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Tochter von DDR-Filmstar beim DOSB: "Ich wollte etwas Seriöseres machen"

Tochter von DDR-Filmstar beim DOSB: "Ich wollte etwas Seriöseres machen"
Peggy Bellmann im April 2025 bei ihrer Disputation mit ihren berühmten Eltern Dorit Gäbler und Karl-Heinz Bellmann. Foto: privat
Von: Alexander Hiller
Sie leitete mit Oliver Bierhoff das wichtige „Projekt Zukunft“. Im Interview spricht Peggy Bellmann, Tochter der Dresdner Kultstars Dorit Gäbler und Karl-Heinz Bellmann, über ihren Frust beim DFB und ihren neuen Job beim DOSB.

Ihre Eltern sind in der Dresdner Künstlerszene nicht nur eng vernetzt, sondern gehören seit Jahrzehnten zu den prominentesten, unterhaltsamsten und schillerndsten  Ehepaaren der Stadt. Peggy Bellmann ist Tochter des Dresdner Promi-Ehepaares Dorit Gäbler und Karl-Heinz Bellmann.

Die Chansonnieré und Schauspielerin Dorit Gäbler gehörte in den 1970 und 1980er-Jahren zu den bekanntesten TV-Persönlichkeiten, moderierte auch drei Mal die Kultsendung "Kessel Buntes". Karl-Heinz Bellmann eröffnete als Entertainer 1978 die Erlebnis-Gastronomie „Linie 6″ – ein Interviewformat mit Bewirtung in einer ausrangierten Straßenbahn. Dort gastierten später Weltstars wie Udo Jürgens oder Terence Hill und Bud Spencer.

Peggy Bellmann, eins von drei gemeinsamen Kindern des Ehepaares hat sich beruflich allerdings dem Sport verschrieben. Die 40-Jährige ist Ressortleiterin für Diversity beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Frankfurt, dem Dachverband des Sports in Deutschland. Was sie dort genau macht, warum sie beim DFB ausgestiegen ist und warum sie keine Künstlerkarriere eingeschlagen hat, verrät sie im Gespräch mit diesachsen.de

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Frau Bellmann, warum braucht der DOSB ein Ressort Diversity?

Dafür gibt es drei Gründe. Zum einen, weil langfristiges Wachstum im Sport ohne Vielfalt nicht möglich ist. Zum anderen, weil Vielfalt erfolgreicher macht. Und drittens, weil es auch eine menschliche Komponente hat, Sport für alle zugänglich zu machen. Zum Beispiel sind Frauen unterrepräsentiert. Der DOSB hat 103 Mitgliedsorganisationen mit 86.000 Vereinen und 29 Millionen Mitgliedschaften. Davon ist der Frauenanteil nur 40 Prozent, bei den unter 13-Jährigen ist das noch fast gleichauf, dann treten immer mehr Mädchen aus den Vereinen aus. Da gehen uns Talente verloren. In den Verbands-Vorständen ist der Frauenanteil bei 20 Prozent, bei unseren Olympia-Trainern lag er zuletzt bei 14 Prozent. Frauen sind da deutlich unterrepräsentiert, ob-wohl der Sport von ihren Sichtweisen und Erfahrungen stark profitieren würde. Das betrifft u.a. auch Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderung oder aus sozial schwacher Herkunft, queere Menschen. Wenn der Sport weiterwachsen will, und das will er, dann muss er diese unterrepräsentierten Gruppen stärker für sich gewinnen.

Das setzt aber voraus, dass vorher gewisse Menschen ausgeschlossen wurden. 

