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Wohngeldreform: Warum für Familien in Sachsen viel mehr auf dem Spiel steht

Euroscheine auf Holztisch
Foto: Markus Spiske (Unsplash.com)
Von: Juliane vom Orde
Lebensmittel, Mobilität, Miete, Kinderbetreuung: Für Familien wird der Alltag an vielen Stellen schrittweise teurer. Ab 2027 könnte eine weitere Belastung hinzukommen, denn die Bundesregierung plant deutliche Einsparungen beim Wohngeld. Eine Dresdner Modellrechnung zeigt: Dabei geht es um weit mehr als nur den reinen Mietzuschuss.

Wie die Wohngeldreform konkret aussehen wird, ist derzeit noch offen. Aus dem Bundesbauministerium wurde allerdings bereits angekündigt, dass alle bisherigen Wohngeldhaushalte von Kürzungen betroffen sein sollen – und etwa ein Drittel den Anspruch sogar vollständig verlieren könnte. Schauen wir uns deshalb genau diesen Fall am Beispiel einer Modellfamilie an. Denn der Wegfall des Wohngeldes hat eine Folge, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt.

Auf den ersten Blick geht es um den Verlust eines begrenzten monatlichen Zuschusses. Doch tatsächlich kann selbst ein kleiner Wohngeldanspruch für Familien deutlich mehr wert sein als der Betrag, der jeden Monat auf dem Konto eingeht.

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An einem Wohngeldbescheid hängt mehr als die Miete

Wohngeld ist für viele Familien weit mehr als ein bloßer Zuschuss zu den Wohnkosten. Der Bescheid fungiert oft als „Schlüssel“ für weitere Leistungen:

  • Kinderbetreuung: In vielen Regionen können Eltern mit Wohngeldbezug auf Antrag von den Beiträgen für Krippe, Kita und Hort befreit werden.
  • Bildung und Teilhabe: Der Wohngeldbezug berechtigt automatisch zum staatlichen Unterstützungspaket für Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringem Einkommen.
  • Kommunale Vergünstigungen: Größere Städte wie Dresden, Leipzig und Chemnitz bieten eigene Sozialpässe an. Welche Leistungen daran hängen, unterscheidet sich von Kommune zu Kommune.

Was der Wegfall für eine Dresdner Familie bedeutet

Wie groß die Lücke zwischen einem eher geringen Wohngeldanspruch und dessen Wegfall sein kann, zeigt eine Modellrechnung für eine vierköpfige Familie aus Dresden: Beide Eltern arbeiten, ein Kind besucht die Kita, das andere wird im Hort betreut. Die Familie erhält aktuell rund 100 Euro Wohngeld im Monat. Fallen sie – wie ein Drittel der Bezieher – ab 2027 komplett aus dem System, verschwindet nicht nur das Wohngeld aus dem Budget. Die Familie verliert gleichzeitig den Zugang zu den sozialen Folgevergünstigungen.

Die Rechnung ist ernüchternd:

  • Wegfall Wohngeld: 100 Euro/Monat
  • Kita-/Hortgebühren: Zum 1. September 2026 steht die nächste Erhöhung der Dresdner Beitragssätze an – es ist bereits die fünfte Anpassung innerhalb der letzten drei Jahre. Danach belaufen sich die monatlichen Kosten für diese Modellfamilie dann auf rund 228 Euro (105 Euro für das Hortkind bei fünf Stunden Betreuung und 123 Euro für das Kindergartenkind bei acht Stunden Betreuung, bereits unter Berücksichtigung der Geschwisterermäßigung). 
  • Mittagessen: Bei 20 Betreuungstagen und durchschnittlich 4,50 Euro pro Kind kommen weitere 180 Euro hinzu.

Die finanzielle Lage der Familie verschlechtert sich allein durch diese drei Positionen um rund 500 Euro im Monat. Das bedeutet: Aus dem Wegfall von 1.200 Euro Wohngeld pro Jahr wird eine reale Mehrbelastung von rund 6.000 Euro.

