Letzte Arbeiten an Super-Röhre für Dresdens Chipindustrie
Die Projektleiter Heiko Nytsch und Rainer Aurin von der Stadtentwässerung Dresden sowie Polier Silvio Kiefer von der Tiefbaufirma Heinz Lange stehen vor der über acht Meter tiefen Baugrube am Moritzburger Weg unweit der Königsbrücker Straße. Der Mobilkran hat gerade den Deckel eines Einstiegsbauwerks für den neuen Industriesammler Nord eingehoben, an dem in diesen Wochen die letzten Arbeiten ausgeführt werden. Mit dieser Super-Röhre erhalten die Firmen von Dresdens wachsender Chipindustrie einen leistungsfähigen Abwasseranschluss. Vis-a-vis ragt auf der anderen Straßenseite die neue Fabrik von Infineon Technologies empor. Das fünf Milliarden Euro teure Werk ist die größte Einzelinvestition in der Firmengeschichte. Zudem ist der Dax-Konzern auch am Gemeinschaftsunternehmen ESMC mit Taiwans Chipgiganten TSMC beteiligt, das unweit davon im Rähnitzer Gewerbegebiet an der A4 ein Halbleiterwerk für zehn Milliarden Euro hochzieht. Auch ESMC wird an den neuen Industriesammler angeschlossen.
Kurz vorm Durchstich haben im Dezember 2025 an der Startgrube am Moritzburger Weg noch die letzten der jeweils vier Meter langen Rohre bereitgelegen, bevor sie in die Röhre gepresst wurden.
Nytsch ist froh, dass die Kanalbauer mit ihrem Tunnelbohrer ein flottes Tempo vorgelegt haben. Denn auch die Bauleute beim gegenüberliegenden neuen Infineon-Werk sind von der schnellen Sorte. Monate früher als geplant eröffnet dort Infineon Technologies am 2. Juli seine vierte Dresdner Fabrik. „Ursprünglich hatten wir die Eröffnung für den Herbst 2026 geplant. Jetzt sind wir im Frühsommer schon so weit“, erklärte kürzlich Infineon-Vorstandschef Jochen Hanebeck in einem Interview der Sächsischen Zeitung. „Das ist ein wichtiges Zeichen, dass in Deutschland Großprojekte zeitgerecht fertig werden können – dickes Dankeschön an die Mannschaft in Dresden. Auch die Unterstützung, die wir von der Stadt und vom Land bekommen, ist wirklich vorbildlich“, sagte Hanebeck weiter.
„Da sieht man, was möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen.“ An diesem Strang zieht auch die Dresdner Stadtentwässerung mit ihren Kanalbauern.
Der Bau: Tunneldurchstich schon Ende 2025 geschafft
Begonnen hatte der Bau an der Superröhre mit dem symbolischen Spatenstich am Klärwerk Kaditz im Juli 2023. Das Elbehochwasser zum Jahreswechsel 2023/2024 flutete Baugruben, Altlasten am Heller bescherten Zusatzaufwand. Die Kanalbauer kamen dennoch gut voran und überwanden so manches weitere Hindernis im Untergrund. Der 10. Dezember 2025 war für sie ein großer Tag. Da hatte die Tunnelbohrmaschine mit dem Durchstich beim Bau des Nordkanals ihr Ziel bei Infineon an der Königsbrücker Straße erreicht. Jetzt ist das Bauende in Sicht.
Das Großprojekt: 76 Millionen für Dresdens neue Superröhre
Mit den neuen Chipwerken wäre das vorhandene Kanalnetz überlastet. Deshalb baut die Stadtentwässerung für rund 76 Millionen Euro den rund zehn Kilometer langen Hauptkanal vor allem für die Abwässer der Mikroelektronik-Betriebe. Der Nordkanal führt vom Klärwerk an der Elbe aus parallel zur Autobahn und durch den Heller bis zur Königsbrücker Straße (siehe Grafik). Unterwegs fließt dabei das Abwasser von den Gewerbegebieten in Rähnitz und Wilschdorf in den Kanal.
Etwa zehn Millionen Kubikmeter Industrieabwasser fließen aktuell zur Kläranlage. Allein die Werke von Globalfoundries, Infineon, Bosch und X-Fab leiten schon jetzt 93 Prozent der Dresdner Industrie-Abwässer ein. In den kommenden Jahren wird sich die Industrieabwassermenge nochmals stark erhöhen. Das vorhandene Kanalnetz wäre damit überlastet. Rund drei Kilometer des Kanals werden in offener und sieben Kilometer in geschlossener Bauweise hergestellt, erläutert Projektleiter Nytsch. Offen heißt, dass Gräben ausgebaggert und Rohre verlegt werden.
