Logo Die Sachsen News
Nachrichten / Sport

Geheimnis nach 50 Jahren gelüftet: Diese Dresdnerin hätte Olympiagold fast verbummelt

Geheimnis nach 50 Jahren gelüftet: Diese Dresdnerin hätte Olympiagold fast verbummelt
Christine Hahn war in den 1970er-Jahren die beste Einer-Ruderin der Welt. Und kann darüber viele Anekdoten erzählen. Foto: Alexander Hiller
Von: Alexander Hiller
Ruderin Christine Scheiblich holte 1976 in Montreal eine historische Medaille. Erst jetzt erzählt die 71-jährige die erstaunliche Geschichte dahinter, weshalb ihr DDR-Trikot in Cincinnati ausgestellt ist und warum eine Reise nach Kuba ihr Leben veränderte.

Ihre sportliche Sternstunde gehört vielleicht zu den ungewöhnlichsten Geschichten, die die Olympischen Spiele vor 50 Jahren in Montreal aus Sicht der DDR hervorzauberte. 

Denn Ausnahme-Ruderin Christine Hahn hätte unter ihrem Mädchennamen Scheiblich den Olympiasieg im Frauen-Einer fast verbummelt. Die damals 21-Jährige verpasste es, sich rechtzeitig bei der Wettkampfleitung anzumelden, erschien erst einige Minuten nach der geforderten Zeit von 20 Minuten vor dem Start. "Mein Trainer durfte nicht mit nach Montreal fahren, damals hat man ja auch schon gespart. Ich war nur Einer-Fahrerin und wurde der Trainerin vom Doppelvierer zugeordnet. Die hatten ja auch mit sich zu tun und ihrem Boot", erinnert sich die 71-Jährige kopfschüttelnd, aber schmunzelnd.

Soll heißen, die Einer-Weltmeisterin von 1974 und 1975 war in ihrer unmittelbaren Rennvorbereitung auf sich allein gestellt. Entgegen der Gewohnheit. Die immergleichen Abläufe waren aber mit ihrem Heimtrainer Dieter Schubert eingespielt, automatisiert.

Mehr aus dieser Kategorie

"Man fokussiert sich als Sportler ja auf den Wettkampf. Wenn man da einen eigenen Trainer hat, der sagt dir: Los raus, spätestens jetzt! Dann läuft alles", sagt sie. Diesmal war die beste Einer-Ruderin der Welt aber auf sich allein gestellt und verpasste den richtigen Zeitpunkt, um mit dem Boot aufs Wasser zu gehen. "Ich will der damaligen Trainerin aber keinen Vorwurf machen, ich war ja erwachsen." 

"Ich bin bestimmt zwei, drei Minuten später losgefahren, habe das aber erst dort gemerkt. Da ich die Meldezeit nicht eingehalten hatte, erhielt ich eine Verwarnung vom Kampfgericht." Wenn Scheiblich also einen Fehlstart produziert hätte, im Rudersport durchaus nicht ungewöhnlich, wäre sie disqualifiziert worden, während alle anderen Finalteilnehmerinnen bei einem solchen Fauxpas noch eine zweite Chance bekommen hätten.

Olympia-Shirt in Cincinnati ausgestellt

Also hielt sich die Dresdnerin anfangs zurück, dabei war der Start eine ihrer großen Stärken. "Ich verfügte über die dafür nötige Maximalkraft, in Montreal aber bin ich mit Verzögerung gestartet und musste deshalb das Feld von hinten aufrollen, das war für mich ungewohnt." Ein Jahr zuvor hatte sie die Weltmeisterschaft auf der damals nur 1000 Meter langen Strecke noch mit zwölf Sekunden Vorsprung gewonnen. 

Diesmal wurde es ganz eng. Im Duell mit der US-Amerikanerin Joan Lind hatte die DDR-Athletin mit 0,65 Sekunden Vorsprung die Bugspitze vorn. Und danach verstieß die Olympiasiegerin auch noch gegen sozialistische Prinzipien. "In Montreal war die Ansage, dass wir unsere Trikots nicht tauschen. Ich habe es aber trotzdem gemacht mit meiner amerikanischen Konkurrentin", sagt sie lachend. Joan Lind war einfach auf ihre Konkurrentin zugekommen. "Ich hätte mich das selbst nicht getraut, aber sie hat mich gefragt. Wir haben uns dann versteckt und getauscht", erzählt Christine Hahn.

Nach deren Kenntnis hat die 2015 verstorbene US-Kontrahentin das DDR-Trikot von Christine Scheiblich als Ausstellungsstück einem Museum in Cincinnati vermacht. Entsprechende Anfragen des Autors an entsprechende in Frage kommende Institutionen blieben bislang unbeantwortet. "Das Trikot von Joan Lind habe ich bei mir Zuhause. Von dem Tausch hat niemand erfahren, die Shirts waren ja unser Eigentum nach den Spielen, das mussten wir niemandem mehr vorzeigen", sagt Christine Hahn und betont: "Ich glaube, das haben hintenrum viele DDR-Athleten gemacht." 

Nur zwei weitere deutschen Frauen holen Einer-Gold

Der beinahe verpasste Start war aber nicht die einzige Hürde, die Scheiblich vor den Frauenruder-Wettbewerben der Olympischen Geschichte überwinden musste. Die Top-Favoritin hatte auf dem Hinflug nach Kanada einfach ein bisschen Glück - oder zu wenig Appetit auf etwas Süßes. 

"Der Großteil der Ruder-Nationalmannschaft hat vom Essen im Flieger einen Keim eingefangen, vermutlich Salmonellen. Nachher hat sich herausgestellt, das nur diejenigen verschont geblieben sind, die kein Dessert gegessen hatten. Ich hatte darauf verzichtet. Aber den anderen ging es ganz schön dreckig", erzählt sie.


