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Deutscher Schach-Star Pähtz in Aufruhr: "Das kann man sogar googeln"

Deutscher Schach-Star Pähtz in Aufruhr: "Das kann man sogar googeln"
Elisabeth Pähtz wohnte drei Jahre lang in Dresden, beim Deutschen Schachgipfel tritt die beste deutsche Schachspielerin aller Zeiten aber nur als Kommentatorin auf. Foto: Finn Engesser/Deutscher Schachbund
Von: Alexander Hiller
Elisabeth Pähtz ist die beste deutsche Schachspielerin aller Zeit. Die 41-Jährige nimmt beim Deutschen Schachgipfel aber nur eine Nebenrolle ein - weil sie vor kurzem Mama wurde. Aber das nur mit der Hilfe aus Kasachstan.

Sie ist seit knapp 25 Jahren das Gesicht ihrer Sportart in Deutschland. Elisabeth Pähtz ist die erfolgreichste und bekannteste deutsche Schachspielerin aller Zeiten, trat vor Jahren medienwirksam gegen die späteren Schwergewichts-Weltmeister Wladimir und Vitali Klitschko an und bereicherte einige große Fernsehshows wie "Darüber lacht die Welt" mit ihrem Wissen. Die 41-jährige Erfurterin gehört als einzige deutsche Frau dem elitären Klub der Großmeister an, der höchste Titel des Weltverbandes FIDE für Turnierschachspieler. Nur 44 Frauen gehören diesem Kreis an, aber knapp 1860 Männer.

Beim Deutschen Schachgipfel in Dresden nimmt die 41-jährige Erfurterin aber als Kommentatorin dennoch nur eine Nebenrolle ein. Aus zwei Gründen - einem sehr persönlichen Glücksmoment und wegen einer fragwürdigen Prämienpolitik des Verbandes. Im Interview mit diesachsen.de erklärt Pähtz, die im kleinen Örtchen Bestensee und damit skurrilerweise tatsächlich am Pätzer Vordersee wohnt, ihre besondere Beziehung zu Dresden - und warum die Geburt ihrer Tochter ein kleines Wunder war. 

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Elisabeth, Sie sind hier in Dresden ans Sportgymnasium gegangen, haben Ihr Abi gebaut, drei Jahre hier gelebt. Wie geht es Ihnen bei dieser Rückkehr? 

Ich bin damals mit 16 von Erfurt nach Dresden gewechselt. Das lag aber auch daran, dass ich in Erfurt auf dem Sportgymnasium die einzige Schachspielerin war, und die anderen Jugendlichen haben mich das richtig spüren lassen, für die war Schach kein Sport. Das war eigentlich der ausschlaggebende Punkt, dass ich gesagt habe: Ich gehe nach Dresden. Da war Schach am Sportgymnasium präsent und ich wusste damit auch: Ich bin kein Außenseiter und werde nicht als solcher abgestempelt. Ich war anfangs am Internat, bin dann mit meiner Schachkollegin Tina Mietzner in eine WG gezogen, habe mein Abitur gemacht, bin dann nach insgesamt drei Jahren wieder weggezogen. 

Haben Sie noch persönliche Verbindungen nach Dresden? 

Nicht mehr so viele, ich habe relativ wenig Kontakt mit damaligen Mitschülern. Man kennt sich halt noch. Natürlich bin ich durch Dirk Jordan noch mit Dresden verbunden, der sehr, sehr viel für das Frauenschach gemacht hat. Ich glaube sogar, dass er in Bezug auf Frauenschach der engagierteste aller Organisatoren war. Aufgrund seines Engagements bin ich seither noch einige Male in Dresden gewesen. 

Warum spielen Sie - wie bereits in den Vorjahren - selbst nicht mit? 

Weil die Preisgelder zwischen Männern und Frauen immer noch unterschiedlich sind. Das ist immer noch der Hauptgrund. Aber selbst wenn der DSB das für dieses Jahr angeglichen hätte, wäre es für mich schwierig gewesen, weil ich immer noch nicht durchschlafe. Dadurch, dass meine Tochter Lavinia vier Monate alt ist. Ich bin dafür noch viel zu müde, noch nicht fit. 

Warum ist Ihnen das Thema Gleichstellung der Geschlechter bei den Prämien so wichtig? 

