Spekulationen über Selenskyj-Wohnung in Dresden
Von Bürgerjournalisten Kurt Torsten Küllig
Unter der Überschrift „Zieht Selenskij bald nach Dresden?“ hat RT DE (Russia Today) am Donnerstag eine angebliche Recherche veröffentlicht. Tenor: Ein Vertrauter des ukrainischen Präsidenten habe 2019 über Firmenkonstrukte eine Luxusimmobilie für rund 1,5 Millionen Euro in der Glacisstraße 1 gekauft – möglicherweise als Strohmann für Präsident Wolodymyr Selenskyj und dessen Familie. Unschärfen auf Google Maps und anonyme Zeugen sollen das untermauern. Unabhängige Bestätigung für einen Umzug oder Eigentum Selenskyjs gibt es nicht.
Was sich halbwegs prüfen lässt
Handelsregister- und Firmendatenbanken führen eine Shef Line GmbH (HRB 34626, Dresden) mit Geschäftssitz Glacisstraße 4: Geschäftsführer sind unter anderem Borys und Olena Shefir. Borys Shefir gehört zum Umfeld der Produktionsfirma Kwartal 95, mit der Selenskyj vor der Präsidentschaft zusammenarbeitete. Sein Bruder Serhij war zeitweise Berater des Präsidenten. Dass ukrainische Geschäftspartner Immobilien in Deutschland halten, ist damit denkbar – und für sich genommen kein Beweis für einen Besitz oder Wohnsitz Selenskyjs.

Die Briefkästen in der Glacisstraße 4.
Was RT nicht belegt
Allerdings: Auf den Briefkästen an der Glacisstraße 4 ist die Firma Chef Line nicht sichtbar. Da gibt es Klingelschilder von Abteilungen des Freistaates Sachsen wie Landespräventionsrat oder der Verwaltung der Lehrerausbildung, aber nichts von Shef Line. Auf einem Briefkasten in der Glacisstraße 2 allerdings wird auf dem Briefkasten unter dem Oberbegriff SKS Steuerberatung auch eine Shef Line GmbH, eine Shef GmbH&Co. KG sowie eine Shef Media GmbH geführt.
RT räumt ein, es gebe „keine direkten Beweise“ für den konkreten Kauf und stützt sich auf Geldflüsse zwischen Belize-, Zypern- und Deutschland-Firmen, auf eine anonyme Quelle, die die Adresse selbst nicht kennt, und auf die Behauptung, das Haus sei auf Karten verwischt – was aus den Datenschutzgründen bei vielen Objekten vorkommt und kein Beleg für eine Präsidentenresidenz ist. Die Schlussfolgerung, die Nutzer der Wohnungen seien Selenskyj oder Angehörige, bleibt Spekulation. Das deutsche Grundbuch ist nicht frei im Netz einsehbar, bei berechtigtem Interesse aber zugänglich – etwa über Notare, Behörden oder einen Antrag beim Grundbuchamt. RT legt keine solche Einsicht vor.
RT behautet auch, es handele sich um eine Wohnung in einer bewachten Luxuswohnanlage mit Wasserblick am rechten Elbufer in der Glacisstraße 1 mit Veranden. Hier gibt es keinen Wasserblick.
Als Eigentümer der Immobilie in der Glacisstraße 1 wird die Dresdner Firma Gamma Immobilien geführt, nicht Shef Line. Sie vermarktet auch die 22 Wohnungen in zwei Häusern in Elbnähe. Auf Nachfrage am Freitagmorgen wusste die Firma noch nichts von den Behauptungen, Selenskyj hätte den Komplex gekauft.
Ähnliche Behauptungen über Luxusvillen und Auslandsbesitz Selenskyjs kursieren seit Jahren und wurden mehrfach von Faktenchecks (unter anderem dpa) als unbelegt oder falsch widerlegt – von Florida-Villen bis zu erfundenen Milliarden-Immobilienportfolios. Die Dresdner Story wurde parallel über das russische Pravda-Netzwerk verbreitet. Seriöse Lokal- oder Agenturberichte, die einen Selenskyj-Umzug nach Dresden bestätigen, liegen nicht vor.
Kurt Torsten Küllig ist Mitglied im Verein Die Bürgerjournalisten für Sachsen e.V. (i.G.)