Das ist auch so. Entweder, dass sie gar nicht erst teilnehmen oder erst teilnehmen und sich dann nicht wohlfühlen. Das geschieht auch unbewusst. Es gibt verschiedene Barrieren und Gründe. Eine aktuelle Studie von Nesseler et al. hat ein spannendes Experiment gemacht. Sie haben fast 9.000 Sportvereine in Deutschland angeschrieben mit der immer gleichen Nachricht: „Ich bin gerade hierhergezogen und würde gern in euren Verein eintreten. Vor meinem Umzug war ich bereits im Verein aktiv und möchte nun wieder anfangen. Wäre es möglich, einmal zum Training vorbeizukommen?“. Das Ergebnis: Menschen mit deutsch klingenden Namen bekommen signifikant häufiger eine Antwort als Menschen mit ausländisch klingenden Namen. Und männlich klingende Absender bekommen signifikant häufiger Antworten als weiblich klingende Absender.

Woran liegt das?

Das kann verschiedene Gründe haben. Zu einem Teil wahrscheinlich bewusste Ausgrenzung und Rassismus – Phänomene, die leider in Deutschland wieder salonfähiger werden, wie auch die aktuelle Diskussion um unsere Athlet*innen bei der Leichtathletik-EM zeigt. Es kann aber auch an unbewussten Vorurteilen liegen oder mangelnder Erfahrung und Wissen im Umgang mit Vielfalt. Der Kinofilm „Extrawurst“ hat das jüngst gut veranschaulicht mit der Frage, ob man im Sportverein zwei Grills benötigt, um auf einem für muslimische Vereinsmitglieder halal grillen zu können. Das kann dazu führen, dass man aus Angst vor offenen Fragen oder möglichen Konflikten lieber gar nicht antwortet. Das ist schade, denn oft finden sich im gemeinsamen Dialog einfache Lösungen für vermeintliche interkulturelle Herausforderungen.

Peggy Bellmann betreibt in ihrer Funktion beim DOSB unter anderem viel Aufklärungs- und politische Lobbyarbeit, hält also auch Vorträge. Foto: DOSB

Also ist die Hauptaufgabe Ihres Ressorts zunächst einmal die Aufklärung? 

Das ist eine der Aufgaben, eine wichtige. Wir bündeln das Wissen aus der Forschung oder Praxis und machen es verfügbar, wir sensibilisieren und beraten. Wir arbeiten eng mit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaften zusammen, machen Vorschläge für Forschungsvorhaben oder bringen uns in bestehende Projekte ein. Wir haben auch eine lobbyierende Funktion gegenüber der Politik, die wichtiger Fördermittelgeber ist. Dadurch werden verschiedene Projekte und Programme finanziert, die wir dann federführend steuern und in Kooperation mit unseren Mitgliedsorganisationen umsetzen. Das sogenannte EVI-Projekt etwa. Dabei haben wir Menschen mit Behinderung zu Eventinklusions-Manager*innen im Sport ausgebildet – die dann inklusive Sportevents umgesetzt haben, bzw. bestehende Sportevents inklusiver gemacht haben, z.B. die Rhine-Ruhr FISU World University Games 2025 oder das Internationale Deutsche Turnfest 2025.

Der DOSB hat sieben Gruppen von Minderheiten ausgemacht, für die er sich besonders stark macht. Welche sind das?

Wir orientieren uns an der Charta der Vielfalt, die diese sieben Dimensionen unterscheidet. Das ist einmal Geschlecht und geschlechtliche Identität sowie sexuelle Identität, Alter, Behinderung, sozialer Status, Migrationsgeschichte und Nationalität sowie Religion und Weltanschauung.

Geschlechter-Identität wird öffentlich sehr aufgeregt thematisiert. Läuft das – simpel formuliert – darauf hinaus, dass Sie bei Vereinen dafür werben, dreierlei Umkleidekabinen anzubieten?

