindernisse. Die Anzahl und Dimension der im Boden verborgenen Fundamentreste übersteigt die ursprünglichen Annahmen bei Weitem. Die Bauleitung vermutet, dass diese massiven Barrieren teilweise noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen.

Erschwert wird der Rückbau durch die unmittelbare Nachbarschaft, da die schweren Abbrucharbeiten direkt neben weiterhin aktiv genutzten Gewerbegebäuden stattfinden. Die Firmen müssen deshalb mit besonderer Vorsicht vorgehen. Aufgrund dieser Komplikationen hinkt das Großprojekt dem ursprünglichen Zeitplan aktuell rund zwei Monate hinterher. Dennoch kommt die Sanierung voran: Auf rund 40 Prozent der Fläche ist der belastete Boden bereits ausgetauscht. Der anfallende Bauschutt wird vor Ort untersucht, sortiert und anschließend fachgerecht entsorgt oder verwertet.

Bakterien-Einsatz im Grundwasser spart Kosten

Um die tiefen Schadstoffe im Boden in den Griff zu bekommen, setzt die Stadt ab dem Spätsommer 2026 auf ein neues Verfahren. Das Grundwasser unter der Brache ist erheblich mit leichtflüchtigen halogenierten Kohlenwasserstoffen (LHKW) verunreinigt. Statt das Erdreich in einer Tiefe von acht bis fünfzehn Metern großflächig auszubaggern, werden mithilfe einer technischen Anlage spezielle Mikroorganismen in den Untergrund eingebracht.

Diese Bakterien bauen die Schadstoffe direkt vor Ort biologisch ab. Das sogenannte In-Situ-Verfahren spart im Vergleich zu einem großflächigen Bodenaustausch erhebliche Kosten und vermeidet große Mengen an Aushub und Transporten. Ob der biologische Abbau wie gewünscht anschlägt, überwachen die Experten über regelmäßige Boden- und Grundwasserproben. Eine erste belastbare Einschätzung zur Gesamtdauer dieser mikrobiologischen Sanierung wird etwa sechs Monate nach dem Start möglich sein.

Vom toxischen Umschlagplatz zur sauberen Stadtfläche

Die industrielle Geschichte der Rosenstraße 77 hinterließ tiefe Spuren. Ab 1962 diente das Areal als Lager- und Umschlagplatz für Chemikalien. Die intensive Nutzung führte zu erheblichen Belastungen im Boden, im Grundwasser und in den Gebäudeteilen. Nach der Insolvenz des Unternehmens „Potsdamer Chemiehandel“ und dem verheerenden Hochwasser im Jahr 2002 begann die Stadtverwaltung mit ersten Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers. Ziel aller aktuellen Anstrengungen ist es, die Schadstoffe dauerhaft zu beseitigen und die Fläche wieder uneingeschränkt nutzbar zu machen.

Die Revitalisierung der zentrumsnahen Brachfläche wird maßgeblich durch die Europäische Union und den Freistaat Sachsen finanziert. Die Abbruchkosten werden zu 77 Prozent aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert, woraus insgesamt 4,8 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Den entsprechenden Fördermittelbescheid hatte Oberbürgermeister Dirk Hilbert bereits im Juni 2025 von Bela Bélafi, dem Präsidenten der Landesdirektion Sachsen, entgegengenommen.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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