Was zeigt eine Gesellschaft, wenn sie sich selbst beim Erinnern zuschaut – und was verrät sie, wenn sie schweigt? Diese Frage stellt eine bemerkenswerte neue Filmreihe, die ab dem 19. März 2026 in Dresden zu erleben ist. Unter dem Titel „Verdrängtes und gelebtes Gedächtnis – Jüdisches Leben im deutschen Film nach 1945" beleuchten der Museumskino Dresden e.V. und die Technischen Sammlungen Dresden gemeinsam mit dem Clubkino im Lingnerschloss, wie der deutsche Film über Jahrzehnte hinweg mit jüdischer Kultur, der Shoa und dem kollektiven Gedächtnis gerungen hat. Die Reihe ist Teil des landesweiten TACHELES – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026.
Das Programm: Von 1946 bis in die Gegenwart
Den Auftakt macht am 19. März im Museumskino eine Kleine Filmakademie – ein filmisch illustrierter Einführungsvortrag, der das Thema in seinen historischen und ideologischen Kontext einbettet. Anschließend läuft „Ehe im Schatten" (1946) von Kurt Maetzig – der erste deutsche Nachkriegsfilm überhaupt, der den Holocaust direkt thematisierte, und bis heute ein eindringliches Dokument der frühen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Die Vorführung erfolgt in 35mm auf den originalen Ernemann-VII-B-Projektoren des Hauses.
Die westdeutsche Perspektive beleuchten „Der Ruf" (1949) am 26. März und „David" (1979) am 9. April, beide im Museumskino. Den ostdeutschen Blick vertreten Konrad Wolfs „Sterne" (1959) am 1. April sowie Horst Seemanns „Levins Mühle" am 29. April, beide im Clubkino im Lingnerschloss. Am 7. Mai führt Volker Koepps Dokumentarfilm „Herr Zwilling und Frau Zuckermann" (1999) in die jüdische Kulturwelt im Westen der Ukraine – für viele Zuschauer eine bewegende Wiederbegegnung. Ein Abend mit aktuellen Kurzfilmen am 22. April im Clubkino ergänzt die Reihe um ganz persönliche, künstlerische Annäherungen an Erinnerung, Identität und Zugehörigkeit.
Den Abschluss bildet am 13. Mai im Clubkino Dani Levys Komödie „Alles auf Zucker!" (2004) – ein Film, der zwei völlig unterschiedliche jüdische Lebenswelten im modernen Deutschland mit Witz und Herzlichkeit aufeinanderprallen lässt und dabei Tradition und Gegenwart versöhnt, ohne die Wunden der Geschichte zu ignorieren. Dass dieser heitere Schluss angesichts eines erstarkenden Antisemitismus nur ein vorläufiger Endpunkt sein kann, macht die Programmgestaltung bewusst deutlich.