Das Thema ist wahnsinnig komplex und darum leider oft schwer zu greifen. Es gibt viele Ebenen, eine wichtige Unterscheidung ist z.B. zwischen Breiten- und Leistungssport. Für den Leistungssport ist es wirklich schwierig, eine gute Abwägung zu treffen zwischen der Fairness des Wettbewerbs und der Möglichkeit für alle Menschen, Leistungssport zu machen. Da eine gute Lösung zu finden, ist sehr individuell je nach Verband. Man ist ganz schnell bei der Frage: Was ist denn Fairness im Sport? Da spielt das Geschlecht eine Rolle, aber auch z.B. Armspannbreite oder Körpergröße. Oft wird über Testosteron gesprochen und über mögliche Grenzwerte für die weibliche Kategorie, z.B. in Höhe von 5 nmol/l. Bei erwachsenen Männern liegt der normale Testosteronwert zwischen 12 und 35 nmol/l. Aber da kommt auch niemand auf die Idee, zwei Kategorien für Männer unter und über 20 nmol/l zu machen. Ich bin 1,64 Meter groß und wäre auch gern Hochspringerin geworden. Für die Vize-Kreismeisterschaft hat es noch gereicht, aber für die Aussicht auf olympische Medaillen wären ein paar Zentimeter mehr im Genpool hilfreich gewesen (lacht).

Und wie ist das im Breitensport?

Der Breitensport sollte wirklich für alle Menschen zugänglich sein, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer geschlechtlichen Identität oder anderer Merkmale. Da kann man Barrieren abbauen, sowohl in den Köpfen als auch strukturell. Ich glaube, viele Menschen, die Vorbehalte gegenüber trans* Personen artikulieren, haben sich noch nie mit einer unterhalten. Aber wenn man den Menschen zuhört und ihre Bedürfnisse versteht, kann man tolle individuelle Lösungen finden. Beispiel Schwimmbäder: Da gibt es einerseits Umkleideräume, wo alle nackig nebeneinanderstehen. Aber es gibt auch die Kabinen, die man separat verschließen kann. Das würde der trans* Person helfen, aber auch ganz vielen anderen Menschen wie ganz normal schüchternen Mädchen oder Jungen in der Pubertät, Menschen, die sich unwohl in ihren Körpern fühlen oder Muslimas, die sich auf dem Gang nicht vor allen die Haare föhnen können. Dann bist du gar nicht bei der Frage, ob das eine trans* Person nutzt oder nicht. Sondern das wäre eine Maßnahme, die generell die Privatsphäre derjenigen schützt, die das brauchen.

Wie haben Sie selbst zum Sport gefunden? 

Ich war schon immer super sportinteressiert, ein sportlicher Mensch, habe viele Dinge ausprobiert. In meiner Jugend vor allem geritten, war da auch mal im Landeskader und sächsische Vizemeisterin im Vierkampf – das umfasst Springreiten, Dressurreiten, Schwimmen und Rennen – eine Randsportart. Der Reitsport ist meinem Herzen immer noch sehr nahe, ab und zu reite ich auch noch. Während der Schulzeit habe ich auch Leichtathletik betrieben und jetzt Triathlon auf Hobbyebene.


Peggy Bellmann hatte schon in ihrer Jugend einen engen Bezug zu Pferden. "Das wird mich mein Leben lang begleiten", sagt sie. Foto: privat

Sie stammen aus einer Künstlerfamilie – Ihre Eltern verortet man eher weniger im Sport. War der für Sie ein Ventil, um aus der Künstlerblase auszubrechen? 

Da muss ich korrigieren: Meine Eltern waren und sind sportlich sehr aktiv. Mein Papa war früher Judoka – gar nicht so unerfolgreich, er spielt immer noch Tennis und hat Hobbyfußball gespielt. Und meine Mama spielte in ihrer Jugend Handball, ist seit vielen Jahrzehnten sehr diszipliniert und macht jeden Morgen zehn bis 15 Minuten turnerische Übungen. Während der Schulzeit ging ich auch zur Theater AG, habe Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben und ein bisschen geschauspielert, aber das war nie meine ganz große Passion. Ich wollte schon immer etwas Seriöses machen (lacht). Das war aber gar nicht bewusst, ich schätze meine Eltern sehr und bin beeindruckt von ihren Lebenswerken. Generell haben wir einen guten und engen Kontakt. Immer wenn sie an Berlin vorbeifahren, kommen sie vorbei.

