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Dynamo für alle! Wie barrierefrei ist das Rudolf-Harbig-Stadion wirklich?

Dynamo für alle! Wie barrierefrei ist das Rudolf-Harbig-Stadion wirklich?
Tyll betreibt das Projekt „BehindertNichtDenFußball“ und besucht Stadien der 1. und 2. Bundesliga im Rollstuhl – auch das Rudolf-Harbig-Stadion von Dynamo Dresden hat er getestet. (Bild: Tyll Reinisch)
Von: 1953 Update

Barrierefreiheit bei Dynamo: Rollstuhlfahrer prüft das Rudolf-Harbig-Stadion

Das Rudolf-Harbig-Stadion gilt an Spieltagen von Dynamo Dresden als echter Hexenkessel. Tausende Fans sorgen Woche für Woche für eine beeindruckende Atmosphäre im schwarz-gelben Wohnzimmer. Doch das Stadion soll nicht nur laut sein – sondern auch für alle zugänglich. Gerade für Menschen mit Behinderung gibt es deshalb verschiedene Angebote, die den Stadionbesuch möglich machen.

Blindenradio bringt Dynamo ins Ohr

Wer ein Spiel nicht sehen kann, soll es trotzdem erleben können. Genau dafür gibt es bei Dynamo das Blindenradio.

Die Kommentatoren André Escher, Thomas Großmann und Sylvio Rost schildern die Spiele besonders emotional und detailreich – so, dass sehbehinderte Fans jede Szene nachvollziehen können.

Bereits in der Saison 2013/14 war Dynamo hier Vorreiter: Als erster Verein in Deutschland ermöglichte der Klub sehbehinderten Fans, das Spiel im Stadion über UKW zu verfolgen.

Seit der Saison 2018/19 ist das Blindenradio über die Frequenz 94,6 MHz im gesamten Stadion empfangbar.

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2023 kam noch eine weitere Neuerung dazu: Die beliebten Kommentatoren sind seitdem erstmals auch außerhalb des Stadions per YouTube-Livestream zu hören.

Stadionbesuch im Rollstuhl – ein Projekt testet die Realität

Auch für Rollstuhlfahrer gibt es im Rudolf-Harbig-Stadion eigene Plätze. Einer, der solche Stadionbesuche genau unter die Lupe nimmt, ist Tyll.

Der Fußballfan und Rollstuhlfahrer betreibt das Projekt „BehindertNichtDenFußball“. Sein Ziel: Alle 36 Stadien der 1. und 2. Bundesliga innerhalb von 24 Monaten besuchen und dabei Barrierefreiheit, Ticketing und das gesamte Stadionerlebnis dokumentieren.

Die Rollstuhlplätze im Rudolf-Harbig-Stadion liegen auf Umlaufhöhe der Tribüne. Von hier aus haben Fans im Rollstuhl eine gute Sicht auf das Spielfeld.

Im Fokus stehen dabei Fragen wie:

 • Wie barrierefrei ist der Zugang?

 • Wie funktioniert das Ticketing?

 • Wie gut ist die Sicht im Rollstuhlbereich?

Laut Vereinsangaben gibt es im Rudolf-Harbig-Stadion aktuell 56 Rollstuhlplätze plus drei Zusatzplätze. Damit liegt Dynamo unter der Empfehlung der Deutschen Fußball Liga (DFL), die bei Stadien mit bis zu 50.000 Zuschauern 75 Plätze vorsieht. Das Dresdner Stadion fasst derzeit 32.066 Zuschauer.

Besuch beim Heimspiel gegen Braunschweig

Am 16. Spieltag war Tyll beim Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig im Rudolf-Harbig-Stadion zu Gast und dokumentierte seinen Stadionbesuch.

In seinem Bericht hebt er hervor, dass es beim Verein eine gute Anlaufstelle für Fans mit Behinderung gibt. Auf der Dynamo-Website finden sich Ansprechpartner, Kontaktdaten sowie Fotos der Rollstuhlplätze.

Außerdem unterstützt ein ehrenamtliches „Rolli-Team“ die Fans vor Ort. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem:

 • Begleitung von Heimspielen
 • Ausgabe von Parkkarten für Fans mit Behinderung
 • Betreuung von Rollstuhlfahrern
 • Ansprechpartner an der Rollirampe und auf der Rolli-Terrasse
 • Hilfe bei konkreten Problemen während des Spiels

1953Update fragt nach

Wir von 1953Update haben bei Tyll nachgefragt und ihm einige Fragen zu seinem Stadionbesuch gestellt.

1953Update: Wie barrierefrei ist der Weg zum Einlass und wie klappt die Ticketkontrolle für dich?

