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‚Alles so schön bunt hier!‘: Holger John rockt das Oktogon zur Walpurgisnacht

Schwarz-Weiß-Porträt des Künstlers Holger John mit Hut. Er hält eine Hand flach vor seinen Mund, während sein Blick direkt in die Kamera gerichtet ist.
„Ich bin mein eigenes Vorprogramm“: Holger John feiert am 30. April die Eröffnung seiner großen Retrospektive im Oktogon der HfBK Dresden. Foto: Thomas Fröhlich
Von: Cornelius de Haas
Wenn Holger John zur Retrospektive lädt, ist eines sicher: Es wird kein stilles Händeschütteln vor Leinwänden. Am 30. April verwandelt der Dresdner Enfant terrible das Oktogon der HfBK in ein künstlerisches Pulverfass. Mit 66 Jahren Malerei im Gepäck, der sächsischen Kulturministerin am Mikrofon und dem Sohn von Punk-Ikone Nina Hagen an den Turntables, feiert Dresden die wohl wildeste Vernissage des Jahres – und das bei freiem Eintritt.

Dresden. Am 30. April eröffnet in der Kunsthalle der HfBK Dresden eine Ausstellung, die in ihrer Anlage schon etwas von der Haltung ihres Protagonisten verrät: keine bescheidene Werkschau, kein chronologisch abgehakter Lebensüberblick, sondern ein Panorama. „ALLES SO SCHÖN BUNT HIER!" heißt die Retrospektive von Holger John, und der Titel ist Programm — laut, selbstbewusst, mit einem leichten Augenzwinkern in Richtung der eigenen Biografie.

John, 1960 im Havelland geboren, ist seit Jahrzehnten eine der eigenwilligeren Figuren der Dresdner Kunstszene. Sohn des Grafikers Joachim John, früh mit Pinsel und Ton vertraut, dann Töpferlehre, Gebrauchsgrafikstudium in Berlin, schließlich 1988 an die HfBK Dresden — wo er Malerei und Grafik studierte und später als künstlerischer Assistent arbeitete. In den 1990ern assistierte er Jörg Immendorff, seine Arbeiten wurden in Berlin, Köln, Basel, Rotterdam, Oslo und Istanbul gezeigt. 2013 gründete er im Dresdner Barockviertel eine eigene Galerie, 2017 folgte der Arras Kunstpreis.

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Ein expressives Gemälde der Dresdner Kunstakademie (Zitronenpresse) in Blau- und Schwarz-Weißtönen, gemalt mit Deckfarben auf Papier.
Blick auf die Alma Mater: Das Werk „Kunstakademie“ zeigt Johns Auseinandersetzung mit der HfBK Dresden, dem Ort seiner Ausbildung und seiner aktuellen Retrospektive. Foto: Holger John

Das alles klingt nach einer ordentlichen Karriere. Was Johns Weg von vielen anderen unterscheidet, ist sein Verständnis von Kunst als Veranstaltung — als öffentlichem Ereignis, das Reibung erzeugt und Räume verwandelt. Hochschulfeste, sein „Imaginäres Museum", das Festival „Karierte Katze", der Frühlingssalon: John hat diese Formate nicht nur organisiert, er hat sie erfunden und geprägt. Der Theaterintendant Tobias Wellemeyer bringt es so auf den Punkt: Johns Inszenierungen und Kunstevents blieben trotz ihrer erheblichen öffentlichen Resonanz kein Massenprodukt, ihre „heitere Ambivalenz" mache sie zu einem sehr speziellen Kunstvergnügen.

Die Retrospektive im Oktogon versammelt Malerei und Zeichnung aus 66 Jahren — ein Zeitraum, der von der DDR bis in die Gegenwart reicht. John zeigt eigene Bildserien, figürlich und abstrakt, turbulente Kinderzeichnungen, Keramiken, die er gemeinsam mit Hedwig Bollhagen schuf, und Fotografien aus den frühen 1950er Jahren. Darunter auch historisch reizvolles Material: Fasching an der HfBK mit Lissy John und Manfred Böttcher, ein Fechtduell von Claus Weidensdorfer mit Gerhard Richter im Innenhof der Akademie. Außerdem Arbeiten von Lehrern, Kommilitonen und Schülern, die Johns künstlerisches Umfeld sichtbar machen.

Ein grafisch gestaltetes Plakat mit dem Titel „Part Maudite“ und dem Namen Holger John, gestaltet als Siebdruck auf Karton mit markanter Typografie.
Kunst als Ereignis: Neben Malerei und Zeichnung präsentiert die Ausstellung auch Johns grafisches Werk, darunter Plakate wie „Part Maudite“, die Zeugnis von seinem Wirken als Netzwerker und Kurator ablegen. Foto: Holger John

Thematisch zieht sich durch viele dieser Werke eine Spannung, die Johns Biografie selbst prägt: Umbruch, Öffnung, der Blick aus dem Osten in den „bunten Westen" vor und nach der Wende — ein, wie die Ausstellung es nennt, „Tanz auf der teilweise bereits gefallenen Mauer". John selbst beschreibt seine künstlerische Haltung mit einem Satz, der diese Energie auf den Punkt bringt: „Ich habe noch gar nicht angefangen! – Ich bin mein eigenes Vorprogramm."

Zur Eröffnung sprechen HfBK-Rektor Prof. Oliver Kossack, Sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch sowie Kunsthistoriker und Kurator Prof. Dr. Raimund Stecker. Danach verwandelt sich das Oktogon in eine Walpurgisnacht-Party: Live-Konzert von LUYS & Band aus Leipzig (Dream-Rock), anschließend DJ-Set von Otis „Oski" Hagen Chevalier — Schauspieler, DJ und Sohn von Punk-Ikone Nina Hagen. Eintritt frei.

Die Ausstellung läuft mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, Eintritt ebenfalls frei. Der Veranstaltungsort ist das Oktogon der HfBK am Georg-Treu-Platz 1.

Cornelius de Haas
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Cornelius de Haas

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