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Hinter Gate 5 von ESMC: Currywurst, Richtkrone – und Radeburg am Bauzaun

Hinter Gate 5 von ESMC: Currywurst, Richtkrone – und Radeburg am Bauzaun
Bauleute in Gelb: Auf der Baustelle von ESMC in Dresden-Rähnitz. Fotos: Ulf Mallek
Beim ESMC-Richtfest feierten zuerst die Bauleute. Radeburgs Bürgermeisterin Michaela Ritter ist mit dabei. Das 10 Milliarden Euro teure Chipwerk im Dresdner Norden soll Ende nächsten Jahres in Betrieb gegen.

Ein Bericht von Ulf Mallek

Gate 5 der Riesenbaustelle von ESMC im Dresdner Norden muss man erst einmal finden. Viele Tore, lange Zäune, Schilder, die sich gleichen. Wer ohne Auto ankommt, irrt eine Weile. Dann, hinter den Bauzäunen, gibt es aber auch ein Staunen. Bauarbeiter in gelben Warnwesten stehen mit Currywurst und Cola und feierten – bevor die Ehrengäste in Anzügen und Festreden nachziehen. So wollte es das Protokoll. Und so wirkt es auch: Zuerst sind die dran, die den Rohbau hochgezogen haben.

Genau an der nördlichen Grenze des Baufeldes beginnt die Gemeinde Radeburg. Bürgermeisterin Michaela Ritter, beim Richtfest dabei, macht keinen Hehl daraus, dass ein Bau dieser Größenordnung nicht ohne Reibung bleibt. Probleme mit dem Niederschlagswasser seien inzwischen mehr oder weniger ausgeräumt. Immer mal wieder gebe es Proteste von Anwohnerinnen und Anwohnern wegen verschlammter Straßen. Ohnehin seien die vielen Baulaster eine Belastung. „Aber wir sprechen miteinander. ESMC-Chef Christian Koitzsch kam schon öfters in unseren Stadtrat“, sagt Ritter. Für Radeburg sei ESMC zugleich eine große Chance: Einwohnerinnen und Einwohner könnten dort arbeiten, Beschäftigte der Fabrik vielleicht in Radeburg wohnen. Nachbarschaft heißt hier: Lkw-Schlamm und eine gute Jobperspektive am selben Zaun.

Moderatorin Tina Chen aus Taiwan führt durch diese Mittagszeit. ESMC-Präsident Dr. Christian Koitzsch erinnert an den Spatenstich vor etwa zwei Jahren – damals gab es auch ein Zelt. Davor standen die Ehrengäste mit vollen Schaufeln nach taiwanesischer Tradition, weil volle Schaufeln Glück bringen sollen. Seither ist viel passiert. Ein harter erster Winter, 500.000 Kubikmeter ausgehobene Erde, ein ausgeglichenes Bodenmanagement, damit möglichst wenig Lkw-Kilometer nötig sind. Im Februar 2025 die erste Bodenplatte – 5.000 Kubikmeter Beton, zwei Meter stark. Dann kam der Hochbau: rund 30.000 Fertigbetonelemente. Tag und Nacht wird gearbeitet, rund 600 Unternehmen sind beteiligt, heute sind etwa 2.000 Menschen auf der Baustelle. Ein Dachträger von 100 Tonnen kam nachts auf die Lay-down-Fläche und wurde bei Tageslicht gehoben. Woche für Woche kommen weitere Träger, bis die Gebäudehülle zu war. „Wir sind zu Recht stolz darauf, was wir hier erreicht haben“, sagte Koitzsch. „Es ist wirklich ein Teamerfolg.“ Er dankte EU, Bund, Freistaat und Stadt und verpflichtete ESMC auf gute Nachbarschaft – kulturell, sozial, ökologisch. Auch für Radeburgs Bürgermeisterin klingt das nach Praxis.


Die Ehrengäste und der traditionelle Zimmermann schauen auf die Richtkrone.

