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„Die Lausitz muss sich selbst lieben lernen“

„Die Lausitz muss sich selbst lieben lernen“
Foto: Lausitzer WORTmanufaktur
Von: Uwe Tschirner
Er betreibt eine der beliebtesten Bars der Lausitz – und arbeitet an einem digitalen Projekt für die Region. Beno Brězan im Gespräch über seinen digitalen Traum und die Frage, warum die Lausitz ihr Potenzial oft nicht ausschöpft.

Die Sundowner-Bar in der Bautzener Innenstadt ist längst mehr als nur ein Ort für Cocktails und Livemusik. Hier treffen sich an lauen Sommerabenden Alt und Jung, Alteingesessene und Touristen. Der Mann hinter diesem Ort heißt Beno Brězan. Neben der Gastronomie verfolgt er noch ein zweites Projekt: Er will die Lausitz digital besser vernetzen.

Im Gespräch mit der Lausitzer WORTmanufaktur berichtete der gebürtige Bautzener, warum er in die Heimat zurückgekehrt ist – und was ihn an der digitalen Entwicklung der Region stört.

Die Sundowner-Bar als Vorbild

Menschen mit unterschiedlichen Ansichten an einen Ort zu bringen – das hat Brězan in seiner Bar erlebt. Und dieses Prinzip möchte er nun auch digital umsetzen. "Ich habe gelernt, dass das Politische wahrscheinlich gar keine Rolle spielt, wenn das Setting stimmt", sagt er. "Dort steht im Vordergrund, einen schönen Abend mit seinen Freunden zu genießen. Und was der Nachbartisch denkt und sagt, ist eigentlich egal."

Was den Ort ausmacht, ist für Brězan keine große Geheimwissenschaft. Es ist die Entscheidung, keine Zielgruppe auszugrenzen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem sich verschiedene Menschen willkommen fühlen. "Mir war immer wichtig, dass es dort für Kinder was gibt, für ältere Menschen, für junge Menschen. Und dass es einfach ein Ort für alle Bautzener und für die Touristen und alle Besucher ist", sagt er.

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Im Netz funktioniert das nach seiner Beobachtung längst nicht mehr so. Soziale Medien hätten sich in digitale Rückzugsräume verwandelt, in denen Austausch kaum noch stattfinde – und in denen sich Menschen in eigenen Blasen immer weiter voneinander entfernten.

Instagram allein reicht nicht

Mit "Bautzen.Rocks" startete Brězan vor einigen Jahren ein Projekt, gefördert aus Mitteln der Fachkräfteallianz, um junge Leute für die Region und für Ausbildungsplätze zu begeistern. Die Erkenntnis aus dieser Zeit: Die Reichweite in sozialen Netzwerken ist nicht alles.

"Ich habe festgestellt, dass eigentlich die Mediennutzung selbst das Problem ist", erklärt er. "Die Leute verbringen vier, fünf Stunden vor ihren Smartphones. Sie verschwinden in der digitalen Welt. Die Information, was direkt vor deiner Haustür passiert, die könnte vielleicht noch relevant sein. Und wenn man die zusammenträgt, dann kann man vielleicht zumindest dafür werben, mal vor die Tür zu gehen."

Seine Bilanz: Die Informationen auf Instagram seien fragmentiert. Reichweite allein reiche nicht. "Wenn ich wissen will, was in meiner Stadt abgeht und was es für Veranstaltungen gibt und wo ich Jobs finden kann, dann muss ich mir meine Informationen auf unterschiedlichen Webseiten gut zusammensuchen."

Seine Lösung: die lausitz.app

Aus diesem Frust heraus entstand die Idee für eine eigene Plattform. Die lausitz.app bündelt Ereignisse, Neuigkeiten und Stellenangebote aus der Region – an einem Ort.

"Die Events sind mir die wichtigste Säule", betont Brězan. "Weil ich glaube, dort kommen die Leute zusammen. Diese gemeinsamen Erfahrungsräume – wie ich das in der Sundowner-Bar erlebe – sind extrem wichtig. Die Events sind am Ende der Kitt der Gesellschaft, weil wir dort in den Diskurs kommen, weil wir dort auch lernen, mit anderen Menschen umzugehen und uns nicht in diese digitale Komfortzone auf der Couch zurückziehen können."

Die Gefahr, so Brězan, bestehe darin, dass Menschen sich zurückziehen, sich nur noch in digitalen Räumen bewegen – und irgendwann nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, sich gegenüberzustehen und miteinander zu sprechen. "Ich glaube, wir sollten uns hier als Menschen wieder eher im lokalen Raum begegnen, eine gemeinsame Kultur schaffen, die sich auf die 90 Prozent Gemeinsamkeiten beruft, als auf die Aufregerthemen, die uns alle spalten", sagt er.