Beim geschlossenen Verfahren werden Stahlbetonröhren durch die Erde gepresst. In die werden dann noch 1,2 Meter hohe Kunststoffleitungen gezogen, da dort das Abwasser unter Druck fließt
Der 1. Abschnitt: Letzte Oberflächen werden wieder hergestellt
Geschafft sind die Arbeiten im ersten, rund 2,3 Kilometer langen Abschnitt vom Klärwerk bis zum Kaditzer Riegelplatz. Die zuvor umverlegten Leitungen sind wieder zurückverlegt. „Wir sind komplett fertig“, erklärt Projektleiter Nytsch. Derzeit werden nur noch die restlichen Oberflächen wiederhergestellt.
Der 2. Abschnitt: Monteure verlegen die letzten Leitungen zurück
Abgeschlossen ist auch der Kanalbau im anschließenden, 1,9 Kilometer langen Stück entlang der Autobahn vom Riegelplatz bis zum Sternweg. Dort werden noch die Leitungen für Wasser, Strom, Gas und Telekom in ihre alte Trasse zurückverlegt. „Damit werden wir Ende Juli fertig“, sagt Nytschs Projektleiterkollege Aurin. Dann werden auch die Oberflächen wiederhergestellt sein.
Der 3. Abschnitt: Rund ein Kilometer Kanal auf Neuländer Straße verlegt
Die unterirdische Trasse führt am Sternweg unter der A 4 hindurch bis zum Beginn der 1,2 Kilometer langen Neuländer Straße, die die Stadt später sanieren will. Vorher verlegt die Stadtentwässerung im dritten Abschnitt den Nordkanal in offener Bauweise. „Rund ein Kilometer ist verlegt“, sagt Projektleiter Nytsch. „Die letzten 150 Meter bis zur Moritzburger Landstraße sollen bis Anfang Juni fertiggestellt werden. Dann kann Mitte Juni der Probebetrieb beginnen.“
Dort gibt es aber noch eine weitere Aufgabe. Auf 300 Metern sind noch Kanäle für die Straßenentwässerung zu verlegen. Zudem wird ein Stauraumkanal gebaut, in dem bei Starkregen zeitweise das Regenwasser zurückgehalten werden kann. „Bis Jahresende wird die Neuländer Straße wiederhergestellt“, steckt Nytsch den Zeitplan ab.
Der 4. Abschnitt: Alle Anlagen bereits abgenommen
Hinter dem Wilden Mann geht es im vierten, 1,5 Kilometer langen Abschnitt in Richtung des Autobahnzubringers auf der Radeburger Straße weiter. „Der gesamte Abschnitt wurde im März fertiggestellt und abgenommen“, erklärt Projektleiter Nytsch.
Der 5. Abschnitt: 2,6 Kilometer am Heller durchbohrt
Auf gut 2,6 Kilometern ist die unterirdische Rohrtrasse zwischen Radeburger Straße durch den Heller bis zur Königsbrücker Straße verlegt. Mit dem Durchstich am 10. Dezember vergangenen Jahres an der Königsbrücker hatte die Tunnelbohrmaschine ihre Arbeit geschafft, war die Röhre bis dorthin komplett durch den Untergrund gepresst. Gearbeitet wird nur noch an drei Bauwerken, so das am Moritzburger Weg, das jetzt seinen Deckel bekommen hat, erläutert Projektleiter Aurin. Mit zwei weiteren Bauwerken an der Königsbrücker Straße werden vorhandene Kanäle an den Industriesammler angeschlossen, eins davon ist bereits fertig.
Der Infineon-Anschluss: Pünktlich vor Werkseröffnung verlegt
15 Meter lang ist der Kanal, mit dem Infineon seinen direkten Anschluss an den zehn Kilometer langen Industriesammler bekommt. „Er wird bis Ende Juni verlegt“, sagt Projektleiter Nytsch. „Wenn Infineon sein neues Werk am 2. Juli eröffnet, werden wir bereit sein, um mit dem Industriesammler Nord in den Probebetrieb zu gehen“, versichert Projektleiter Nytsch. Bis Jahresende sollen alle Arbeiten komplett abgeschlossen werden.
Text: Peter Hilbert