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Auf den zweiten Blick – Die Parkengel von Diesbar-Seußlitz

Foto: Blick auf eine gepflegte, winterliche Parkanlage mit Wiesen und Büschen, im Vordergrund eine Steinstatue, im Hintergrund ein bewaldeter Hügel
Von der Terrasse des Schlosses bietet sich dem Besucher ein schöner Blick auf den barocken Garten und den Schlosspark. Foto: Karin Scholz-Rewig
Von: Bürgerjournalismus in Sachsen
Es ist ein Sonntagmorgen Ende März. Der Park wird von der Morgensonne beschienen und lädt zum Spazierengehen und Verweilen ein. Doch das war nicht immer so.

Ein Bericht von Karin Scholz-Rewig

Im Jahr 2017 machte der Park des Schlosses Diesbar-Seußlitz für viele, die ihn besuchten, einen ziemlich verwahrlosten Eindruck. Ingrid Zeidler, die das kleine Schlosscafé betrieb, und die Mitarbeiter des benachbarten „Hauses des Gastes“ mussten sich immer häufiger Vorwürfe von Parkbesuchern anhören. Sie warfen ihnen mangelnde Fürsorge vor, obwohl sie nicht schuld daran waren, dass die Pflege des Parks nicht mehr gesichert war. Das wollte sich Ingrid Zeidler nicht länger anhören. „Ich dachte,“ sagt sie heute, „es kann doch auch jemand anderes Kaffee kochen. Der Park ist mir einfach wichtiger.“ Und da sie außerdem den Park, dessen Geschichte und dessen Magie liebt, entschied sie sich gegen das Café und für den Park.

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Die Geburtsstunde der Parkengel

Entschlossen begab sie sich auf die Suche nach Helfern, die den Park mit ihr gemeinsam aus seinem Dornröschenschlaf erwecken wollten. Die Geburtsstunde der „Parkengel“ war gekommen, als sie acht Gleichgesinnte gefunden und die Schlosseigentümer zugestimmt hatten. Ein Parkengel der ersten Stunde ist Siegfried Kammerer. Er kannte Ingrid Zeidler vom Kulturkreis, der sich regelmäßig im kleinen Schlosscafé traf. Wie sie liebte er den Park und seine Geschichte. Und er erzählt: „Ich wollte als Kind eigentlich Gärtner werden und in den 1970er Jahren hatte ich engen Kontakt mit dem damaligen Schlossgärtner.“ Es bedurfte also keiner langen Überredung und Siegfried Kammerer half begeistert bei der Pflege des Parks mit. Heute, mit über 80 Jahren beteiligt er sich nicht mehr aktiv, steht aber den Parkengeln mit seinem reichen Erfahrungsschatz zur Verfügung und genießt die Zeit im Park, den er seit seiner Kindheit liebt.

Foto: eine ältere Frau betrachtet eine Skulptur eines stilisierten Engels aus Metall, in einer Parklandschaft

Von der Café-Betreiberin zum „Parkengel“: Ingrid Zeidler erlebt die Magie des Seußlitzer Schlossparks immer wieder neu.
Foto: Karin Scholz-Rewig

Sinnvolle Tätigkeit in Gemeinschaft

Seit neun Jahren kümmern sich die Parkengel nun um den Park, Ingrid Zeidler liebt noch immer den Park und seine Magie, ihr Enthusiasmus scheint anzustecken. Und so gehören inzwischen 22 Männer und Frauen zu den „Parkengeln“. Sie kommen aus Seußlitz und Umgebung, haben die unterschiedlichsten Berufe, sind berufstätig oder im Ruhestand, interessieren sich aus verschiedenen Gründen für das Schloss und seinen Park. Evelin Schirrmeister zum Beispielberichtet: „Ich war viele Jahre Wirtschaftsleiterin im Seniorenheim, das sich früher im Schloss befand. Außerdem wohnte ich bis 2012 in einem Nebengebäude, deshalb habe ich eine enge Beziehung zum Schloss.“ Dies und ihre Freude an Blumen sowie an sinnvoller Tätigkeit in einer Gemeinschaft ließen sie deshalb nicht lange zögern, sich den Parkengeln anzuschließen.
„Im Park zu sein ist wie ein kleiner Urlaub.“
Alberto Neubert, ein Parkengel
Elke Kurze, eine Lehrerin im Ruhestand aus Meißen, entdeckte den Schlosspark und seine Engel während einer Fahrradtour und hat nun Freude daran, ein Parkengel zu sein.

