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Jahrzehnte übersehen: Warum Frauen anders krank werden als Männer

Wie Hormone die Gesundheit beeinflussen, ist für Frauen in jedem Alter anders.
Drei Generationen, drei Hormonspiegel – Leipziger Forscherinnen wollen verstehen, was das für die Gesundheit von Frauen bedeutet. © Colourbox
Von: Wissensland
Jahrzehntelang wurden Frauen aus medizinischen Studien ausgeschlossen. Zwei Forscherinnen der Universität Leipzig machen jetzt deutlich, wie Hormone das Gehirn formen und warum das für die Gesundheit von Frauen entscheidend ist.

Frauen und Männer reagieren oft unterschiedlich auf Medikamente, Stress oder Krankheiten. Trotzdem galt in der Medizin jahrzehntelang vor allem der männliche Körper als Standard. Frauen wurden bis in die 1990er Jahre aus vielen klinischen Studien ausgeschlossen, unter anderem aus Sorge, hormonelle Schwankungen könnten Forschungsergebnisse "verkomplizieren“.

Die Folgen dieser Datenlücke sind bis heute spürbar: Krankheiten zeigen sich bei Frauen häufig anders, werden später erkannt und teilweise schlechter behandelt. Zwei Forscherinnen der Universität Leipzig arbeiten daran, das zu ändern.

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Wie Hormone das Gehirn formen

Julia Sacher und Veronica Witte forschen im Exzellenzcluster Leipzig Center of Metabolism (LeiCeM) an einer Frage, die lange kaum beachtet wurde: Welche Rolle spielen Hormone für das Gehirn? "Biologisches Geschlecht, aber auch die Art, wie wir gesellschaftlich mit Frauen und Männern umgehen, beeinflussen nachweislich, wie Gehirn und Körper auf Stress, Medikamente oder Erkrankungen reagieren“, sagt Sacher, Professorin für Kognitive Neuroendokrinologie am Universitätsklinikum Leipzig und am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Werden diese Unterschiede ignoriert, gingen wichtige biologische Zusammenhänge verloren.

Mithilfe moderner MRT-Technik konnten Sacher und ihr Team zeigen, dass sich zentrale Gedächtnisregionen des Gehirns tatsächlich im Verlauf des Menstruationszyklus verändern. Das weibliche Sexualhormon Östrogen scheint dabei eine schützende Rolle für Gehirn und Gedächtnis zu spielen. Besonders in den Wechseljahren, wenn der Östrogenspiegel sinkt, steigt offenbar das Risiko für Demenz und depressive Erkrankungen. "Für die Frage, wie wir kognitiv altern, werden daher in den Wechseljahren wichtige Weichen gestellt“, erklärt Sacher. Trotzdem beschäftigt sich bislang weniger als ein Prozent der bildgebenden Neurowissenschaft mit Frauengesundheit.

Darm, Ernährung und das Gehirn von Frauen

Auch Witte untersucht hormonelle Übergangsphasen im Leben von Frauen. Ihr Fokus liegt dabei auf dem Darmmikrobiom, also den Milliarden Bakterien im menschlichen Darm. Diese Mikroorganismen beeinflussen offenbar nicht nur die Verdauung, sondern möglicherweise auch das Gehirn. "Es gibt Hinweise, dass bestimmte Bakterien im Darm über verschiedene Signalwege die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke verringern könnten“, erläutert Witte. Die Blut-Hirn-Schranke ist eine Art Schutzbarriere zwischen Blutgefäßen und Gehirn. Funktioniert sie besser, könnten Nervenzellen stabiler arbeiten und das Denken langfristig geschützt werden.

Mit der sogenannten INFLAME-Studie will Witte nun untersuchen, wie sich Ernährung, Darmbakterien und hormonelle Veränderungen gegenseitig beeinflussen. Die Studie richtet sich an Frauen in der Perimenopause, also der hormonellen Übergangsphase vor den Wechseljahren. In dieser Zeit verändern sich Hormone, Stoffwechsel und Gefäße tiefgreifend. Witte vermutet, dass dabei der schützende Effekt von Östrogen auf Gefäße und Stoffwechsel nachlässt und dadurch Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes begünstigt werden könnten. Für die INFLAME-Studie werden derzeit noch Teilnehmerinnen gesucht.

Warum geschlechtsspezifische Medizin zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist auch Thema des UKL-GesundheitsForums 2026 am 30. Mai in Leipzig. Dort diskutiert Sacher gemeinsam mit Ulrich Laufs die Frage: "Muss Medizin für Frauen und Männer unterschiedlich gedacht werden?“

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