Rheingau-Weingut Schreiber: Konzentration auf die Region
Bei Schreibers rütteln sie noch persönlich. Vierzehn Mal pro Flasche, per Hand. Und sie sind die einzigen, die es noch in Hochheim tun – obwohl Hochheim der älteste Sektstandort im Rheingau ist und es dort auch schon mal (vor etwas über 120 Jahren) sieben Sekthersteller gab. Also gibt’s zur Begrüßung erst einmal einen eigenen Sekt, Riesling natürlich – wir sind schließlich im Rheingau, auch wenn Hochheim mit den Nachbarorten Kostheim und Flörsheim-Wicker am Main liegt. Klingt nach einer spannenden 4.000-Euro-Frage: an welchem Fluss liegt die Rheingau-Gemeinde Hochheim? Nun wissen wir’s. Rund 300 Hektar Rebfläche gibt es hier, etwa zehn Prozent des gesamten Rheingaus. Gleichzeitig liegt das Weingut der Familie Schreiber mitten im Rhein-Main-Gebiet: „Wenn man eine Dartscheibe nimmt, sind wir der rote Punkt, mitten drinnen!“, beschreibt Simon Schreiber eine relativ komfortable Situation. Frankfurt, Mainz und Wiesbaden sind nur wenige Kilometer entfernt, fünf Millionen Menschen leben in diesem unmittelbaren Einzugsgebiet. Für den 32-jährigen Simon Schreiber ergibt sich daraus ein wesentlicher Teil des Geschäftsmodells: statt den Wein möglichst weit in die Welt zu schicken, konzentriert sich das Weingut bewusst auf die Region.
15 Hektar bewirtschaftet der Familienbetrieb heute am Standort vor den Toren von Hochheim. 1962 siedelten Schreibers aus der Hochheimer Altstadt aus, aus dem ursprünglich landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb mit Schweinen, Kühen, Ackerbau und Weinbau machte Simons Vater Uwe Anfang der 1990er Jahre ein reines Weingut. Die Jahreszahl 1749 im Logo lässt freilich erahnen, dass die Geschichte des Weinbaus erheblich weiter zurückreicht: vor 13 Generationen verkaufte Paul Schreiber Wein an das Bistum Mainz – die Herren dort hatten ja meist nicht den schlechtesten Geschmack.

Ob auch Bistumsangehörige dabei sind, wenn heute auf dem Johanneshof gefeiert wird, habe ich vergessen zu fragen. Fakt ist jedoch, dass zum monatlichen AfterWork in den Sommermonaten bis zu 500 Gäste kommen, um bei Live-Musik oder den Sounds vom DJ den Alltag einmal Alltag sein zu lassen. Der Hof liegt inmitten der Weinberge des Nachbarortes Massenheim, man sitzt also fast in den Reben. Events wie die Afterworks oder auch der Tanz in den Mai bzw. die Weißwein-Party ziehen sogar bis zu 1.500 Gäste – und sie sind die konsequente Fortsetzung der Idee eines offenen Weinguts, die Simon Schreiber bei seinem Neuseeland-Aufenthalt fasste. Zu einem modernen Weingut gehört nämlich selbstverständlich auch der Verkauf: eine Vinothek sollte es richten!

Das sagt sich leichter als es gemacht ist, denn eine Vinothek nach neuseeländischem Vorbild musste ja was hermachen – und das kostet! Nicht nur die Eltern hatten angesichts der finanziellen Belastung Bauchschmerzen – aber 2018 eröffnete die Familie die Vinothek. Die Investition hat sich gelohnt: damals bewirtschafteten die Schreibers gerade einmal sieben Hektar, aber allein der Ab-Hof-Verkauf legte nach der Eröffnung um 10.000 bis 15.000 Flaschen zu. Die theoretischen Wünsche wurden also Praxis, und für Simon Schreiber ist klar: „Niemand muss klingeln, einen Termin vereinbaren oder das Gefühl haben, beim Winzer zu stören. Wer Wein kaufen will, kommt herein!“ Inzwischen werden rund 50.000 der jährlich etwa 100.000 produzierten Flaschen direkt über die Theke verkauft. Weitere rund 30.000 Flaschen gehen über den regionalen Lebensmitteleinzelhandel. Schreibers beliefern etwa 40 Filialen von Rewe, Edeka und anderen regionalen Händlern. Für Simon Schreiber sind die Märkte die „verlängerte Theke“ des Weinguts.
