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Ein Koffer aus Coswig, ein Brunnen bei Nairobi

Ein Koffer aus Coswig, ein Brunnen bei Nairobi
Beim zweiten Besuch: die neue Waschmaschine ist da. Zudem konnten weitere Mietrückstände beglichen werden. Ein dritter Besuch ist für Weihnachten geplant. Foto: Christin Teucher
From: Meißen News
Christin Teucher aus Weinböhla wollte in Kenia nur Kindersachen und Lebensmittel abgeben. Dann traf sie Serah Nzula – und aus einer Begegnung wurde ein gemeinsames Projekt, das bis in den Landkreis Meißen zurückreicht.

Christin Teucher sagt von sich selbst, sie habe „deutlich mehr Hummeln im Hintern, als manchmal gut“ für sie sei. Zehn Minuten am Strand? Herrlich. Fünfzehn gehen noch. Dann müssen die Hummeln wieder los. Die Krankenschwester aus Weinböhla arbeitet in einer Kinderarztpraxis in Coswig, ist Ehefrau, Mutter zweier erwachsener Söhne, die derzeit in Australien leben. Sie taucht gern – aber nur in warmem Wasser. Und sie reist. Nicht, um die Welt zu retten. Sondern um hinzuschauen.

Im Sommer 2026 flog sie mit ihrem Vater nach Kenia. Im Gepäck: ein Koffer voll gebrauchter Kindersachen, Buntstifte, Gummibärchen. Die Sachen stammen aus einem schlichten „Koffer“ in der Praxis: Wer etwas nicht mehr braucht, legt es hinein. Wer etwas braucht, nimmt etwas heraus. Cristin Teucher sammelt, was gut erhalten ist, und nimmt es mit, wenn auf Reisen Platz ist – oft, weil der Vater im Koffer noch Luft lässt.

Vor dem Besuch bei Serah Nzula im Children Home bei Nairobi stoppten sie im Supermarkt. Drei große Körbe: Reis, Bohnen, Mehl, Öl, Brot, Windeln, Babynahrung, Hygieneartikel. Dann kamen sie an. Mehr als fünfzig Kinder aus armseligen Verhältnissen. Eine kaputte Waschmaschine. Daneben ein Berg Wäsche.

Teuchers Vater bot 500 Euro für eine neue Maschine. Serah schob das Geld zurück. Die Waschmaschine sei ihr geringstes Problem. Seit drei Monaten stehe die Miete aus. Ihr Mann habe im Sudan gearbeitet und Geld für Miete, Essen und Schulgeld geschickt. Dann kam der Krieg. Keine Arbeit mehr, keine Rückkehr. Wohin mit all den Kindern, wenn der Vermieter nicht mehr wartet? Also wurden die 500 Euro zur Bezahlung der Mietrückstände verwendet. Anderthalb Monate. 


Christin Teucher mit ihrem Vater Matthias (69), Serah und dem kleinen Martin.

Was aus einem Status wurde

Teucher teilt ihre Reisetage in WhatsApp- und Instagram-Status. Freunde und Kollegen aus dem Landkreis und darüber hinaus reisen so mit. Am nächsten Tag, sie war unterwegs in einen Nationalpark, prasselten Nachrichten: Die Frau könne doch nicht für so viele Kinder von Hand waschen. Was könne man tun?

Innerhalb kurzer Zeit kamen über PayPal weitere 2.373 Euro zusammen. Mit Lebensmitteln und Miete waren es insgesamt 3.140 Euro. Auf dem Rückweg kauften sie gemeinsam eine Waschmaschine. Die älteren Mädchen freuten sich besonders. Serah kochte. Und erzählte von einem Traum:  Landwirtschaft, Tomaten, Arbeit für die älteren Kinder – Einkommen statt Dauerhilfe. Dafür brauche es Wasser. Einen Brunnen.

Zurück in Weinböhla ließ der Gedanke Teucher nicht los. Aus der Begegnung wurde ein Crowdfunding auf GoodCrowd: „44 Kinder 1 Brunnen – schaffen wir das?“ Inzwischen leben nach Teuchers Angaben 58 Kinder bei Serah. Das Ziel: Bohrloch, Solarpumpe, Tank, Verteilung. Die voraussichtlichen Kosten liegen je nach Bohrtiefe zwischen rund 16.700 und 26.700 Euro; die laufende Sammlung steht bei gut 1.260 von 13.000 Euro als erste Stufe. Am 7. September überwies Teucher Serah 120.000 kenianische Schilling – etwa 807 Euro – für Phase eins: hydrogeologische Untersuchung, Umweltprüfung, Genehmigungen. Die können sechs Wochen oder länger dauern. Ohne sie gibt es keinen Brunnen.

In Coswig hängt inzwischen ein Schild des Werbestudios Mieth. Aufmerksamkeit, sagt Teucher, sei alles.

Serahs Kapitel

Serah Nzula leitet das „Serah’s Vision Children’s Home“. Ihre Geschichte, die sie selbst aufgeschrieben hat, beginnt in den Slums – sie nennt den Ort Kosovo. Armut, Gewalt. Eine Gruppe namens Mungiki schnitt ihr in den Finger. Der schwerste Verlust: Sohn Caleb. Geld fürs Krankenhaus fehlte. Er starb. „Ein Kind zu verlieren, ist ein Schmerz, den Worte niemals vollständig beschreiben können“, schreibt sie.

Aus dem Schmerz, so beschreibt sie es, sei Mitgefühl geworden – und die Berufung, Kindern zu dienen, die Ablehnung, Hunger oder Angst kennen. Das Heim sei mehr als ein Gebäude: Hoffnung, Schutz, die Chance zu träumen. Am Ende ihrer Zeilen dankt sie „Schwester Christin und Papa Martius“.

Zwei Frauen, eine Linie

Christin Teucher betont: Sie sei nicht nach Kenia gereist, um ein Hilfsprojekt zu starten. Sie sei neugierig gewesen. Dann kam die Begegnung. Was sie an Serah beeindruckt, sei nicht nur die Biografie. Es sei, dass jemand aus wenig etwas aufbaue, das größer sei als sie selbst – für Kinder.

Die Geschichte, die sie erzählen will, ist deshalb keine reine Spendenkampagne. Es ist die Geschichte, wie aus einem Praxis-Koffer in Coswig, aus Statusmeldungen unterwegs und aus der Wärme eines Freundeskreises im Landkreis Meißen etwas Gemeinsames entstand – mit einer Frau in Nairobi, die 58 Kinder behütet und einem Brunnen nachjagt, der mehr sein soll als Wasser: der Anfang von Eigenständigkeit. 

Ob die Summe am Ende reicht, weiß Christin Teucher nicht. Versuchen will sie es. Auf Instagram heißt sie tini.on.tour. Die Hummeln, scheint’s, haben eine Richtung gefunden. (um)