Und dabei ist noch längst nicht alles eingerechnet

Über das Bildungspaket (Bildung und Teilhabe) erhält ein Schulkind derzeit 195 Euro jährlich für persönlichen Schulbedarf sowie bis zu 15 Euro monatlich für Freizeitangebote. Hinzu kommen Kostenübernahmen für Klassenfahrten und Ausflüge. All das fällt weg, sobald der Wohngeldanspruch erlischt.

In Dresden kommen weitere kommunale Vergünstigungen über den Dresden-Pass hinzu. Dazu gehören für die gesamte Familie Ermäßigungen bei Fahrausweisen und dem Deutschlandticket sowie günstigere Angebote in den Bereichen Kultur, Sport und Freizeit.

Wenn Unterstützung abrupt endet

Das eigentliche Problem sind die harten Anspruchsgrenzen. Solange die Familie auch nur einen Cent Wohngeld erhält, greifen die Vergünstigungen. Fällt dieser Anspruch vollständig weg, sinkt die Unterstützung nicht schrittweise – sie bricht komplett weg. 

Die Familie steht dadurch plötzlich massiv schlechter da, obwohl sich ihr Netto-Einkommen nicht verändert hat. Das betrifft vor allem Haushalte, in denen beide Elternteile arbeiten und ihren Lebensunterhalt grundsätzlich selbst bestreiten, aber finanziell ohnehin kaum Spielraum haben.

Sparen statt Teilhaben

Gegensteuern wäre für diese Familien nur durch Verzicht oder den Rückzug aus dem Arbeitsmarkt möglich: eingeschränkte Mobilität, der Verzicht auf gesellschaftliche Teilhabe und in einigen Fällen könnte sich sogar die Reduzierung der Erwerbsarbeitszeit lohnen, um Essens- und Betreuungskosten der Kinder zu sparen (unbezahlte eigene Betreuung). 

Noch ist nicht bekannt, wie die endgültige Reform aussehen wird. Doch dieser Fall macht eine Problematik sichtbar, die im Zentrum der Debatte stehen muss: Es geht nicht nur um den Mietzuschuss. Es geht darum, dass Familien durch den Wegfall des „Türöffners“ Wohngeld massiv höhere Ausgaben für den Alltag selbst tragen müssen.

Das Bundesbauministerium betont, man werde alles dafür tun, „etwaige Anpassungen so sozialverträglich wie möglich zu gestalten“. Es bleibt zu hoffen, dass man dabei nicht starr auf den Wohngeldbetrag blickt, sondern die gesamte Kette der daran gekoppelten Leistungen im Blick behält. Denn genau diese Folgewirkungen entscheiden darüber, ob eine Wohngeldreform tatsächlich sozial gerecht ist – oder ob sie Familien erst recht in die finanzielle Enge treibt.

Was du jetzt tun kannst

Du könntest selbst vom Wegfall des Wohngeldes betroffen sein oder möchtest Familien unterstützen, denen diese Entwicklung droht? Dann gibt es mehrere Möglichkeiten, das Thema sichtbarer zu machen.

Schreib den Abgeordneten von CDU und SPD in deinem Wahlkreis. Beide Parteien tragen die Bundesregierung und verfügen gemeinsam über die Mehrheit, die über die Reform entscheidet. Besonders Bundestagsabgeordnete reagieren auf konkrete Beispiele aus ihrem Wahlkreis. Schildere deshalb kurz, welche Folgeleistungen an deinem Wohngeldbescheid hängen und welche tatsächliche finanzielle Belastung ein Wegfall auslösen würde.

Wende dich direkt an das Bundesbauministerium. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen erarbeitet die Reform. Über die Bürgerkommunikation kannst du darauf hinweisen, dass nicht nur der Wohngeldbetrag selbst betrachtet werden darf. Entscheidend sind auch die Folgekosten, wenn Betreuung, Mittagessen, Bildung, Mobilität und weitere Vergünstigungen gleichzeitig wegfallen.

Unterstütze Petitionen und bestehende Initiativen. Statt viele kleine Einzelpetitionen zu starten, lohnt es sich meist, bereits laufende Aktionen zu stärken. Je mehr Betroffene und Unterstützende ihre Erfahrungen bündeln, desto schwerer lässt sich die soziale Kettenreaktion in der öffentlichen Debatte übergehen.

Juliane vom Orde
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Juliane vom Orde

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