Ich bin ja deshalb 2019 auch aus der Nationalmannschaft ausgetreten, weil mich das eh angestunken hat, dass z.B. die Zuschüsse für Turniere auch ungleich waren, obwohl die Kaderzugehörigkeit die gleiche war. Die Männer haben also höhere Zuschüsse bekommen, aber die Turnierkosten sind ja für alle gleich. Während die Männer bei einer Europameisterschaft 1500 Euro an Budget hatten, mussten die Frauen mit 500 Euro auskommen. Ich hatte als Bedingung für eine Rückkehr gestellt, dass bestimmte Sachen angeglichen werden. Unter anderem die Trainerzuschüsse oder Traineranzahl. Wir Frauen hatten bei Schacholympiaden nur einen Trainer, die Männer zwei, manchmal drei. 

Sie treten inzwischen wieder für die Nationalmannschaft an, starten auch bei der Schacholympiade im September in Usbekistan. Es haben sich also alle Probleme aufgelöst? 

Der Verband hat die Bedingungen angeglichen. Aber bei den German Masters oder den Deutschen Meisterschaften sehe ich gar keinen Grund, warum das Preisgeld unterschiedlich ist, nachdem ich gesehen habe, dass es in Polen, in Schweden und in einigen anderen Ländern so ist, dass das Preisgeld absolut gleich ist. Ob ich nun deutscher Meister oder deutsche Meisterin bin und das einen Unterschied von 1500 Euro für den ersten Platz ausmachen sollte, entbehrt für mich jeglicher Logik. Ich hatte kein Problem mit dem Schachbund, sondern mir hat nicht gepasst, wie die letzte Präsidentin gewisse Dinge gemacht hat. Unser Budget wurden binnen zwei Jahren um 50 Prozent gekürzt, hatten als Turnierzuschüsse pro Jahr nicht mehr 3000, sondern nur noch 1500 Euro zur Verfügung. Es wurde an so vielen Stellen gespart, während anderweitig Geld da war. Der DSB hat für Meisterschaft im Vorjahr einen Fotografen für 10.000 Euro Gage engagiert - wo ist da die Relation zu uns Sportlern? Das hat aber nichts mit dem DSB als solchem zu tun, sondern mit der vormaligen Verbandsspitze. 

In Dresden bekommt der neue deutsche Meister bei der Elite 5000 Euro, die Frauensiegerin 3200 Euro. 

Weil wir ein -in hintendran haben, bekommen wir 1800 Euro weniger. Wenn man das nicht ausgleichen kann, muss ich nicht spielen. Die deutsche Meisterschaft bei den Männern ist allerdings offen. Theoretisch könnten da auch Frauen mitspielen, wenn sie gut genug sind. Frauen sind bei der offenen Meisterschaft aber tatsächlich nicht dabei. 

Sie sind hier als Kommentatorin für verschiedene der insgesamt neun deutschen Meisterschaften. Ist das für Sie anstrengender als selbst zu spielen? 

Wenn ich allein kommentieren muss, dann ja. Das ist schon ein großer Unterschied dazu, wenn man zu zweit kommentiert. Das haut schon rein. 


Pähtz switcht als Moderatorin zwischen mehreren Partien hin und her. Eine absolute Herausforderung. Finn Engesser/Deutscher Schachbund

Bei der Schacholympiade in Usbekistan bekommen Sie hingegen vom Weltverband als junge Mutter eine Begleitperson finanziert. 

Das ist das sogenannte FIDE-Moms-Programm, das gibt es seit 2024. Das Kind darf nicht älter als zwei Jahre sein, glaube ich. Dann wird ein Flug bis in Höhe von 1000 Euro bezahlt. Meine Mutter kommt mit zur Schacholympiade. Ohne sie ginge es gar nicht. Sie ist die einzige Person, bei der ich weiß, dass ich meine Tochter für vier, fünf Stunden allein lassen, ohne dass für Lavinia die Welt zusammenbricht. Die Kleine ist ihre Oma schon sehr gewohnt. 

Sie sind mit 41 Mutter geworden. Hatten Sie Bedenken, so vergleichsweise spät ein Kind auszutragen? 

