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Nach 103 Jahren: Der Dresdner Fechtclub hat wieder einen deutschen Degenmeister - aus Kanada

Nach 103 Jahren: Der Dresdner Fechtclub hat wieder einen deutschen Degenmeister - aus Kanada
Hendrik Kreysch umarmt nach seinem Überraschungstriumph seinen Gast-Trainer vom Dresdner FC. Sein eigentlicher Coach war aus Kanada via Facetime-Livestream zugeschaltet. Foto: Nayan Gwalani
Von: Alexander Hiller
Hendrik Kreysch stand im vorigen August als Unbekannter vor der Klubtür von Dresdens größtem Fechtverein. Nun spricht die ganze deutsche Szene über den 24-jährigen Deutsch-Kanadier. Der freiberufliche Musiker, dessen Familie aus Dresden stammt, startet künftig allerdings für Leipzig.

Vor zehn Monaten war er in der deutschen Fechterszene noch ein Unbekannter. Jetzt ist Hendrik Kreysch deutscher Meister der Aktiven mit dem Degen und schreibt damit für den Dresdner Fechtclub tatsächlich ein Stück Sportgeschichte. 

Nach 103 Jahren Abstinenz stellt der größte Fechtverein der Landeshauptstadt Dresden wieder einen deutschen Meister mit dieser Stoßwaffe. Zuletzt hatte Erwin Casmir diesen Titel 1923 für den größten Fechtklub der Stadt gewonnen. Zu DDR-Zeiten konnten Günther Keßler (BSG Motor Dresden-Ost/1952&1953) sowie Gisbert Nelke (SC Einheit/1959&1960) Meisterehren mit dem Degen erringen. 

Doch woher hat der Dresdner Fechtclub plötzlich einen derart starken Athleten, der sich mithin nun auch Chancen auf eine Olympia-Teilnahme 2028 machen kann? Kreysch stand im August vorigen Jahres plötzlich vor der Klubtür der modernen Zehn-Bahn-Anlage im Bauch des Heinz-Steyer-Stadion. „Das war schon eine Überraschung. Er hat sich ja gemeldet und gesagt, dass er Verwandtschaft aus Dresden hat und gefragt, ob er für uns starten kann“, erinnert sich Tina Neumann, Leiterin des Landesstützpunktes Stoßwaffen in Dresden. 

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Gesamte Familie kommt aus Dresden

Denn Hendrik Kreysch lebt seit 18 Jahren in Kanada. „Ich wohne in Quebec“, sagt der neue Titelträger am Telefon. Kreyschs Mutter ist gebürtige Dresdnerin - und wanderte mit ihrem Sohn der Liebe wegen in die französischsprachige Großstadt im Osten Kanadas aus, als der sechs Jahre alt war.

„Meine Uromi und mein Großonkel wohnen jetzt noch in Dresden, aber meine gesamte Familie kommt aus Dresden. Ich bin der einzige, der in Berlin geboren ist“, sagt Kreysch, und er erklärt in fast akzentfreiem Deutsch: „Ich habe einen deutschen und einen kanadischen Pass. In Kanada muss man sehr viel Geld haben, um Fechtsport auf hohem Niveau auszuüben. Und das habe ich nicht.“


Hendrik Kreysch hat in Kanada Klassische Musik studiert und gab auch schon Solokonzerte am Cembalo. Foto: Privat

Denn Kreyschs Beruf und Berufung gehörte bis jetzt der Musik. Der 24-Jährige hat seinen Bachelor in Klassischer Musik gemacht, spielt professionell Klavier mit der Spezialrichtung Cembalo. „Ich komponiere auch, habe in einem Barock-Ensemble gespielt und Solokonzerte gegeben“, sagt er. 

Sein Leben in Quebec kann er damit gerade mal so finanzieren. Derzeit gibt er Privatunterricht als freiberuflicher Klavierlehrer. „In Quebec gibt es sehr viel Konkurrenz, dafür ist die Nachfrage nicht groß genug“, sagt er. Also legt Kreysch seinen Fokus jetzt aufs Fechten. „Deshalb wollte ich auch für Deutschland und die Heimatstadt meiner Mama antreten und mehr internationale Turniere wahrnehmen. Das klappt“, frohlockt er und muss lachen. 

Kreysch ist nun ein Kandidat für Olympia 2028

Denn mit dem deutschen Meistertitel hat er sich die Chance erarbeitet, für die im September beginnende neue Saison einen Kaderstatus vom Deutschen Fechter-Bund (DFB) zu erhalten und damit gefördert zu werden. Zwei Wochen vor seinem Coup hatte Kreysch bei der kanadischen Meisterschaft noch Silber gewonnen - für den Verein Club d'escrime STH de Québec. Vermutlich wird eine Berufung ins deutsche Kadersystem noch am Ranglisten-System innerhalb des DFB scheitern. 

"Für die Kadernominierung sind die internationalen Erfolge vorrangig. Wenn er die ersten Weltcups in der neuen Saison erfolgreich bestreitet, haben wir die Hoffnung, dass er im Rahmen der halbjährigen Kaderüberprüfung sich eventuell aufdrängen kann", sagt Tina Neumann vom DFC. In der deutschen Degenrangliste nimmt Kreysch nach lediglich vier Turnieren, für die es je nach Wertigkeit entsprechende Punkte gibt, für die Dresdner Farben bereits Rang vier ein. Das vor ihm platzierte Trio hat bereits mindestens sieben notierte Turniere gelistet. 

Für die Fecht-EM diese Woche in Frankreich stand die Personalie Kreysch innerhalb des Verbandes schon zur Debatte, letztlich langte es für Kreysch noch nicht für einen Platz im deutschen Aufgebot. "Letztendlich entscheidet der Sportausschuss des DFB im Herbst über die Aufnahme in den Perspektivkader", sagt Neumann und verdeutlicht: "Aber wenn er so weitermacht, hat er gute Chancen, in den Kaderkreis aufzusteigen." 

Überraschungsmeister zieht wieder nach Sachsen

Um seine Chancen zu steigern, zieht Hendrik Kreysch mit Sack und Pack im August nach Leipzig. Am dortigen Degen-Bundesstützpunkt hat der Überraschungs-Champion größere Entwicklungsmöglichkeiten mit der Perspektive Olympia. Ab September startet Kreysch dann auch für den FC Leipzig. Sein Gastspiel für den Dresdner FC wird also ein erfolgreiches, aber auch sehr kurzes. 

„Das ist von uns aktiv so begleitet. Wir arbeiten im sächsischen Verband sehr gut zusammen, das tragen wir als Verein voll so mit“, betont Landesstützpunkt-Leiterin Neumann. Kreyschs Gastspiel für den Dresdner FC wird also ein kurzes. „Ich will in Leipzig Physiotherapie studieren und mich voll auf das Fechten konzentrieren”, sagt der Newcomer, der dann vom Bundesstützpunkt-Trainer Christian Büttner betreut wird. 

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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