Seit 2013 arbeiten Schreibers ökologisch
So viel Regionalität passt zur Philosophie des Weinguts. 2013 stellte Schreiber den Betrieb auf ökologischen Weinbau um – „da wäre es doch sinnlos, den Wein durch halb Europa oder die Welt zu transportieren, wenn ihn vor der eigenen Haustür genügend Menschen trinken können!“ Und das vor Ort zu äußerst moderaten Preisen: ab 3 € für ein Glas mit 0,1 l, da staunt der Frankfurter und der Wiesbadener wundert sich. Sollen sie’s doch tun, für die Schreibers sind Preisgestaltung und Engagement im Eventbereich ein Teil der Weinguts-DNA. „Es bringt Menschen zum Wein, die nicht unbedingt über eine klassische Weinprobe kommen würden,“ sagt Simon Schreiber. Das Publikum der Afterworks reicht vom jungen Erwachsenen bis zum deutlich älteren Stammgast; im Schwerpunkt liegt es etwa zwischen 25 und 60 Jahren.
Der zweite Teil der Weinguts-Philosophie ist die konsequent ökologische Ausrichtung – denn darin steckt mehr als nur „bio“ und Regionalität. So nimmt man im Weingut gebrauchte Weinflaschen und auch Weinkartons zurück. „Rund 30.000 bis 40.000 Flaschen pro Jahr gehen zum Spülen in eine Werkstatt in Geisenheim und anschließend zurück in den Kreislauf,“ berichtet Simon Schreiber. Das spart vor allem Ressourcen, aber es ist auch wirtschaftlich, weil der Prozess deutlich weniger kostet als die Anschaffung neuer Flaschen. Bei so einem Setting ergibt sich die Frage nach dem Einsatz von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten fast wie von selbst. Die Antwort des Winzers kommt prompt und erst einmal wenig verwunderlich im Rheingau: „Für die Lagenweine ist Riesling die Rebsorte der Wahl!“ Natürlich gab’s die Probe auf’s Exempel, nämlich ein Glas 2024 Hochheimer Hölle, Riesling, trocken Die Hölle liegt direkt am Main, und wer (wie das Weingut Künstler) im VDP ist, zählt schon lange auf höllisch gute große Gewächse von dort. Pardon übrigens für das Wortspiel, das obendrein bei Lichte betrachtet auch noch falsch ist: Hölle hat bei Weinlagen nichts mit Fegefeuer und so zu tun, es kommt von einem alten Begriff für eine abschüssige Senke… Wie auch immer: der Hölle-Riesling bringt ein feines Stück Terroir ins Glas und erweist sich als flexibler Essensbegleiter (Hähnchen anyone – oder jetzt bald vielleicht ein Kürbisrisotto?), passt aber auch solo ganz gut zur untergehenden Sonne.
Neben Riesling und den weißen Burgundersorten gehören unter anderem Sauvignon Blanc, Gewürztraminer, Spätburgunder und Merlot zum Sortiment. Dazu kommen Piwis und unterschiedliche Cuvées. Eine davon ist die „Cuvée unterm Storchennest“ – woher der Name kommt, zeigt ein Blick nach oben direkt vor der Vinothek, wo sich mehrere Störche zu einer Überlands-Strommast-WG zusammengetan haben. In der 2025 Cuvée unterm Storchennest fangen die beiden Piwi-Sorten Souvignier Gris und Calardis Blanc die Leichtigkeit des Sommers perfekt ein (Ulrich Sautter vom Falstaff hat die Cuvée wunderbar als „eine Art Vinho-Verde-Ersatz“ beschrieben).
Weingut Schreiber
Johanneshof 2
65239 Hochheim am Main
Tel. +49 6146 9171
weingut-schreiber.de
[Besucht am 18. Juni 2026]