"Die Lausitz hat das Potenzial"

Ein zentrales Thema im Gespräch ist das Selbstbild der Region. Brězan ist überzeugt, dass die Lausitz viel zu bieten hat – dass es ihr aber an Selbstbewusstsein fehlt.

"Ich glaube, wir haben eine der Regionen in Deutschland, die es wahrscheinlich vom Potenzial her am besten geht", sagt er. "Dresden ist eine der innovativsten und wachsenden Städte in Europa mit dem Silicon Saxony. Hier werden große Fabriken gebaut. Wir sind Förderregion Nummer eins als Kohlerevier. Wir haben eine reiche Kultur mit den Sorben. Wir haben tolle tausend Jahre alte Städte. Wir haben eine tolle Natur vom Spreewald bis hoch in die Lausitzer Berge. Wir haben Autobahnen. Berlin ist nicht weit weg. Die Voraussetzungen sind gut."

Was fehle? "Wir müssen uns jetzt eigentlich nur noch selber mögen. Und vielleicht auch als Region ein bisschen identifizieren." Viele Lausitzer hätten das Gefühl, beim Wort "Bautzen" gingen in München sofort die Jalousien runter. Brězan will das ändern – mit seiner Plattform und mit einer anderen Haltung.

"Wenn die Oberlausitzer selbst verstehen: Mensch, ist ja eigentlich ganz schön viel los, das sieht ja richtig gut aus hier – dann fangen sie an, vielleicht auch ein bisschen stolz auf ihre eigene Region zu sein. Und weniger mit diesem 'wir sind nur die Opfer der Wende', sondern zu sagen: Nein, wir sind eine der schlagkräftigsten und innovativsten Regionen in Europa und wir können stolz drauf sein, dass wir aus der Lausitz kommen."

Der Traum vom Schülermagazin

Eigentlich, so verrät er, war sein größeres Ziel ein Schülermagazin. "Eine Schülerzeitung, die vor jeder Schule kostenlos verteilt werden kann und die getragen wird von den regionalen Leistungsträgern – IHK, Sparkasse, Volksbank, Landkreis, BA Bautzen." Die Förderung dafür blieb aus – aber Brězan gibt das Ziel nicht auf. "Ich habe den Traum noch nicht aufgegeben. Ich glaube noch dran."

Was ihn dabei stört, ist die oft mangelnde Kooperationsbereitschaft unter den regionalen Akteuren. Statt gemeinsame Projekte zu fördern, würden lieber Firmen aus Dresden oder Berlin beauftragt – aus Sorge, jemandem etwas zu gönnen oder um dem Vorwurf der Klüngelei zu entgehen. "Diese fehlende Kooperation ist eigentlich ein Streuen von Kräften, die wir hier gut gebrauchen könnten", sagt er.

Wie es weitergeht

Die Arbeit an der lausitz.app finanziert Brězan derzeit selbst. Langfristig setzt er auf Kooperationen – und auf Unterstützung. "Eine gemeinsame Informationsplattform für die Lausitz zu schaffen – das ist ein Projekt, das ich jetzt so noch nicht von jemand anders sehe. Also der Aufruf an alle, die mitmachen wollen: Lasst uns was machen."

Es gehe ihm nicht um Geld, nicht um Ruhm. Es gehe darum, eine Bühne zu schaffen – für die, die etwas zu sagen haben, und für die, die die Region zeigen wollen. "Die Kosten sind jetzt nicht so hoch. Eine Webseite zu betreiben ist nicht so teuer und ich habe mir gute Tools zusammengebaut, wie ich die Inhalte draufbringe. Viele Inhalte sind einfach nur verlinkt. Das macht die Sache einfach."

Und wo sieht er die Plattform in zwei Jahren? "Ich möchte die Informationsplattform für die Oberlausitz werden. Und ich will, dass es richtig gut wird."

Beno Brězan könnte sich auf seine Bar konzentrieren. Stattdessen baut er eine Plattform, ärgert sich über Algorithmen und ruft eine Region dazu auf, sich selbst nicht kleinzureden. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Den Versuch ist es wert.

Die lausitz.app ist online. Wer sie nutzen oder unterstützen möchte, findet alle Infos unter lausitz.app - noch mehr Hintergründe gibt es im Podcast "Lausitz heute" der Lausitzer WORTmanufaktur.

Uwe Tschirner
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Uwe Tschirner

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