Halbzeit in Richtung Produktion

Was ESMC ist, fasst Koitzsch knapp zusammen: ein Joint Venture von TSMC mit Bosch, Infineon und NXP – Europas erste FinFET-Foundry des taiwanischen Branchenführers. Bis zu 12-Nanometer-Chips sollen Kunden künftig hier fertigen lassen. Bis zu 2.000 Arbeitsplätze gibt es in der Fabrik. Agenturmeldungen beziffern die Investition auf rund zehn Milliarden Euro, davon fünf Milliarden Bundesförderung. TSMC hält 70 Prozent, die Partner je zehn. Produktionsstart ist fürs zweite Halbjahr 2027 vorgesehen.

TSMC-Co-Geschäftsführer Ching-Kun Huang („CK“) spricht von der Halbzeit auf dem Weg zum Ziel. Die Ausbildung künftiger Fachkräfte laufe schon am TSMC-Hauptsitz in Taiwan, mit Fokus auf taiwanischer Unternehmenskultur und deutscher Ingenieursexpertise. Koitzsch verrät lachend: CK habe begonnen, Deutsch zu lernen – die nächste Festrede zur Einweihung vielleicht auf Deutsch?

MP Kretschmer: Zuerst die Bauleute

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) knüpft am Protokoll an: Es gehe nicht nur darum, dass Ehrengäste feiern, „sondern dass die, die die Arbeit geleistet haben, jeden Tag auf der Baustelle sind, dass die zuallererst feiern. Das ist eine so anständige Haltung.“ Er erinnerte an die Standortentscheidung: Mit dem Vertrauen der Taiwanesen sei man gemeinsam gegangen. Die Ansiedlung solle in die Regionen ausstrahlen: Wohnungen, Zulieferer, Industrieflächen, tiefere Wertschöpfung – und fair gegenüber den Nachbarn sein, auch gegenüber Radeburg. Für November kündigt Kretschmer den Spatenstich einer Berufsschule für Elektronik mit über 100 Millionen Euro in Dresden an. Im Dresdner Norden wird mit SachsenEnergie ein neues Flusswasserkraftwerk für die Versorgung errichtet. ESMC sei „die größte Baustelle Europas, die wir aktuell hier haben“ – und zugleich Auftrag, Standortkosten und Energie wettbewerbsfähig zu halten.

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert dankt den Bauleuten für die Geschwindigkeit, mit der die Fabrik „in real“ gewachsen sei. Die Region werde Verlässlichkeit halten, Infrastruktur schaffen und Fachkräfte aus aller Welt, besonders aus Taiwan, willkommen heißen – möglichst mit Familien. Gesellschaftlich wachse schon zusammen, was lange getrennt war: Elternfest und Drachenbootrennen, angestoßen auch durch Taiwan-Wochen.

Exyte-Chef Herbert Blaschitz (Generalunternehmer für den Bau) nannte das Projekt besonders: Das Unternehmen habe schon in den frühen 1990ern Büros in Taiwan und Dresden gehabt – nun kämen beide Welten auf einer Baustelle zusammen. Aktuell arbeiteten rund 100 Nationalitäten und etwa 58 Sprachen am Bau; Prioritäten sind: Safety first, Qualität, Lieferversprechen. Blaschitz gab einen Gag preis: Sie hatten einen dabei, der kam aus dem Vatikan. Jetzt ist er aber wieder weg und arbeitet für den Papst. Es gibt eben Karrierechancen in Dresden.

Zum Schluss unterschreiben Ehrengäste auf einem Stahlträger. Per Sprechfunk gibt der Ministerpräsident dem Kranführer einen Befehl – und die Richtkrone geht hoch. Hinter Gate 5 liegen Currywurst und Cola, ein zehn Milliarden Euro Chip-Traum, der Wirklichkeit wird – und direkt am Zaun eine Kleinstadt, die Schlamm und Chance zugleich verhandelt. Bis 2027 soll aus dem Rohbau Europas TSMC-Produktionsstätte werden. Es ist die kleinste in der TSMC-Welt. Muss es aber nicht bleiben. Dresdens OB Hilbert sagt, es gebe noch genügend freie Flächen hier im Dresdner Norden. Am Montag aber feiern erst mal die in Gelb.