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Ein Moped bei der Trauerfeier? Wie junge Bestatter in Sachsen Abschied neu denken

Individuelle Lebensfeier mit Simson und persönlicher Trauerdekoration
Individuell gestaltete Lebensfeier mit einer Simson S 51, Blumen, Holz und persönlichen Erinnerungsstücken als Teil der Dekoration. / Bildrechte: Bestattungshaus Paul & Baar

Eine Simson S 51 im Trauerraum, mitten zwischen Blumen und Fotos. In Mittweida war das keine Panne, sondern Absicht: Es gehörte zum Menschen, von dem die Familie Abschied nahm. Für Daniel Paul und Max Baar vom Bestattungshaus Paul & Baar ist das der Kern dessen, was sie Lebensfeier nennen.

Wie möchten wir einmal Abschied nehmen? Darüber denken im Alltag vermutlich nur die wenigsten nach. Stirbt ein Angehöriger, müssen Familien aber innerhalb kurzer Zeit viele Entscheidungen treffen, auch die, wie die Trauerfeier aussehen soll.

Dabei greifen viele zunächst auf das zurück, was sie kennen: Trauerhalle, Trauerrede, Musik und anschließend die Beisetzung. Diese Rituale können Halt geben und sind für viele Menschen weiterhin der passende Weg.

Doch die Wünsche werden vielfältiger. Auch in Sachsen ist dieser Wandel angekommen. Wir berichteten bereits über die geplante Novellierung des sächsischen Bestattungsgesetzes und die zunehmende Bedeutung individueller und naturnaher Bestattungsformen.

Auch abseits der eigentlichen Beisetzungsform stellt sich deshalb zunehmend eine andere Frage: Muss der Abschied selbst immer nach einem traditionellen Muster ablaufen?

Wenn das Leben stärker in den Mittelpunkt rückt

 

Das Team von Bestattungshaus Paul & Baar mit Hund Rio als Seelentröster. / Bildrechte: Bestattungshaus Paul & Baar 

Gemeinsam führen Paul & Baar ihr Bestattungshaus mit zwei Standorten in Chemnitz (Rabenstein und Kaßberg) sowie jeweils einem in Mittweida, Lichtenstein und Frankenberg. Ihr Ansatz: Ein Abschied soll zeigen, wer der Mensch war, um den es geht. Dabei geht es keineswegs darum, Trauer auszublenden oder einen traurigen Anlass künstlich positiv darzustellen. 

Dafür verwenden sie bewusst den Begriff Lebensfeier.

Was hat die Person ausgezeichnet? Was hat sie geliebt? Welche Musik gehörte zum Leben? Welche Geschichten verbinden Familie und Freunde mit ihr?

Aus den Antworten auf solche Fragen kann eine sehr persönliche Abschiedsfeier entstehen.

Ein Moped als Teil des Abschieds

 Wie unterschiedlich eine Lebensfeier aussehen kann, zeigt ein Beispiel aus Mittweida.

Dort gestalten Paul & Baar Lebensfeiern in der Torfgrube 4, einem ehemaligen Industriegebäude in Mittweida. Fotos und Videos können über einen Beamer gezeigt werden, Dekoration und persönliche Gegenstände werden auf den verstorbenen Menschen abgestimmt.

Bei einer Lebensfeier wurde sogar eine Simson S 51 Bestandteil der Trauerdekoration. Sie stand dort nicht als ungewöhnlicher Blickfang, sondern weil es zum Leben und zur Persönlichkeit des Verstorbenen gehörte.  

Genau darin liegt die Idee hinter dem Konzept: Nicht eine standardisierte Dekoration soll bestimmen, wie Abschied genommen wird. Stattdessen können Gegenstände, Bilder, Blumen oder Musik etwas über den Menschen erzählen, um den es an diesem Tag tatsächlich geht.

Das kann das Moped sein. Bei einem anderen Menschen sind es vielleicht Wanderschuhe, ein Musikinstrument, Fotos einer großen Reise oder Blumen aus dem eigenen Garten.

Muss eine Abschiedsfeier in einer Trauerhalle stattfinden?

Auch beim Ort lösen sich die Bestatter aus Chemnitz von gewohnten Vorstellungen.

 

Das Oberdeck Chemnitz bei Nacht / Bildrechte: Fritz Tuffner, Oberdeck Chemnitz

Neben klassischen Räumlichkeiten nutzen sie beispielsweise das Oberdeck in Chemnitz. Die modernen, lichtdurchfluteten Räume über den Dächern der Stadt ermöglichen eine andere Atmosphäre und bieten ebenfalls Präsentationstechnik für Fotos und Videos. 

