Philipp Klöckner auf "Brains on Silicon" in Dresden: Das ist die wahre KI-Gefahr
Dresden. Rund 2 Milliarden Dollar fließen an jedem Tag weltweit in neue KI-Rechenzentren, in einem Jahr mehr, als vier der größten Projekte der Menschheit zusammen gekostet haben. Und doch holten die meisten Unternehmen aus KI bislang kaum etwas heraus. Diesen Widerspruch stellte der Tech-Analyst Philipp Klöckner am Dienstag zum Abschluss der Konferenz Brains on Silicon in Dresden in den Mittelpunkt.
Die Technik selbst werde regelmäßig unterschätzt, sagte Klöckner. Erst habe es geheißen, KI könne keine guten Texte schreiben, dann keine Bilder, dann keine Software. „Alles, was KI heute noch nicht gut genug kann, kann sie in den nächsten sechs Monaten mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit lösen", sagte Klöckner. Seit dem Vorjahr arbeiteten Agenten zunehmend autonom und bewältigten Aufgaben, an denen sie einen ganzen Tag rechneten.
Mehr Geld als für vier Mega-Projekte
Die Investitionen in Rechenzentren seien 2025 auf rund 400 Milliarden Dollar gestiegen und dürften dieses Jahr Richtung 800 Milliarden bis eine Billion gehen, rechnete Klöckner vor. Das übersteige den operativen Gewinn der großen Konzerne, die sich dafür inzwischen verschuldeten. Zum Vergleich zog er das Manhattan-Projekt, den Marshallplan, das Apollo-Programm und die Raumstation ISS heran. Zusammen hätten diese vier Vorhaben inflationsbereinigt weniger gekostet als ein einziges Jahr KI-Rechenzentren.
Getragen werde das auch von neuen Geldgebern. Der Chiphersteller NVIDIA habe im Vorjahr über 90 Milliarden Dollar in KI-Firmen gesteckt, und mit den erwarteten Börsengängen von OpenAI und Anthropic würden bald auch Kleinanleger beteiligt.
Die eigentliche Hürde ist der Alltag
Das größte Problem sei nicht die Technik, sondern die Nutzung, sagte Klöckner. Zwar setzten viele Firmen KI irgendwie ein, doch rund 60 Prozent steckten in Pilotversuchen fest, nur etwa ein Drittel bringe die Anwendungen in die Fläche. Auch privat nutzten die meisten Menschen KI selten und oberflächlich, mit wenigen Anfragen pro Woche.
Genau hier liege das Geschäft der kommenden Jahre. Die großen Anbieter verbündeten sich deshalb mit Beratungen und Finanzinvestoren, um Unternehmen die Einführung abzunehmen. Im Massenmarkt sei Google kaum einzuholen, weil dessen Suche KI-Antworten direkt ausspiele und Milliarden Menschen erreiche.
Jobangst ohne Datenbasis
Vor übertriebener Angst um Arbeitsplätze warnte Klöckner. In manchen Berufen werde weniger eingestellt, für einen kurzfristigen Stellenabbau durch KI gebe es aber keine belastbaren Daten. Der oft gezeigte Rückgang bei Einstiegsjobs habe schon vor ChatGPT begonnen und hänge stark an den gestiegenen Zinsen. Im Rechtssektor etwa würden mehr Menschen eingestellt als je zuvor.
Falsch wäre es aus seiner Sicht, keine Berufseinsteiger mehr einzustellen. Gerade Berufseinsteiger brächten das Können im Umgang mit KI in die Unternehmen, so wie vor 20 Jahren die jungen Leute das Internet in die Betriebe getragen hätten.
Zwei Gefahren und ein Streit über das Tempo
Als größte Risiken nannte Klöckner nicht die sich verselbstständigende Maschine, sondern die gezielte Beeinflussung von Meinungen und den Missbrauch als Werkzeug. Anthropic habe gerade dokumentiert, dass eine Waffenzelle im von den Huthi kontrollierten Nordjemen die KI Claude zur Entwicklung von Raketensoftware genutzt habe. Ein Testschuss sei fehlgeschlagen, ein einsatzfähiges System nicht nachgewiesen.
Führende KI-Labore wollten das Tempo drosseln, weil Kontrolle und Sicherheit nicht mehr hinterherkämen. „Sie bauen die schnellsten Formel-1-Wagen der Welt, haben aber keine Leitplanken", sagte Klöckner. US-Präsident Donald Trump dränge dagegen auf Beschleunigung und lehne strenge Regeln ab, auch aus Sorge vor Chinas Aufholjagd.