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Weihnachtsland

21.12.2018 von

Foto: Elisa Matthey
von Maximilian Rohloff und Elisa Matthey

Die Dunkelheit wird ein wenig aufgehellt durch den Schnee, der auf den Bäumen und in den Gärten liegt. Dicke Schneeflocken fallen vom Himmel, angestrahlt von unzähligen warmen Lichtern, die in den Fenstern und in den Vorgärten funkeln. Die Ortschaft zieht hinter der Autoscheibe vorüber, doch ein Licht ist genauso schnell. Es ist der Scheinwerfer einer Lokomotive, die durch das Schneetreiben dampft. Ein paar Sekunden ist sie zu sehen, dann trennen sich unsere Wege und sie verschwindet hinter den Bäumen in die bergige Landschaft. Übrig bleiben weiße Dampfschwaden und ein Moment, an den ich mich immer erinnern werde. Er ist für mich der Inbegriff der erzgebirgischen Weihnacht geworden. Für genau solche Momente kommen jährlich Besucher aus aller Welt zur Adventszeit in das Erzgebirge mit seiner wunderschönen Landschaft, seinen Bräuchen und Traditionen. Doch um zu verstehen, wie die erzgebirgische Weihnachtstradition entstanden ist, ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig. 

Das Erzgebirge war durch seine Erz-, Silber- und Zinnvorkommen schon seit dem 12. Jahrhundert die Heimat von Bergmännern. Der „Dunkle Wald“, ein breiter Baumgürtel, der sich über das ganze Gebirge zog, wurde zu Teilen gerodet, um den Schächten und Zechen Platz zu machen. Immer mehr Siedler und Bergmänner zogen in die Region, wollten auch an den Naturschätzen verdienen. Als die Vorkommen erschöpft waren und der Bergbau durch Importprodukte zunehmend teurer wurde, brach für die Bergleute ab dem 17. Jahrhundert eine schwere Zeit an, in der sie sich nach neuer Arbeit umsahen. Sehr viele der Bergleute widmeten sich von nun an Handwerkskunst wie dem Schnitzen und dem Drechseln.

So ist es nicht verwunderlich, dass der traditionelle Handwerksschmuck, der auch heute noch hergestellt wird, eine Verbindung zum Bergbau hat. Die ersten Pyramiden bestanden aus Holzgestellen, die mit grünen Zweigen umwickelt und mit Kerzen versehen wurden. Die Erzgebirger erinnerte die erste Version mitunter an einen Göpel, eine durch Pferde oder Wasser betriebene Förderanlage. Sie entwickelten sie weiter und füllten das Innere mit Holzfiguren. Der Begriff Pyramide wurde dann erstmals 1716 in der Schneeberger Stadt- und Bergchronik verwendet.

“Für mich müssen Pyramiden und allgemein erzgebirgische Volkskunst definitiv aus Holz sein und die Kerzen aus Wachs. Ich mag auch keine Lichterketten mit so kleinen Lichtern wie in Amerika. Schön sind die originalen Sterne aus Hartenstein oder Herrnhut, auch für draußen”, sagte Rosa Gläser aus Aue im Erzgebirge. “Typisch Erzgebirgisch ist für mich außerdem, dass die Fenster mit Schwibbögen geschmückt sind.”


Auch Schwibbögen entstanden durch die Bergleute. Für die Bergleute spielte Licht eine große Rolle, da sie besonders in der Winterzeit kaum Tageslicht zu sehen bekamen, wenn sie von früh bis spät im Schacht arbeiteten. Ihre Frauen sollen seit 1740 den Männern im Winter mit sogenannten Schwebebögen aus Blech im Fenster den Weg geleuchtet haben. Woher die typische halbrunde Form kommt, ist nicht ganz klar, aber es gibt verschiedene Theorien. Zum Beispiel die, dass die Bergmänner ihre Grubenlampen zur letzten Schicht vor Heiligabend an den Eingang der Schächte hängten, damit sie den Weg wieder hinaus fanden. Die Lampen hingen halbkreisförmig, da die Gänge oft in dieser Form angelegt waren. Meist war und ist das Innere der Schwibbögen mit typischen Berufsbildern versehen.Doch die erzgebirgische Handwerkskunst bietet natürlich noch viel mehr: Nussknacker, das Räuchermännchen, den traditionell geschmückten Christbaum, Klöppelarbeiten, Lichterengel und den Weihnachtsstern.


“Wusstet ihr, dass ein erzgebirgischer Brauch auch ist, dass man zur Weihnachtszeit für jedes Kind einen Engel und / oder Bergmann ins Fenster gestellt hat? Da konnten die Vorbeigehenden gleich sehen, wie viel Kinder in diesem Haus sind.“ (Rosa Gläser)


Durch die erzgebirgischen Volkskunst leuchtet und duftet es in der Adventszeit in fast jedem Haus. Aus den vielen einzelnen Lichtern in den Häusern und Gärten entsteht ein Lichtermeer, das man in seiner vollen Schönheit sieht, wenn man von einem der vielen Berge ins Tal schaut. Und auch auf Sachsens Weihnachtsmärkten findet man den Einfluss der erzgebirgischen Weihnachtstradition. So zum Beispiel auf einem der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands - dem Dresdner Striezelmarkt. Gleich das Tor zum Striezelmarkt bildet der größte begehbare erzgebirgische Schwibbogen der Welt, das unverkennbare Wahrzeichen des Dresdner Traditionsmarktes. Mit seinen geschnitzten Holzfiguren erzählt der Schwibbogen vom Alltag der Bergleute aus dem Erzgebirge und stimmt einen mit seinen teils weihnachtlichen Motiven und der festlichen Beleuchtung gut auf die Weihnachts- und Adventszeit ein. Auch auf dem Markt ist die erzgebirgische Weihnachtskunst kaum zu übersehen. Weit über alle anderen Stände hinaus ragt hier, aus der Mitte des Platzes, die weltgrößte erzgebirgische Stufenpyramide. Diese schaffte es 1999 sogar ins Guinness-Buch der Rekorde. 


Zum jährlichen Dresdner Pyramidenfest können die Besucher zudem jede Menge Wissenswertes über die Tradition der Kunsthandwerker und Spielzeughersteller erfahren und sich an den zahlreichen Ständen des Dresdner Striezelmarktes an einer Menge dieser Kunst erfreuen. Denn Schwibbögen, Lichterengel und Pyramiden kann man hier auch in kleineren Größen an den Ständen erwerben. Natürlich findet man aber nicht nur in Dresden eine Menge an erzgebirgischer Weihnachtskunst. Auch die Weihnachtsmärkte in Leipzig, Schwarzenberg, Freiberg, Görlitz, Seiffen oder Bautzen können neben vielen Weihnachtsspezialitäten, weihnachtliche Handwerkskunst aus dem Erzgebirge vorweisen und auf eine lange Tradition zurückblicken.

Nicht ohne Grund gilt Sachsen mit seinen Jahrhundertealten Weihnachtsbräuchen und Traditionen als Weihnachtsland - und dazu haben die Erzgebirgler einen großen Teil beigetragen. 


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