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„Ein Kinogänger bleibt ein Kinogänger“

22.01.2019 von

Foto: Julia Scholl
Gedämpftes Getuschel dringt durch den schmalen Spalt zwischen den Sitzen. Während die weit aufgerissenen Augen das Licht im Saal spiegeln, greift die Hand routiniert in die Tüte. Popcorn kullert auf den braunen Teppichboden. Der Duft von Butter, Zucker und alten Polstersesseln steigt in die Nase. Das Licht geht aus. Jetzt erhellt nur noch das neongrüne Notlicht den Raum. Der Vorhang öffnet sich. 

  „Kino ist ein Event, ein Erlebnis und das lassen sich die Menschen noch nicht nehmen”, erklärt Andreas Ronneberger. Er ist der neue Betreiber der Filmbühne Mittweida. In die Kino-Branche ist er durch Zufall eingestiegen. 2001 hat er neben dem Lehramtsstudium als Kartenabreißer im Kino in Halle Neustadt angefangen. Und ist hängen geblieben: „Naja einmal Kino, immer Kino, sagt man.” In elf Jahren hat er sich vom Einlass über die Kasse bis hin zum stellvertretenden Leiter hochgearbeitet. 2012 hat er sich entschlossen, das Brühl Cinema in Zeitz nach eineinhalb Jahren Schließung wieder zum Leben zu erwecken. Das Gleiche hat er jetzt mit der Filmbühne in Mittweida vor.

  Es war einmal … ein Theater


  Die Filmbühne ist schon lange in Mittweida verwurzelt und geht bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Das Gebäude wurde 1857 gebaut und zunächst als Theater genutzt. Im Jahr 1912 musste das Stadttheater jedoch aus finanziellen Gründen ausziehen und das Gebäude wurde als Kino wiedereröffnet, damals noch unter dem Namen „Theaterhaus-Lichtspiele“. Trotz der viele Umbauten konnten prägnante Merkmale erhalten bleiben. Besonders der große Saal spiegelt mit dem blauen Farbschema, dem geschwungenen Rang und der fein strukturierten Decke den Stil der 20er Jahre wider. Als das Kino 1998 in neuen Besitz überging, bekam es den Namen „Filmbühne“ und dieser hat sich seitdem nicht geändert. Doch bis vor Kurzem war die Zukunft der Filmbühne unsicher, da die Betreiberfirma insolvent gegangen ist. Andreas Ronneberger hat sich nach einigen Gesprächen mit Verantwortlichen und Freunden entschieden, die „Filmbühne“ zu übernehmen. Kleine Kinos stehen in Konkurrenz zu großen Ketten wie Cinemax, aber er sieht Vorteile in kleinen Häusern: „Es sind magere Zeiten für Kinobetreiber, aber kleine Kinos können auch flexibler auf das Publikum eingehen, das ist ihr Vorteil. Natürlich ist der Besucherrückgang um 20 Prozent auch an uns nicht vorübergegangen, aber ich glaube, dass wir hier im Vorteil sind, weil wir keinen so langen Rattenschwanz an Verwaltung haben wie große Ketten“, so Ronneberger.

Das Geschäft mit Film und Popcorn

  Das Popcorn wird in der „Filmbühne“ frisch gemacht und so umspielt der Duft nach Mais und Zucker unser Gespräch. Popcorn gehört zum Kinobesuch dazu. Doch die Snacks und Getränken spielen auch für den Betreiber eine wichtige Rolle. Denn von den Eintrittskarten könne er sein Personal nicht bezahlen, abzüglich der Leihkosten, des Stroms etc. bleibe nicht mehr viel übrig, so Ronneberger. So müssen das Popcorn und die Limonade das Personal finanzieren.

  Doch egal ob große Kette oder kleine Filmbühne, die Kinobranche hat ihren eigenen Rhythmus. „Die Kino-Branche funktioniert nach eigenen Regeln, denn die Beziehung zwischen Verleiher und Kinobetreiber ist wie ein Gentleman-Agreement. Es gehört schon viel Vertrauen dazu, gerade bei der Abrechnung.“ Der Kinobetreiber verkauft seine Karten und teilt dem Verleih den Verdienst mit, darauf basierend wird abgerechnet. Auch hinter den Kulissen der Branche dreht sich viel um Zahlen. Denn der Besucher-Durchschnitt am Startwochenende eines Filmes entscheidet darüber, welches Kino eine Kopie des Films bekommt und welches nicht. Das findet Andreas Ronneberger schade, gerade für kleine Kinos wie die Filmbühne. Er muss einen Film mindestens drei Wochen spielen, auch wenn der Saal schon in der zweiten Woche leer ist. Der Verleih sei in der Zeit vor der digitalen Filmvorführtechnik hängen geblieben. „Bei einem Film, der wahrscheinlich nicht ganz so gut laufen wird, werden zum Beispiel die Kopien künstlich limitiert, um den Schnitt zu erhöhen. Oft bekommen kleine Kinos den Film dann nicht, obwohl er vielleicht gut ins Programm gepasst hätte“, so Ronneberger. „Die Kinobetreiber sollten selbst entscheiden können, ob sie einen Film spielen möchten.“ Durch mehr Flexibilität in der Programmplanung könne man Netflix und Co. etwas entgegensetzen, so Ronneberger. Diese wären im Vorteil, denn sie könnten viel schneller auf das Publikum reagieren.

  Denn obwohl Andreas Ronneberger nicht der Ansicht ist, dass Streaming on demand einen direkten Einfluss auf den Besucherrückgang hat, so sei Netflix doch ein Konkurrent im Bereich Freizeitgestaltung. „Aber sind wir mal ehrlich: einen Film wie ‚Fantastic Beasts‘ auf der großen Leinwand mit zehn Freunden zu sehen, die ich zu Hause niemals auf die Couch bringen würde, ist einfach schöner. Ein Kinogänger bleibt eben ein Kinogänger.“

Am Boden der Popcorn-Tüte kleben noch letzte Maiskörner. Die letzten Zeilen des Abspanns laufen über die Leinwand. Dann schließt sich der Vorhang und das Licht geht an.

 

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