Christine Hahn arbeitete nach ihrer sportlichen Karriere zunächst als Sportphysiotherapeutin, nach der Wende als Physiotherapeutin. Foto: privat

Da die DDR-Ruderer aufgrund der Zeitverschiebung knapp eine Woche vor ihren Wettkämpfen nach Kanada geflogen waren, wurden die meisten Betroffenen wieder topfit. Der sozialistische deutsche Staat war mit neun Goldmedaillen die mit Abstand erfolgreichste Nation der Ruderfinals von Montreal.

"Hätte mich der Keim erwischt, das hätte mich wirklich gefressen", sagt sie und begründet das mit einer Schummelei. Scheiblich hat ihr Körpergewicht, um Richtwerte zu erfüllen, immer zwei, drei Kilogramm höher angegeben, als es tatsächlich war. Eine Virusinfektion hätte ihrem Körper also mutmaßlich mehr geschadet als ihren Mannschafts-Kollegen. 

Das Ergebnis ist bekannt - und inzwischen legendär. Mit Jutta Behrendt (1988/DDR) und Katrin Rutschow-Stomporowski (2004) holten nur zwei weitere deutsche Ruderinnen Olympia-Gold im Einer. 

Für Christine Hahn war das Olympiajahr nicht nur sportlich ein erfolgreiches. Sondern sie lernte bei einem Trainingslager im damaligen Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes der DDR in Kreischa den Rodler Ulrich Hahn kennen. Der Athlet vom SC Traktor Oberwiesenthal war mit seinem ein Jahr älteren Bruder Bernd eines der international erfolgreichsten Rodel-Doppelsitzer in den 1970er-Jahren. 

Erste Liebes-Briefe aufbewahrt

Wintersportler und Sommersportlerin fanden sich anziehend. "Wir standen nach dem Trainingslager erst eine Weile in Briefkontakt, die Briefe habe ich heute noch", sagt Christine Hahn. "Anrufen war auch nicht so einfach, ich bin häufiger mit einer Handvoll Kleingeld in die Telefonzelle und habe ihn nur im Klub oder auf Trainingslagern erreichen können. Das musste man vorher genau absprechen." 

Dank ihres Montreal-Erfolgs wurde die Tochter eines Landwirtes aus Kesselsdorf wie viele andere erfolgreiche DDR-Sportler mit einer Reise auf der MS Völkerfreundschaft ausgezeichnet. Das erste offizielle Urlauberschiff der DDR schipperte die Athleten nach Kuba. Auch die Brüder Hahn gingen mit an Boot, obwohl sie bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck eine Medaille klar verpasst hatten. "Wir waren dort viel zusammen, wir hatten mehr Freizeit, haben dort zum Beispiel bis zum Umfallen Volleyball gespielt", erinnert sie die Olympiasiegerin. 


Christine und Ulrich Hahn reisen noch immer gern. Foto: privat

Zwei Jahre später heiratete das Sportlerpaar - und die Ruderin beendet mit einem Paukenschlag und gegen den Willen der DDR-Sportfunktionäre ihre Karriere. "Ich habe schon 1976 erklärt, dass ich zwei Jahren später aufhören möchte. Genau deshalb sollte ich nicht mehr mit zur Weltmeisterschaft 1978 nach Neuseeland fahren." So lautete die Ansage der Funktionäre um Sportboss Manfred Ewald. "Da habe ich gesagt: Na gut, da fahre ich eben nicht mit", sagt Christine Hahn und ahmt ihren damals vermutlich schnippischen Ton nach.

Vierter WM-Titel aus Trotz

Mitgefahren nach Neuseeland ist sie dann trotzdem: "Weil ich meine Leistung gezeigt habe und keine andere schneller war." Am anderen Ende der Welt wollten die DDR-Sportoberen die Top-Favoritin zur Fortsetzung ihrer Karriere bis 1980 zu den Spielen von Moskau überreden.

"Das war der Grund, dass ich in Neuseeland mental am Boden war. Ich habe deshalb das erste Mal in meiner Karriere den Direkteinzug ins Halbfinale verpasst, musste über den Hoffnungslauf. Das ist mir noch nie passiert. Mir ging immer durch den Kopf: Du musst hier verlieren, damit du aufhören kannst."

Der Trotz in ihr war stärker. Am Ende feierte die Ausnahme-Ruderin ihren vierten Einer-Weltmeistertitel in Folge und machte dann wirklich Schluss. "Ich konnte nicht mehr, meine Knie und Schultern schmerzten nur noch, ich war motivationslos, hatte einfach die Nase voll." 

Die gelernte Schreibmaschinen-Mechanikerin ließ sich 1978 zur Physiotherapeutin und später zur Sportphysiotherapeutin ausbilden, arbeitete als solche dann für den SC Einheit Dresden für die Abteilungen Kanu und Rudern, nach der deutschen Widervereinigung dann in einer privaten Praxis und ab 2007 als selbstständige Physiotherapeutin.  

Heute hält sich das Paar dank der beiden Kinder Katrin und Sebastian und drei Enkelsöhnen auf dem eigenen Gartengrundstück, mit Wanderausflügen, beim Fahrrad fahren und beim Pilze sammeln fit. Und denkt vielleicht manchmal noch an die letztlich romantische Schiffsreise vor 50 Jahren nach Kuba zurück. 

Alexander Hiller
Artikel von

Alexander Hiller

Alexander Hiller ist für die Inhalte selbst verantwortlich. Es gilt der Kodex der Plattform. Die Plattform prüft und behandelt Inhalte gemäß den gesetzlichen Vorgaben, insbesondere nach dem NetzDG.

Social Media

METIS