Auch Alberto Neubert entdeckte den Park auf einer Fahrradtour. „Ich habe mich sofort wohlgefühlt,“ sagt er. „Im Park zu sein ist wie ein kleiner Urlaub.“

Fester Termin am Montag

Was sie alle eint, ist die Liebe zur Heimat und die Freude daran, etwas Sinnvolles in der Gemeinschaft für die Gemeinschaft zu tun und etwas Erhaltenswertes unbedingt zu erhalten. Deshalb treffen sie sich immer montags zwischen 14 und 17 Uhr im Schlosspark, wobei der Termin die einzige feste Regel ist.

Ansonsten kann jeder das tun, was er am besten kann oder am meisten liebt: graben, harken, pflanzen, reparieren, Rasen mähen, Bäume verschneiden. Und nach getaner Arbeit gibt es Kaffee und Kuchen, denn die Gemeinschaft ist den Parkengeln auch sehr wichtig.

Dank der Parkengel, die in ihrer Arbeit von der Gemeinde und den Schlossbesitzern unterstützt werden, können die Besucher inzwischen einen schönen Park genießen. Familie Schumann aus Meißen erzählt: “Wir gehen oft und gern im Park spazieren und sind froh, dass der Park jetzt so gut gepflegt ist, denn das war nicht immer so.“

Foto: Blick über Park und Wiese auf eine Kirche, im Vordergrund eine Steinstatue

Blick von der Heinrichsburg: Die Monatsskulpturen der Heinrichsburg schauen von oben auf die Arbeit der Parkengel.
Foto: Karin Scholz-Rewig


Neben der Pflege tragen die Parkengel noch mit vielen anderen Ideen und Aktivitäten zur Belebung des Parks bei. An Schautafeln, die von Ingrid Zeidler entworfen worden sind, können sich Besucher über die Geschichte des Schlosses und seiner Besitzer informieren. Andreas Kernbach war viele Jahre Mitarbeiter der Geschäftsleitung. Nun ist er im Ruhestand, kann seiner Kreativität freien Lauf lassen und hat eine Engelskulptur, die anlässlich des Tages des offenen Denkmals eingeweiht worden ist, erschaffen. Er war es auch, der die Reparatur des Traubenhauses, in dem uralte Rebsorten gedeihen, initiiert hat.

Gartensaal mit freiem Eintritt

Zurzeit können die Besucher in einer Ausstellung mit dem Titel „Auf den zweiten Blick“ Fotos von Alberto Neubert und Bilder von Christian Margende betrachten. Sie befindet sich im Gartensaal des Schlosses und ist bei freiem Eintritt montags (14–17 Uhr) und sonntags (14–16 Uhr) geöffnet. Vielleicht kommen die Besucher bei dieser Gelegenheit mit den Parkengeln ins Gespräch? Die Engel haben viel über ihre unentgeltliche, freiwillige Tätigkeit im Park zu erzählen oder über ihre Pläne, zum Beispiel das Anlegen eines neuen Rosenbeetes, das Andreas Kernbach mit den Geldgeschenken, die er zu seinem 70. Geburtstag erhalten hat, finanziert.

Der beste Dank an die Parkengel ist wohl ein lobendes Wort oder eine kleine Spende, damit die Arbeit im Park weitergehen kann.

Info:
Schlosspark Seußlitz, An der Weinstraße 9, 01612 Nünchritz, Ortsteil Diesbar-Seußlitz
Ganzjährig frei zugänglich. Treff der Parkengel montags 14 bis 17 Uhr.


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Bürger machen Journalismus" entstanden.
Mehr Informationen zum Projekt - und wie auch Sie teilnehmen können - finden Sie unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de

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