Eine Lebensfeier kann Trauerrede und Musik enthalten, aber ebenso persönliche Erzählungen, Fotos, Videos oder ein anschließendes gemeinsames Essen. Traditionelle Elemente müssen dabei keineswegs verschwinden. Vielmehr lassen sie sich mit persönlichen Erinnerungen verbinden.

Das Konzept steht deshalb nicht zwangsläufig im Gegensatz zur klassischen Trauerfeier. Es erweitert vielmehr die Möglichkeiten, die Angehörige bei der Gestaltung eines Abschieds haben.

Bestattungskultur befindet sich im Wandel

Die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas beschäftigt sich seit Jahren mit der Weiterentwicklung der deutschen Bestattungskultur und setzt sich unter anderem dafür ein, die Vorstellungen Verstorbener und Hinterbliebener stärker zu berücksichtigen.  

Auch Zahlen zur religiösen Begleitung von Bestattungen zeigen, wie deutlich sich traditionelle Strukturen verändern. Nach einer Auswertung von Aeternitas wurden 2024 noch 43,3 Prozent der Verstorbenen in Deutschland kirchlich bestattet. Im Jahr 2000 waren es 71,5 Prozent. Grundlage der Auswertung sind Statistiken der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz.  

Weniger kirchliche Bestattungen bedeuten selbstverständlich nicht automatisch mehr Lebensfeiern. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass sich die Rahmenbedingungen verändern und weltliche sowie individuell gestaltete Abschiede heute eine größere Rolle spielen.

In einem Beitrag über alternative Bestattungsformen berichten wir, dass individuelle Wünsche von Angehörigen zunehmen und Trauerfeiern inzwischen stärker losgelöst von traditionellen, häufig kirchlich geprägten Ritualen gestaltet werden.  

Junge Bestatter mit einem anderen Selbstverständnis

Für Daniel Paul und Max Baar betrifft dieser Wandel nicht nur die Gestaltung einer Trauerfeier, sondern auch ihr eigenes Berufsverständnis.

Auf ihrer Website beschreiben sie sich bewusst als junge und moderne Trauerbegleiter. Naturmaterialien, persönliche Erinnerungsstücke und individuelle Themen spielen bei ihren Abschieden eine wichtige Rolle.  

Damit verändert sich auch die Rolle des Bestatters.

Natürlich bleiben die klassischen Aufgaben bestehen: Verstorbene müssen überführt und versorgt, Dokumente organisiert und Beisetzungen koordiniert werden. Doch darüber hinaus wird der Bestatter zum Begleiter einer Familie, der gemeinsam mit ihr überlegt, wie ein Abschied tatsächlich zu dem verstorbenen Menschen passen kann.

Das erfordert vor allem eines: zuhören.

Denn eine Lebensfeier lässt sich kaum aus einem festen Katalog zusammenstellen. Erst die Erinnerungen der Angehörigen liefern die Details, aus denen eine persönliche Zeremonie entstehen kann.

Und darf bei einer Bestattung auch gelacht werden?

Für Paul & Baar lautet die Antwort: Ja. Denn wer gemeinsam an einen verstorbenen Menschen zurückdenkt, erinnert sich schließlich nicht ausschließlich an traurige Momente. Familien erzählen von gemeinsamen Reisen, kleinen Eigenheiten, besonderen Erlebnissen oder typischen Sprüchen. Manches davon bringt Menschen selbst während einer Beerdigung zum Lächeln.

Auch dafür kann eine Lebensfeier Raum schaffen. Der Tod bleibt der Grund, warum Familie und Freunde zusammenkommen. Doch er muss nicht das Einzige sein, worüber an diesem Tag gesprochen wird.

Ein Abschied so individuell wie das Leben davor

Ob klassische Trauerfeier, kirchliche Zeremonie oder moderne Lebensfeier, bleibt letztlich eine sehr persönliche Entscheidung. Keine Form passt zu jedem Menschen und zu jeder Familie.

Wie ein Abschied letztlich aussehen soll, muss niemand allein entscheiden. Bei Daniel Paul und Max Baar vom Bestattungshaus Paul & Baar beginnt jede Lebensfeier mit einem Gespräch. Die Familie erzählt dabei, wer der Verstorbene war, was er gern gehört, getan und gesammelt hat. Erst daraus ergibt sich, was zur Feier passt. Bei dem einen ist es die Lieblingsmusik, beim anderen eine Fotoshow. Und manchmal eben ein Moped.