Ein Interview von Silvia Naumann
Herr Buchholz, Sie sind Vize-Chef der Grünen im Landkreis Meißen und wirken in Bürgerinitiativen und Arbeitskreisen mit. Sie engagieren sich über das normale Maß hinaus. Welche Erfahrungen aus Ihrer Kindheit haben Ihr Gefühl für Verantwortung und Zusammenhalt geprägt?
Ich bin 1979 auf einem Dreiseitenhof in Sachsen-Anhalt mit drei Generationen groß geworden. Da war immer Familie da, Unterstützung, aber auch ein Gefühl von Verantwortung. Meine Mutter war Lehrerin. Mein Vater hat sich in den 90er Jahren selbstständig gemacht und sich beruflich neu erfunden – mit all den Herausforderungen in der Wendezeit. Dieses Umfeld hat mich als Kind und Teenager sehr geprägt. Als ich dann in Berlin Stadt- und Regionalplanung studierte, beteiligte ich mich punktuell und bin auf Demonstrationen gegangen. Ich würde mich in der Zeit als politisch interessiert, aber nicht als aktiv engagiert beschreiben.
Wann haben Sie zum ersten Mal gespürt, dass Sie als Einzelner etwas in der Gesellschaft verändern können?
Ja, das war tatsächlich erst später, in Darmstadt. Dort haben wir mit anderen Eltern eine Kita gegründet, weil es nicht genügend Betreuungsplätze gab. Wir waren plötzlich Arbeitgeber, mussten Finanzierung organisieren, mit der Stadt verhandeln. Wir waren zwölf Elternpaare, haben als „Rotznasen e.V.“ ein kleines Ladenlokal angemietet, Wände gestrichen, Möbel organisiert – und gleichzeitig am Küchentisch darüber gebrütet, wie wir das alles überhaupt finanzieren. Das war mein „Erweckungserlebnis“. Da habe ich zum ersten Mal richtig gespürt: Wenn die Rahmenbedingungen nicht passen, kann man selbst aktiv werden und sie verändern.
Viele sagen, Ostdeutsche hätten sich nach der Wende eher zurückgezogen als eingemischt. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich habe im Westen tatsächlich ein anderes Selbstverständnis als Bürger wahrgenommen: Dass man als Bürger nicht nur Pflichten hat, sondern auch Rechte – und diese auch aktiv einfordert. Dieses Selbstbewusstsein, sich einzumischen und auch politische und mediale Wege zu nutzen, war für mich dort sehr präsent. Wir sind damals mit unserer Elterninitiative sogar mit Pressebegleitung zum Kämmerer gegangen, um für die Finanzierung unserer Kita zu kämpfen – mit Erfolg.
Ich glaube schon, dass die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West bis heute nachwirken. Die Menschen hier waren viele Jahre erst einmal damit beschäftigt, beruflich und privat ihren Platz in einem völlig neuen System zu finden – oft auch durch Umzug oder Pendelei. Das führte zu anderen Familienstrukturen und vielleicht auch einem anderen Bezug zu Staat und Bürgertum.
Und trotzdem sind Sie in den Osten zurückgekehrt. Wie kam es dazu?
Nach meinem Studium in Berlin arbeitete ich in Darmstadt in einem Planungsbüro zu den Themen kommunale Bauleitplanung, Energiekonzept, Wind und Photovoltaik. Meine Partnerin fand dann im Jahr 2014 in Meißen eine Stelle und dadurch kam ich nach Jahren zurück in eine kleinere ostdeutsche Stadt – und hatte das Gefühl, dass manche gesellschaftlichen Debatten noch sehr vertraut waren.
Sie kamen mitten in der Flüchtlingsdebatte nach Meißen. Hat Sie die Stimmung damals erschreckt?
Ja und nein. Ich habe erlebt, wie der Heimatschutz mit Fackeln durch die Stadt zog – Bilder, die ich aus den 90er Jahren aus Magdeburg kannte. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie viele Menschen in Meißen gesagt haben: „Das ist nicht mein Meißen.“ Sie haben sich engagiert – mit einer großen Menschenkette, mit Initiativen und Gesprächen. Das hat mich beeindruckt. Ich habe dort schnell Anschluss gefunden und gemerkt: Es gibt viele, die ihre Stadt aktiv mitgestalten wollen. In diesem Zusammenhang habe ich auch Frank Richter kennengelernt, der später beinahe Bürgermeister in Meißen geworden wäre. Seine vermittelnde und dialogische Art hat mich inspiriert, mich selbst politisch stärker einzubringen. (2. Teil siehe unten)
