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Yotam Ottolenghi: Die einfachen Lösungen sind zum Greifen nah

Kokosspinat Bild
Blick ins Buch (Bild: Ulrich van Stipriaan)
Von: Ulrich van Stipriaan
Ottolenghi-Kochbuch

„Einfach“ war gestern, jetzt wird’s „Auch einfach“. Das eine ist der Titel eines Kochbuchs von Yotam Ottolenghi, das er vor acht Jahren geschrieben hat und das seitdem viele Menschen überzeugt hat, dass das Kochen mit frischen Zutaten nicht viel schwieriger ist als das Aufwärmen von industriellem Zeug aus Dosen und Tiefkühltruhen. Jetzt gibt es also einen Folgeband, in dem (jawohl:) leckeres Essen im Mittelpunkt steht. Und bei dem mir, zugegeben, schon beim ersten schnellen Durchblättern das Wasser im Mund zusammenlief – bevor dann beim zweiten Lesen die „Musste sofort mal machen“-Zettel den notwendigen Schritt vom Sabbern zum strukturierten Probieren markierten.

Das mit den Zetteln erwies sich im Nachhinein als ein wenig kontraproduktiv, einfacher wäre es vielleicht gewesen, die Seiten mit uninteressanten Rezepten zu markieren – aber wer macht denn sowas? Ich hätte es besser wissen müssen, denn das Geheimnis von Yotam Ottolenghi ist ja dieses: er schafft es, Lust zu machen. Das ist kein Zufall, sondern sein erklärtes Ziel. „Ob euch ein Mangel an Zeit, Selbstvertrauen, Entscheidungsfähigkeit vom Kochen abhält oder die allgemeine Hektik, die uns ablenkt und betäubt – wir haben eine Sammlung von Gerichten zusammengestellt, die den alleinigen Zweck haben, euch in die Küche zu bringen, mit dem Versprechen, dass die einfachen Lösungen zum Greifen nah sind, sowohl technische als auch mentale“, schreibt Yotam Ottolenghi im Vorwort zum Buch.

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Zusammen mit seiner Co-Autorin Verena Lochmuller – sie ist die in Deutschland geborene und in Schottland aufgewachsene Leiterin der Produktentwicklung bei Yotam Ottolenghi – hat Yotam Ottolenghi in Simple Too 120 Rezepte für den Alltag notiert. Denn unter welchen Bedingungen Menschen meistens kochen, ist auch den beiden Profis nicht fremd: „das ist häufig unstrukturiert oder abgelenkt, mit einem Auge auf der Uhr und dem anderen auf einem Kind, das Hilfe bei den Hausaufgaben braucht.“ Also verfolgen sie den Ansatz, das Kochleben komfortabel zu gestalten. Wie sie das schaffen? Wer hinten im Buch anfängt, hat da gleich zwei Erfolgserlebnisse: ein Register nach Hauptzutaten, zu denen dann die Rezepte angegeben werden. Also nicht nur, beispielsweise, Lammfleisch 78, 80, 87, 88, 96. Sondern vorbildlich konkret Lammfleisch: Gefüllte Paprika mit Lamm und Reis 96, Lamm-Auberginen-Pie 87, Lammköfte in Joghurtsauce 88, Langsam gegartes Lamm mit Trauben 80, Mit Datteln, Kokos und Bohnen geschmortes Lamm 78. Die andere, vielleicht für viele noch dienlichere Hilfe, sind die Menüvorschläge. Allein die Zwischenüberschriften machen da Spaß: Unkomplizierte (aber beeindruckende) Dinnerparty / Abendessen werktags / Mittagessen am Wochenende – sowas. Und das immer nach Jahreszeiten aufgeschlüsselt und mit Hinweisen, was vegetarisch, vegan, glutenfrei ist. Das Kapitel davor nehme ich dann auch gleich dazu: Saucen und Toppings gibt nicht nur die Rezeptur, sondern auch jeweils einen Absatz mit „passt auch gut zu„-Angaben…


Kokosspinat: Klingt gut – aber passt das auch alles? (Bild & Montage: Ulrich van Stipriaan)

Während ich also insgesamt in Begeisterung schwelge, kommen im Detail dann doch Fragen auf. Beispielsweise sollte man schon einen ordentlichen Vorrat an typischen Ottolenghi-Specials im Hause haben – denn Zutaten wie beispielsweise schwarze Limette oder Isot Biber, Rosen-Harissa oder Chipotle-Flocken muss man ja auch erst mal im Vorratsschrank haben. Und dann ist da noch die Sache mit den Zeiten. Für die Vorbereitung werden meistens zehn, manchmal sogar nur fünf Minuten veranschlagt – was utopisch ist, denn wir sind ja nicht bei Profis, sondern im Privathaushalt. Da kommt die Zwiebel weder von der äußeren Haut befreit noch kleingeschnitten vor, die Kreuzkümmelsamen sind auch nicht leicht zerstoßen, die Scotch-Bonnet-Chilischote sticht sich so wenig von alleine ein wie sich die Knoblauchzehen zerquetschen. Der Babyspinat will gewaschen und die Dose Kokosmilch geöffnet werden. Vorbereiten laut Buch (Seite 17): 5 Minuten. Die 25 Minuten Garzeit sind auch knapp bemessen, denn allein beim Addieren der angegebenen Zeiten kommt man auf 27, aber da sind natürlich die Zeit der Pfannen-Erhitzung und der Schaffung von Mulden für die Eieraufnahme nicht mit eingerechnet. So wird dann aus einer gelesenen halben Stunde faktisch schnell mal eine Stunde…

Yotam Ottolenghi (ich schreibe den Vornamen immer dazu, damit man nicht irrtümlich auf die Idee kommt, Otto als Vornamen zu lesen – das ist nur der erste Bestandteil des Zunamens!), also Yotam Ottolenghi ist in Jerusalem als Sohn einer Deutschen und eines Italieners geboren und lebt in London mit seinem palästinensischen Mann Karl zusammen: da kommt schon privat sehr viel Schmelztiegel ins Spiel. Die Küche spiegelt das wider, auch wenn sie gerne unter „mediterran“ oder „vegetarisch“ eingeordnet wird. Ein schneller Blick ins Inhaltsverzeichnis vorne oder das bereits erwähnte tolle Register am Ende des Buches belehren eines Besseren: Fisch und Fleisch kommen auch vor. Zum Beispiel Sandwiches mit gebratener Makrele (s.120), Lammköfte in Joghurtsauce („Wenn es für uns für immer nur ein Gericht geben dürfte, dann wäre es wohl dieses„, S. 88), Gebackene Hähnchenschenkel mit Joghurt und Za’atar („Dies gewinnt den Preis als einfachstes Rezept im Buch. Hier von Zubereitung zu sprechen, ist schon eine Übertreibung„, S. 95). Und von den vielen anderen ohne Fisch&Fleisch dann nur dieses: „Die Quintessenz der einfachen Küche ist ein selbst gemachter Eiersalat“ (S. 55)

Simple too 
Yotam Ottolenghi, Verena Lochmuller
Verlag: DK Verlag (Hrsg.)
ISBN: 978-3-8310-5335-3
Erscheinungsdatum: 3. September 2026
Preis: € 40,-

Ulrich van Stipriaan
Artikel von

Ulrich van Stipriaan

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