Tyll:„Der Weg zum Einlass hat soweit gut funktioniert. Zwar hatte ich etwas Probleme, mich vor Ort zu orientieren (hier wären Übersichtspläne durchaus hilfreich gewesen) und musste dann noch eine Rampe rauf, jedoch war der dortige Eingang nicht so überfüllt wie andernorts und dadurch gut nutzbar. Dass man die Rollitickets als nicht registrierter Fan hier abholen muss und die Hinterlegung in meinem Fall auch nur mäßig geklappt hat, macht das Stadionerlebnis natürlich etwas umständlicher. Da wir am Kunstrasenplatz vorbei müssen, war der Einlass inklusive Sicherheitscheck stressfrei.“

1953Update: Du hast dir das Spiel im Rudolf-Harbig-Stadion angeschaut. Wie bewertest du die Plätze für Rollstuhlfahrer? Ist die Sicht gut, auch wenn die Leute vor dir bei einem Tor aufspringen?

Tyll:„Die Plätze an sich finde ich im Verhältnis zum Alter des Stadions gut. Man ist dicht am Spielfeld, überdacht und ausreichend hoch, sodass man auch eine gute Sicht hat, wenn die Fans davor aufspringen oder stehen bleiben. Lediglich die etwas hohe Metallstange ist manchmal im Blick. Schade ist, dass man nicht zusammen mit seiner Begleitperson sitzen kann und dass diese entweder stehen oder im Block dahinter sitzen muss. Ein gemeinsames Fußballerlebnis mit Freunden oder Familie kommt dabei natürlich nur schwer auf. Alles auf Umlaufhöhe ist ebenerdig und zu Toiletten oder Kiosken gelangt man zügig. Das erleichtert die Orientierung auch ohne Begleitung sehr. Natürlich gibt es Stadien mit mehr Platz oder mehr Komfort, im Rahmen des Machbaren war ich aber positiv überrascht.“


Blick vom Rollstuhlplatz im Rudolf-Harbig-Stadion auf das Spielfeld. Eine Metallstange kann laut Stadiontester Tyll teilweise ins Sichtfeld ragen.

1953Update: Ein kritisches Thema sind oft die Kioske und Sanitäranlagen. Wie leicht konntest du dich im Stadion versorgen und wie ist der Zustand der barrierefreien WCs?

Tyll:„Ich konnte mich auch wegen der Nähe hier gut versorgen. Die Toiletten sind nicht üppig und in moderneren Stadien sind diese sicherlich breiter und dadurch für mehr Personengruppen nutzbar. Ich hatte aber sowohl im Vorfeld als auch einmal während des Spiels hier nichts auszusetzen. Für meine Anforderungen war die kleine Toilette hinter dem Block mit dem Euroschlüssel gut nutzbar. Wie gesagt, manches würde man heute anders bauen, aber nutzbar sind sie allemal.“

1953Update: Du hast schon viele Stadien gesehen. Wo ordnet sich Dresden im Vergleich zur Konkurrenz ein – vielleicht auch im Vergleich zu anderen Ost-Clubs?

Tyll:„Leider habe ich den Osten bisher etwas vernachlässigt, vor allem auch, weil mein Projekt ja in der ersten und zweiten Liga stattfindet und dort in den letzten Jahren nicht allzu viele Clubs aus dem Osten mitgespielt haben. Alles in allem habe ich mich hier wohlgefühlt und gespürt, dass der Verein das Thema auf dem Schirm hat, auch wenn es nicht in allen Ebenen konsequent zu Ende gebracht ist – vor allem bei der Ticketbuchung. Das ehrenamtliche Team ist aber präsent und fängt gut auf, was auf anderer Ebene womöglich versäumt wurde.“

1953Update: Wenn du Dynamo Dresden einen konkreten Wunsch für die Barrierefreiheit mitgeben könntest – welcher wäre das?

Tyll:„Schaut vor allem nochmal auf die Infos: Stimmen Preise, Bedingungen, ist alles abgebildet, was ich vorher wissen muss oder was vielleicht auch schon vor Ort geleistet wird? Außerdem wäre es sehr hilfreich, wenn die Ticketbuchung transparenter und gleichberechtigter würde, sodass man nicht darauf hoffen muss, dass die Hinterlegung klappt und stets weiß, zu welchem Spiel es noch Tickets gibt.“

Fazit

Tylls Besuch zeigt: Das Rudolf-Harbig-Stadion macht bereits vieles richtig, wenn es um Barrierefreiheit im Fußball geht. Gleichzeitig gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten – etwa bei der Ticketbuchung oder der Anzahl der Rollstuhlplätze.

Doch eines wurde bei seinem Besuch deutlich: Engagierte Ehrenamtliche und Fans sorgen dafür, dass Fußball auch für Menschen mit Behinderung erlebbar bleibt. (PS)

1953 Update
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