Bevor Sie 2023 beim DOSB eingestiegen sind, haben Sie zwei Jahre beim DFB gearbeitet. Was haben Sie da konkret gemacht? 

Ich habe u.a. gemeinsam mit Oliver Bierhoff das "Projekt Zukunft" geleitet. Das hatte zum Ziel, den deutschen Fußball dauerhaft in der Weltspitze zu etablieren, sowohl im Frauen-, als auch im Männerfußball. Das betraf vor allem die Nachwuchsarbeit, da wurde auch viel umgesetzt – neue Spielformen im Kinderfußball, eine Reform der A- und B-Junioren-Bundesliga, neues Scouting und neue Wege in der Ausbildung von Trainern. 

Warum haben Sie das Projekt verlassen? 

Ich hatte zunächst einen auf zwei Jahre befristeten Vertrag, der DFB unterbreitete mir ein Angebot zur Verlängerung, das ich aus verschiedenen Gründen nicht angenommen habe. Da sind teilweise schon sehr starre Strukturen, mir ging es nicht schnell genug voran. Aber meine Erfahrungen beim DFB waren ausschlaggebend dafür, dass ich beim DOSB gelandet bin. Beim "Projekt Zukunft männlich" habe ich allein mit ca. 50 Männern gearbeitet, beim "Projekt Zukunft weiblich" in gemischten Teams. Mir ist vorher noch nie aufgefallen, was das für ein krasser Unterschied ist. In der Männergruppe war es sehr zäh, jeder wollte mitreden, aber die wenigsten mitmachen. In dem gemischtgeschlechtlichen Projekt waren teilweise die gleichen Männer dabei, aber es herrschte eine viel kooperativere Stimmung, wir haben innovativere Lösungen gefunden, die Atmosphäre war angenehmer, alle haben an einem Strang gezogen. Das hat mir gezeigt, dass gemischte Teams tatsächlich besser zusammenarbeiten und bessere Ergebnisse erzielen.

Gutes Stichwort: Ihre Mama Dorit Gäbler hat mal in einem erfolgreichen Musik-Film mitgespielt, in dem es um Fußball ging. 

Ja, witzigerweise. Eine krasse Parallele. In „Nicht schummeln, Liebling“ spielte sie eine Schulleiterin, die neu in die Stadt kommt. In der Kommune hat die Männerfußballmannschaft immer alles bekommen – einen neuen Bus beispielsweise. Die Schule aber nicht. Sie sagt dann in ihrer Rolle: „Da gründen wir Frauen jetzt auch eine Fußballmannschaft.“ Das hat dann alles durcheinander gebracht, aber für die Schule viel gebracht.

Wie oft sind Sie noch Zuhause bei Ihren Eltern in Friedewald? 

Mehr oder weniger gesetzt ist Weihnachten. Oft an Ostern. Und immer, wenn etwas Wichtiges ansteht. Dieses Jahr waren wir zu Ostern auch in einer Vorstellung meiner Mutter von „My Fair Lady“ am Theater Chemnitz. Vor vielen Jahren hat sie in diesem Stück die Eliza Doolittle gespielt. Jetzt spielt sie die Mutter von Prof. Higgins. Ich finde es wirklich beeindruckend, in diesem Stück sozusagen ein ganzes Schauspielerinnen-Leben vereint zu sehen. Und bin stolz, dass meine Mutter mit über 80 Jahren immer noch so eine gute Figur auf der Bühne macht – auch dank ihres täglichen Sports. Und genau das zeigt, warum Sport so wichtig ist und Jedem und Je-der offenstehen sollte. Sport kann einen wesentlichen Beitrag zu einem langen, glücklichen und gesunden Leben leisten. Und das sollten wir niemandem verwehren.

Alexander Hiller
Artikel von

Alexander Hiller

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