Nein, wir haben es schon drei, vier Jahre versucht. Wobei ich da jetzt wieder Ärzte in Deutschland kritisieren müsste. Ich war bei verschiedenen Ärzten, auch im Kinderwunschzentrum, habe Tests gemacht. Und alle haben mir immer erzählt, dass bei mir alles in Ordnung sei. Ich habe eine Freundin aus Kasachstan, die auch Probleme hatte, schwanger zu werden. Sie hat mir gesagt, ich soll ihr mal einen Bluttest von mir schicken. Sie ist dann damit zu ihrem Arzt gegangen, da wurde alles abgeglichen und es kam heraus, dass ich ein Schilddrüsenproblem habe. Durch die Unterfunktion ist die Einnistung viel schwieriger. Wenn man das hinbekommt, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, schwanger zu werden. Ich bin dann also zu einer Ärztin gegangen, habe mir die entsprechenden Hormone verschreiben lassen - und zwei Monate später war ich schwanger. Hätte man mir hier vor drei Jahren gesagt, dass die Unterfunktion eine Auswirkung auf die Einnistung hat, hätte ich schon eher Mama werden können.Ich habe mit dem Wissen mal nachgeschaut: Das kann man sogar googeln. Aber wenn man es nicht weiß, googelt man es nicht. Deshalb ärgere ich mich ein bisschen, weil ich vermute, dass man mir das bewusst nicht gesagt hat, weil sie wollten, dass ich in die künstliche Befruchtung gehe. Das bringt natürlich Geld.  

Haben Sie jetzt nach der Geburt Ihrer Tochter einen Plan, ob Sie in fünf Jahren so hochfrequentiert Schach spielen wollen wie vorher? 

Ich kann schon vorstellen, dass ich in der Nationalmannschaft spiele, so lange ich die sportliche Leistung erbringe. Aber jetzt noch die professionellen Turniere zu spielen, doch eher weniger. 

Haben Sie Bedenken, dass Sie in unserer derzeitigen hypersensiblen Aufregungs-Kultur, Kritik dafür ernten, weil Sie nicht rund um die Uhr für Ihre Tochter da sind? 

Sagen wir mal so: Bei Turnieren, wenn ich die Kleine fünf Stunden nicht habe, bin ich den Rest der Zeit für sie da. Von 24 Stunden bin ich vielleicht 18 für meine Tochter da. Ich finde, das ist legitim. Denn viele geben ihr Kind in die Kita ab. Das habe ich gar nicht vor. Ich möchte, dass mein Kind im vertrauten Umfeld bleibt, mit meiner Mutter, meinem Partner als auch mit der Schwiegermutter hat sie jetzt schon drei vertraute Personen neben mir aus ihrem vertrauten Umfeld. Ich bin 18 Stunden für Lavinia da, meine Mutter mindestens die gleiche Zeit, die Schwiegermutter und der Vater der Kleinen sowieso. Dann kommt auch noch mein Vater dazu. 

Wie verdienen Sie Ihr Geld als Schachprofi neben den Turnieren? 

Ich gebe z.B. manchmal Webinare für Deutschlands größte Online-Schachschule Chesssence - man könnte sagen, ich bin eine Art Dozentin. Ich produziere für verschiedene Unternehmen wie ChessBase etwa Tutorials. 

Bei allem, was Sie erzählen: Ihre Tochter kann eigentlich gar nicht anders, als mit Schach aufzuwachsen - oder? 

(lacht) Nicht unbedingt. In unserem Dorf haben wir die Gesangsgruppe "Pätzer Spatzen", geleitet von einer Opernsängerin. Der Beruf war ein halber Traum von mir, ich hatte auch Talent dafür und theoretisch auch die stimmlichen Voraussetzungen. Das habe ich immer irgendwie als Hobby betrachtet, aber nie gefördert. Wenn Lavinia das mag: Warum nicht? Sie soll etwas machen, was ihr Spaß macht. Und das muss nicht Schach sein. 

Wollen Sie im Schach noch Träume verwirklichen? 

(überlegt kurz) Nö. Gut, alles habe ich nicht erreicht. Vor allem im Schnellschach könnte ich mir ausrechnen, dass ich noch mal irgendwo eine internationale Medaille hole. Aber das ist jetzt nicht so tragisch. Ich war mal Europameisterin im Schnellschach und WM-Dritte, das war mein größter Erfolg. Aber ich war nie Weltmeisterin bei den Frauen. Das ist sogar theoretisch noch möglich.   

Alexander Hiller
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Alexander Hiller

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